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Mittwoch, 19. September 2007

Hypertext (10): Jimmy Wales: Wikipedia

siehe auch:
(1): Text und Linearität
(2): Computer und Hypertext
(3): Inhaltseinheiten und Verlinkung
(4): Suchen und Stöbern
(5): Orientierungsmittel für Hypertext
(6): Hypertext und Informationsaufnahme
(7): Vannevar Bush: Memex
(8): Ted Nelson: Xanadu
(9): Tim Berners-Lee: World Wide Web


Das jüngste Projekt in unserem Hypertext-Meilenstein-Rückblick ist wohl zugleich auch das umstrittenste. Den einen ist es vielleicht nicht groß genug für einen Meilenstein der Hypertext-Geschichte, weil es nur ein einzelnes Webprojekt ist, also ein kleiner Teil von Tim Berners-Lee's Projekt. Den anderen ist es vielleicht nicht gut genug für einen Meilenstein, weil sie mit Wikipedia viel Negatives verbinden, angefangen von hässlichen Editier-Kriegen bis hin zum Vorwurf mangelnder Qualität, weil sich zu viele Laien und Möchtegern-Experten an der Entstehung der Inhalte beteiligen. Die Kritik, der Wikipedia ausgesetzt ist, bestätigt jedoch die Bedeutung des Projekts. Denn Fakt ist, dass Wikipedia binnen weniger Jahre die Enzyklopädie des menschlichen Wissens geworden ist. Realisiert als Projekt innerhalb des World Wide Web, demonstriert Wikipedia vor allem eine neuere Art von Webanwendung, die extrem hypertextorientiert ist und wichtige Voraussetzungen schafft, unter denen Menschen überhaupt Lust bekommen, an Hypertext-Inhalten mitzuarbeiten.

Geschichte des Wikipedia-Projekts

Die Geschichte der Wikipedia hat eine Vorgeschichte, die aus zwei wichtigen Strängen besteht.

Der eine Strang besteht darin, dass im Laufe der 90er Jahre erste Digitalpublikationen herkömmlicher Enzyklopädien erschienen. 1994, als 4stellige Preise für CD-ROM-Laufwerke üblich waren, erschien die Encyclopædia Britannica erstmals auf CD-ROM. 1996 brachte Microsoft mit Encarta eine neuartige, multimediale Enzyklopädie auf CD-ROM (später auf DVD) heraus, die selbst bei notorischen Microsoft-Gegnern großen Respekt erntete. Diese beiden Produkte verankerten die Möglichkeit digitaler, bildschirmorientierter Wissensvermittlung in zahlreichen Köpfen. Der Boom des World Wide Web Mitte bis Ende der 90er Jahre verstärkte die Tendenz zur elektronischen Präsentation von Inhalten.

Der andere Strang besteht darin, dass zeitgleich Überlegungen angestellt wurden, wie man in dem noch jungen Medium World Wide Web enzyklopädisches Wissen so realisieren könnte, dass ein größerer Autorenkreis ohne internet-technische Tiefenkenntnisse daran arbeiten kann. Der amerikanische Programmierer Ward Cunningham, der maßgeblich an zwei modernen Programmierparadigmen beteiligt ist, nämlich an Design Patterns (Entwurfsmuster) und Extreme Programming, erfand 1995 eine zunächst noch wenig beachtete, neuartige Webanwendung: das sogenannte Wiki Wiki Web. Die Original-Site, für das diese Anwendung gestrickt wurde, ist noch heute unter dem Titel Wiki Wiki Web online. Es beinhaltet bereits viele Konzepte moderner Wiki-Systeme.

WikiWiki-Bus Die einprägsame Bezeichnung Wiki verdanken wir der Tatsache, dass Cunningham öfters nach Hawaii kam. Am Flughafen erklärte man ihm, er solle den Wiki-Wiki-Bus nehmen, der die Terminals verbindet. Auf seine Nachfrage hin erfuhr Cunningham, dass wiki wiki im Hawaiianischen so viel wie schnell bedeutet. Schnell und unkompliziert sollte auch das Bearbeiten von Inhalten in seiner Webanwendung sein.

Cunningham's Original-Wiki erreichte zwar stattliche Ausmaße, doch es war keine allgemeine Enzyklopädie. Während die großen Lexikonverlage sich schwer taten mit Internet-Versionen ihrer Enzyklopädien, entstanden innerhalb des Webs neue Projekte dieser Art. Eins davon nannte sich Nupedia und startete im März 2000. Die Gründer von Nupedia waren zwei Amerikaner namens Jimmy Wales und Larry Sanger. Nupedia wurde von einem kleinen Kreis von Fachautoren gepflegt. Die Artikel wurden streng geprüft und hatten durchweg hohes Niveau. Ein anderes, konkurrierendes Webprojekt sollte GNUpedia werden, das vom Urvater der OpenSource- und OpenContent-Bewegung Richard Stallman initiiert worden war. GNUpedia war offener und auch für Laien-Autoren konzipiert. Die Situation der beiden verklüngelten und doch konkurrierenden Online-Enzyklopädie-Ansätze war jedoch unbefriedigend für alle Beteiligten.

Jimmy WalesJimmy Wales zog daraus seine Konsequenzen. Unter dem für Nupedia drohenden Konkurrenzdruck, der von GNUpedia ausging, implementierte er eine Art Sammelbecken für Nupedia. Das Ziel war es, mehr Autoren aus der breiten Öffentlichkeit zu gewinnen. Gute Artikel aus dem Sammelbecken sollten dann in Nupedia übernommen werden. Bei der Software für die Webanwendung des Sammelbeckenprojekts orientierte sich Wales an Cunninghams Wiki Wiki Web. Deshalb tauft Wales sein Sammelbecken Wikipedia.

Das Wikipedia-Konzept war jedoch so überzeugend und wuchs binnen kürzester Zeit so schnell, dass sowohl Nupedia als auch GNUpedia alsbald nur noch Makulatur waren. Bereits nach zwei Monaten hatte Wikipedia über 2000 Artikel, und es wurden bereits mehrsprachige Versionen implementiert. Die Wachstums-Statistik der Artikelzahlen liest sich wie ein Märchen. Nach einem halben Jahr, also Mitte 2001, verzeichnete die englische Version bereits über 3.000 Artikel, die im Mai 2001 gegründete deutsche Version kam zum gleichen Zeitpunkt auf etwas über 300 Artikel. Im Dezember 2002 wurden erstmals mehr als 100.000 Artikel in der englischen Version gezählt. Die deutsche Version lag zeitgleich bei knapp unter 10.000 Artikeln. Derzeit (Stand: September 2007) kommt die englische Version auf genau 2 Millionen Artikel und die deutsche auf knapp 640.000. Zum Vergleich: der Brockhaus multimedial premium, Ausgabe 2007, bringt es gerade mal auf 260.000 Artikel.

Faszination und Problematik des Wikipedia-Projekts

Bei Hypertext gibt es wie bei linearem Text Autoren und Leser. In einem Medium wie dem World Wide Web, wo sich Texte digital und online verbreiten, fehlen jedoch die klassischen Bedingungen, die eine klare Trennung zwischen Autoren und Lesern überhaupt nötig machten. Es gibt keine Druck- und Lagerkosten, keine produzierenden Verlage, kein verteilenden Zwischenhändler und keine begrenzten Auflagen mehr. Es gab und gibt zahlreiche Möglichkeiten im Web, direkt und frei zu publizieren. Doch von dem Grundgedanken, dass Autoren und Leser zwei sehr getrennte Spezies sind, konnte man sich nach Jahrhunderten der Buchwelt und der Broadcasting-Medien nur schwer lösen. Nicht zuletzt deshalb entwickelte sich das Web zunächst auch in Richtung eines reinen Präsentationsmediums. Spontan publiziert wurde allenfalls in Communities und Foren, doch da nennt sich das Posten und wird von den Akteuren nicht als redaktionelle oder publizistische Arbeit empfunden.

Wikipedia ist das erste Projekt, bei dem es im großen Stil gelungen ist, die Grenzen zwischen Nutznießen und Mitmachen, zwischen Rezipieren und Publizieren, zwischen Leser und Autor aufzuheben. Ein wichtiger Aspekt für diesen Erfolg war, dass Jimmy Wales, der anfänglich noch versuchte, seine Webprojekte über Werbeeinnahmen zu finanzieren, rechtzeitig erkannte, dass er sein Ziel damit nicht erreichen würde. Wikipedia wurde werbefrei, und stattdessen setzte Wales bei der Wiki-Software auf OpenSource und beim Inhalt auf eine Lizenzform aus dem OpenContent-Bereich, die sogenannte GNU Free Documentation License (inoffizielle deutsche Übersetzung). Wer bei Wikipedia publiziert, akzeptiert damit diesen rechtlichen Rahmen. Finanziert wird das Projekt durch Spenden an die dafür gegründete Wikimedia-Stiftung.

Da eine Enzyklopädie das Wissen der Menschheit speichert, ist es kein Wunder, dass viele Menschen etwas dazu beitragen können. Denn es geht ja schließlich nicht nur um große Persönlichkeiten oder Geschehnisse, sondern auch um die Ortschaften dieser Welt, um Modelleisenbahnen, Hunderassen und die soziale Wirklichkeit, die aus Hypotheken, Kindergeld und Urlaubmachen besteht. Gerade heimatkundliches, zeitgeschichtliches oder arbeitspraktisches Wissen ist in der Breite der Bevölkerung gespeichert. Wikipedia ist es gelungen, die normale Bevölkerung zu ermutigen, solches Wissen beizutragen.

Doch wo viele Menschen wahllos publizieren, entsteht zwangläufig Chaos. Tatsächlich hat Wikipedia mit etlichen negativen Begleiterscheinungen der globalen Kollaboration zu kämpfen. Ideologische Grabenkämpfe etwa, die zu Edit-Wars führen, oder Vandalismus, also bewusstes Zerstören oder Verfälschen von Inhalten, oder schleichender Lobbyismus, der Inhalte einfärbt. Wikipedia ist jedoch kein kleiner Kreis überforderter Administratoren, die sich einem zahlenmäßig überlegenen Mob gegenübergestellt sehen. Wikipedia ist selbstorganisiert, organisch also. Das oberste Prinzip, die wertneutrale Darstellung, wird von den meisten Akteuren geteilt und vefochten. Diverse Funktionen der Wiki-Software unterstützen dabei, das System stabil zu halten. Unerwünschte Löschungen oder Änderungen lassen sich einfach rückgängig machen, da die Wiki-Software jeden abgespeicherten Bearbeitungsstand eines Artikels aufbewahrt. Die Software zeigt auf Wunsch auch, was in einem Bearbeitungsstand gegenüber einem anderen verändert wurde. Zu jedem Artikel gibt es eine Diskussionsseite. Unterschiedliche Auffassungen über Inhalte können dorthin verlagert werden. Dennoch führt der immerwährende Kampf gegen unerwünschte oder destruktive Tendenzen zu einem nicht ganz lupenreinen Gesamt-Image von Wikipedia in der Fachwelt. Innerhalb von Wikipedia gibt es Inhalte, die Antworten auf Kritik enthalten oder den Außenspiegel wagen.

Larry SangerEiner der schärfsten Kritiker des Wikipedia-Projekts ist übrigens Mitbegründer Larry Sanger, von dem sich Jimmy Wales ein Jahr nach Gründung von Wikipedia trennte. Sangers Hauptproblem mit Wikipedia ist die hemmungslose Demokratisierung der redaktionellen Prozesse. Nupedia, dessen Inhalte ausschließlich von ausgewählten Fachautoren erstellt wurden, entsprach eher seinen Vorstellungen einer web-basierten Enzyklopädie. Zu Nupedia-Zeiten dachte Sanger eindeutig noch in akademischen Zeitvorstellungen. Als Nupedia eingestellt wurde, gab es gerade mal zwei Dutzend abgesegneter Artikel, die den hohen Qualitätsvorstellungen entsprachen. Eine Konkurrenz für die existierenden Verlags-Enzyklopädien wäre daraus wohl frühestens nach dreihundert Jahren entstanden. Allerdings erhob Larry Sanger den Anspruch, als erster die zündende Idee zu Wikipedia gehabt zu haben. Mit der Sammelbecken-Funktionalität hatte er sich nämlich durchaus anfreunden können. Denn seine Vorstellung war zwar eine Elite-Klasse von Lexikon-Autoren, doch mussten dies keine Autoren mit klassischen Referenzen sein. Details seiner Kritik an Wikipedia sind gebündelt in einem Interview mit der Schweizer Sonntagszeitung nachzulesen.

Mittlerweile unternimmt Sanger einen neuen Versuch, eine qualitativ höherwertige Enzyklopädie im Web zu realisieren: das 2006 gestartete Projekt Citizendium basiert auf der gleichen Wiki-Software wie Wikipedia und dem gleichen Ziel, das gesamte Wissen der Menschheit zu repräsentieren, will jedoch redaktionell elitärer vorgehen. Allerdings unterscheidet sich die von Citizendium betriebene Autoren-Rekrutierung unwesentlich von derjenigen, die neuerdings auch von einem traditionellen, verlagsgebundenen Projekt wie Meyers Lexikon online ausprobiert wird. Die Erfahrung im Web lehrt jedoch, dass solch übervorsichtige Öffnungen nach außen nicht mehr sehr beliebt sind. Gerade potentielle Jungautoren mit Web-Erfahrung wollen sich nicht mehr als Bittsteller vorkommen, die einen Artikel „einreichen“ in der Hoffnung, dass er vom Überwachungskuratorium übernommen wird. Sie wollen publizieren und sich dabei die Hörner abstoßen.

An Wikipedia reiben sich also alte und neue Vorstellungen darüber, was als menschliches Wissen und Gedächtnis zu gelten hat, und wie das dort Gespeicherte zustande kommen soll. Wikipedia verwirklicht den Traum vieler Hypertext-Begeisterter. Doch wie bei jeder Verwirklichung von spannenden Gedanken macht sich auch hier der Geist schmutzig. Der unverminderte Erfolg von Wikipedia zeigt indessen, dass mit dem gewachsenen System aus Editierfreiheit, Vorgaben und Kontrollen durchaus ein Hypertext-Projekt realisierbar ist, das zigtausende von Autoren zählt und zig Millionen Benutzer, ohne quasi militärisch organisiert zu sein.


Dienstag, 31. Juli 2007

An Wikipedia schrauben im Dienste der Barrierefreiheit

Wie das Barrierefrei-Magazin Einfach für alle am 24. Juli 2007 berichtete, hat sich eine Initiative gebildet, um Wikipedia besser zugänglich zu machen — zu finden auf der Wikipedia-internen Seite Wikipedia:BIENE. Die BIENE ist der bekannteste deutsche Award im Bereich Barrierefreiheit. Anlass für die Initiative innerhalb der Wikipedia ist, dass die BIENE sich für 2007 vorgenommen hat, große Anbieter von Web-2.0-typischen Services genauer unter die Lupe zu nehmen. Dabei wird auch Wikipedia genannt.

Nun weiß jeder, der sich einmal mit der Barrierefreiheit von Webseiten befasst hat, dass dies eine vielschichtige Angelegenheit ist. Es beginnt schon damit, dass der Ausdruck „barrierefrei“ sich nicht einfach als Euphemismus für „behindertengerecht“ versteht. Auch Unübersichtlichkeit oder schwere Textverständlichkeit stellen Barrieren dar, und nicht nur Menschen mit Behindertenausweis scheitern an solchen Barrieren. Wobei die Grenzen natürlich von Mensch zu Mensch sehr verschieden sind. Ebenso verschieden wie die Ansprüche und anvisierten Zielgruppen von Web-Inhalten. Es gibt formale Regeln, die mit etwas redaktioneller Disziplin leicht einhaltbar sind, etwa die Verwendung von Alternativtexten bei Grafik und Multimedia, oder zusammenfassende Beschreibungen für Tabellen. Doch bei Themen wie Unübersichtlichkeit oder Textverständlichkeit scheiden sich die Geister. Manche finden viele Links auf der Startseite praktisch, andere werden dadurch verwirrt. Die einen verstehen keinen Satz mit mehr als zehn Wörtern, und andere fühlen sich eher für dumm verkauft, wenn sie wie bei der Sendung mit der Maus angesprochen werden.

Ein Webprojekt wie Wikipedia, dessen Bedeutung für die Menschheit von Tag zu Tag wächst, muss sich allerdings mit all diesen Dingen auseinandersetzen. Die BIENE-Initiative ist dabei wohl sicher nicht der erste Gedanke, der bei den Wikipedianern an das Thema Barrierefreiheit verschwendet wurde. Denn trotz des chaotischen HTML- und CSS-Gewirrs, durch das sich das Standard-Monobook-Layout der MediaWiki-Software auszeichnet, macht die komplexe Wikipedia-Startseite zumindest im Lynx-Browser einen recht ordentlichen Eindruck, wie auch der Lynx-Viewer von K&K Software bestätigt.

Gut gelöst ist beispielsweise die Möglichkeit, sehr weit oben im Text, für grafische Browser unsichtbar, zur Navigation und Suche springen zu können. Damit wird bereits ein typisches Hindernis und Ärgernis überwunden, an das nur wenige Seiten denken. Denn einerseits ist es für Erstbesucher schlecht, wenn zuerst die Navigation und erst dann der Seiteninhalt präsentiert wird, doch andererseits ist es für Benutzer, die von einer Artikelseite zur Hauptseite zurückspringen absolut nervtötend, sich jedesmal wieder durch den Einführungstext bis zur Navigation quälen zu müssen.

Auch die relativ weit oben angesiedelten Links zur Groborientierung, die zu Unterportalen wie Geographie, Geschichte oder Gesellschaft führen, sind durchdacht platziert. Auf den ersten Blick wirkt die Wikipedia also nicht so, als ob man sich überhaupt noch keine Gedanken zu dem Thema gemacht hätte. Gerade das aber könnte für Webdesigner, die über tieferes Know How in Sachen Barrierefreiheit verfügen, ein Anreiz sein, sich an der Wikipedia:BIENE zu beteiligen. Auf der Seite selbst kann man sich als Mitstreiter eintragen, indem man sie editiert. Oder man probiert erst mal durch Teilnahme an den Diskussionen, wie gut es mit der Wellenlänge mit den anderen Interessenten klappt. Benötigt werden aber nicht nur Webdesign-Experten, sondern auch Vertreter der Zielgruppe, also Web-Benutzer mit Handicaps.

Wichtig ist der Initiative, dass vor allem Lösungen erarbeitet werden, die nicht zur Folge haben, abertausende von Wikipedia-Artikeln umschreiben zu müssen. Die Lösungen sollen bereits auf der Software-Ebene von MediaWiki greifen, oder zumindest auf der Ebene der Skins, also etwa in den Sourcen des Monobook-Layouts. Da ist eigentlich alles erlaubt zu denken, von software-seitiger Artikel-Inhalts-Optimierung bis hin zu einem intelligenten System aus medienabhängigen CSS-Stylesheets. Falls die Initiative zu Ergebnissen führt, könnten die Lösungen möglicherweise auch für andere Software-Anbieter (etwa für Anbieter von Content-Management-Systemen) von Interesse sein.

Diskussionen zu diesem Eintrag im Webkompetenz-Forum:
Wikipedia will barrierearmer werden


Dienstag, 3. Juli 2007

Unbildung im Informationsdschungel

Vor einiger Zeit erschien der Telepolis-Artikel Die besten Kopisten konnten nicht lesen — ein Interview mit „Österreichs Wissenschaftler des Jahres 2006“, dem außerordentlichen Wiener Philosophieprofessor Konrad Paul Liessmann (Homepage). Es geht in dem Interview um die Frage, ob die Menschen durch den intensiven Einfluss moderner elektronischer Medien irgendwie schlauer, gebildeter und klüger werden. Liessmanns Antwort ist, dass alle Medien zu mehr Klugheit beitragen können, doch nur dann, wenn die Menschen wissen, wie sie die Medien richtig nutzen. Man kann also nicht von Medien erhoffen, dass diese allein durch eine fortschrittlichere technische Beschaffenheit die Menschheit auf eine neue geistige Stufe heben.

Liessmann stellt fest, dass die Summe von menschlicher Dummheit und Klugheit im wesentlichen konstant geblieben ist, allem medialen Überfluss unserer Zeit zum Trotz. Denn in dem Maß, in dem Informationen leichter verfügbar geworden sind und die Anzahl von Informationsquellen zugenommen hat, hat sich die verbindliche Kraft einer „normativen Bildungsidee“ verflüchtigt. Liessmann wörtlich: „Unbildung ist nicht gleich Unwissen oder Dummheit. Unbildung bedeutet die Abwesenheit einer normativen Bildungsidee. Das ist der Unterschied zwischen gegenwärtigen Konzepten zur Wissensgesellschaft und jenen aus der Vergangenheit“.

Mit der Beobachtung, dass der klassische „abendländische“ Bildungskanon in den letzten Jahrzehnten allmählich aus den Köpfen der Menschen entweicht, steht Liessmann sicherlich nicht allein. Immerhin sieht er die gegenwärtigen Entwicklungen pragmatisch und versucht nicht krampfhaft, sich für die Rettung der alten Wissensordnung stark zu machen. Als Realist ist ihm zu klar, dass die Entwicklung nicht mehr rückgängig zu machen ist. Allerdings spart er nicht mit Kritik an trendigen Euphorismen, etwa wenn er die Visionen vom kollaborativen Schreiben in Wikis mit dem Hinweis auf anonyme Schreibkollektive in der früheren DDR abtut, die gemeinsam mit vielen anderen sozialistischen Zwangsvorstellungen im Keller der Kulturgeschichte gelandet sind.

Doch gerade die Wikis sind damit nicht wirklich angreifbar. Das Konzept, dass jemand einfach so den Text eines anderen umschreiben kann, und dass auf diese Weise viele Inhalte am Ende nicht mehr von einem Autor stammen, sondern Ergebnisse von informellen Review-Prozessen sind, ist natürlich ein herber Schlag gegen die klassische Autorenherrlichkeit. Und mehr noch, es ist ein Bruch mit dem bisherigen Rollenverständnis von Akteuren und Publikum. Im Gegensatz zu den anonymen Schreibkollektiven der früheren DDR kann man Wikis jedoch nicht mehr als Randerscheinung betrachten. Wikipedia ist eines der größten kulturellen Projekte der Gegenwart, und in immer mehr Firmen und anderen Organisationen werden Wikis erfolgreich eingesetzt, um Praxiswissen zusammenzutragen, zu strukturieren und zu bewahren. Wikis sind kein Ergebnis der Übertragung sozialistisch-idelologischer Vorstellungen auf die Produktion von Inhalten. Sie sind vielmehr entstanden, weil die Zeit dafür reif war.

Dass die „Dummheit“ der Menschen konstant ist, lässt sich meines Erachtens nur spekulativ behaupten (ebenso wie das Gegenteil), weil jedes empirische Testverfahren Maßstäbe ansetzt, die man ebensogut in Frage stellen kann. Vermutlich ist es auch eher dumm, überhaupt zu fragen, ob die Menschheit als Ganzes klüger oder dümmer wird. Fest steht, dass sie sich verändert, und dass solche Veränderungen nicht aufhaltbar sind. Also bleibt nur, sich mit den Veränderungen auseinanderzusetzen. Einige Veränderungen erweisen sich als schädlich, andere dagegen als nützlich. Es gilt, weitere Verdänderungen so voranzutreiben, dass sie vor allem auf den nützlichen Veränderungen basieren. Veränderungen sind aber immer auch mit Verlustängsten verbunden. Wo die einen Erfolge des social Networking bejubeln, sind andere bestürzt über den rapiden Schwund klassisch-abendländischen Bildungsguts. „Unbildung“ mag ein vorübergehend verständlicher Begriff sein, um die verwirrend vielfältige, stark technisierte Medienumgebung zu kennzeichnen, die der Niedergang bildungsbürgerlicher Ideale hinterlässt. Auf die Dauer gesehen wird sich jedoch vermutlich eine andere Sichtweise dieser bunten Pixelwelt aus Millionen von Angeboten und Mitmachmöglichkeiten durchsetzen — auch in der Kultur- und Medienphilosophie. Es ist eine Frage der Gewöhnung, und auch die Philosophie gewöhnt sich, über Jahrzehnte und Jahrhunderte gesehen.

Diskussionen zu diesem Eintrag im Webkompetenz-Forum:
Zum Blog-Eintrag: Unbildung im Informationsdschungel


Mittwoch, 27. Juni 2007

Bund fördert Wikipedia-Inhalte

Frei und gleichzeitig erfolgreich zu sein ist eine wirklich tolle Mischung, die leider nur selten gelingt. Bei Wikipedia ist sie bekanntlich gelungen, und zwar so gut, dass selbst die notorischen Kritikaster des größten Enzyklopädie-Projekts der Menschheit ihre helle Freude daran haben, weil sie immer wieder neue Gründe für Schmähungen geliefert bekommen. der neueste Grund könnte diese Meldung sein. Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (kurz: Seehofer) beauftragt die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR) damit, Fachartikel für Wikipedia zu erstellen oder bestehende Artikel zu verbessern. Betroffen ist das Themengebiet nachwachsende Rohstoffe.

Das Kalkül ist klar und wird auch gar nicht verschwiegen: Wikipedia ist die ideale Plattform, um Sachinhalte einführend und allgemeinverständlich zu publizieren. Ein interessanter Sinneswandel, der zum Weiterdenken einlädt. Bislang hat man wegen jedem Pippifurz dieser Art erst mal eine neue Domain eröffnet (in diesem Fall also beispielsweise www.nachwachsende-rohstoffe.de ;-). Doch nun entdeckt man plötzlich, dass man nicht mehr für alles eine neue Adresse braucht, sondern dass es manchmal sinnvoller ist, Inhalte im Rahmen bestehender Plattformen zu publizieren, die user generated content ermöglichen. Nicht mehr ins Web stürmen nach dem Motto „hallo ihr da draußen, jetzt kommen wir!“, sondern erst mal überlegen, wie man sich in der gewachsenen Hypertext-Struktur des Webs am sinnvollsten platzieren kann. Diese Lektion haben die Seehofer-Leute also wirklich gut gelernt.

Der andere Aspekt der Angelegenheit ist jedoch etwas heikler. Da sollen also bezahlte Auftragsschreiber in Wikipedia editieren, die natürlich nur des' Liedchen singen, wes' Brötchen sie essen (Seehofers Brötchen in dem Fall). Bezahlen tun wir es letztendlich mit unseren Steuergeldern, insofern ist der Kreislauf so weit in Ordnung. Denn Informationen sind längst so wichtig wie Autobahnen, also ist es normal, dass Steuergelder in die Bereitstellung von Bürgerinformation fließen. Doch wie viel wird das kosten, sollten sich die Auftragsschreiber in den endlosen Edit-Wars einer kollaborativen Web-2.0-Plattform verlieren? Und wie unabhängig kann das Wikipedia-Projekt auf die Dauer gesehen bleiben, wenn das Beispiel Schule macht und sich in den nächsten Jahren alle möglichen Verbände, Vereine und Lobbyisten hauptberuflich „ihren“ Themenbereich in Wikipedia krallen und beackern wie ein Bauer „sein“ Stück Land? Vielleicht kann man es ja auch mal ganz entspannt als Versuchsballon betrachten.

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Zum Blog-Eintrag: Bund fördert Wikipedia-Inhalte


 

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