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Montag, 3. September 2007

Hypertext (9): Tim Berners Lee: World Wide Web

siehe auch:
(1): Text und Linearität
(2): Computer und Hypertext
(3): Inhaltseinheiten und Verlinkung
(4): Suchen und Stöbern
(5): Orientierungsmittel für Hypertext
(6): Hypertext und Informationsaufnahme
(7): Vannevar Bush: Memex
(8): Ted Nelson: Xanadu


Die Mehrheit der Bürger ist im Internet, was allein schon ein unglaublicher Wandel ist, der da innerhalb von 10 bis 15 Jahren stattgefunden hat. Nicht wenige verdienen ihr Geld im oder durch das Internet. Dabei meinen die meisten, wenn sie vom Internet reden, gefühlt zu etwa 80% World Wide Web, zu 15% E-Mail und zu 5% Sonstiges, wie Instant Messaging, VoIP-Telefonie, IRC-Chat, Peer-to-Peer-Anwendungen usw. Für viele Menschen ohne tiefere Internet-Kenntnisse sind Internet und World Wide Web schlichtweg Synonyme. Denn erst durch das Web ist das Internet ein Massenmedium geworden. Dabei ist das Web jedoch kein ultrakomplexes Produkt, sondern ein griffiges Konzept, das im Kopf eines einzigen Mannes entstanden ist.

Die Vorgeschichte

Tim Berners-Lee Tim Berners-Lee (persönliche Homepage beim W3-Konsortium, persönliches Weblog) ist ein bescheidener Zeitgenosse geblieben, obwohl seine kulturgeschichtliche Bedeutung immer wieder mit derjenigen von Johannes Gutenberg verglichen wird, und obwohl er als britischer Landsmann im Jahre 2004 von Queen Elizabeth II zum Ritter geschlagen wurde. Der 1955 geborene Berners-Lee studierte Physik in Oxford und gelangte 1984 zum europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf. wo er 1980 erstmals als Software-Consultant tätig gewesen war.

Bereits Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre war Berners-Lee besessen von der Idee einer Software, die alles mit allem verknüpft. Die Idee selbst war ja dank Persönlichkeiten wie Vannevar Bush oder Ted Nelson nicht mehr neu. Doch in der Zeit, von der hier die Rede ist, war es alles andere als selbstverständlich, dass jemand wie Berners-Lee sich mal eben mit der bisherigen Hypertextgeschichte auseinandersetzen und auf vorhandenen Konzepten aufsetzen konnte. Das, was dazu nötig gewesen wäre, gab es einfach noch nicht: nämlich weltweit vernetzte, sofort verfügbare Information. Außerdem wurde Nelsons Terminus Hypertext erst Ende der 80er Jahre zu einem zumindest in der Wissenschaft verbreiteten Begriff.

Berners-Lee experimentierte zunächst mit einer selbst geschriebenen Software namens Enquire (to enquire = erkundigen, nachfragen, erforschen), die er bei seinem ersten CERN-Consulting 1980 konzipiert hatte. Er nutzte Enquire, um alles zu vernetzten, was er an persönlichen Daten und Dokumenten hatte: Adressen, Notizen usw. Enquire war ein lokal ausgerichteter Hypertext-Interpreter. Er erlaubte Links innerhalb eines Dateisystems und Links zu definierten Ankern innerhalb einer Datei, später auch zu Zielen jenseits des lokelen Dateisystems. Seine Informationen speicherte er in einer einzelnen Datenbankdatei. Doch damit war Berners-Lee auf die Dauer nicht zufrieden. Er wollte keine Hypertext-Software-Lösung für Einzelbenutzer oder geschlossene Arbeitsgruppen, sondern eine globale Lösung, ein dezentral auf beliebig weit entfernte, leitungsverbundene Rechner verteilbares Hypertext-System, das nicht aus einer Zentraldatenbank bestand. So kam Berners-Lee auf die Idee, seine Hypertext-Idee als Dienst für das Internet zu konzipieren.

Die Säulen des Web

Die meisten Internet-Dienste sind client-server-orientiert. Benutzer, die den Dienst nutzen wollen, verwenden einen Dienste-Client. Der Dienste-Client ermöglicht es, eine Anfrage in der diensteigenen Protokollsprache an einen anderen Rechner im Internet zu richten (Internet-Dienste werden durch sogenannte Portnummern unterschieden). Wenn auf dem angewählten Rechner ein entsprechender Dienste-Server läuft, bekommt dieser die protokolleigene Anfrage über die vereinbarte Portnummer zugewiesen, kann sie auswerten und entsprechend reagieren, z.B. durch Senden angeforderter Daten. Nach diesem Muster konzipierte Berners-Lee auch das World Wide Web. Wer Informationen auf einem Internet-Rechner anbieten wollte, benötigte einen dienste-spezifischen Server, in diesem Fall einen Webserver. Wer solche Informationen abrufen wollte, benötigte hingegen einen Web-Client. Berners-Lee entwickelte folgende zentrale Komponenten des Webs:

Nachdem die ersten Fassungen des Webservers und des HTTP-Protokolls zur Verfügung standen, konnte der erste Web-Browser zum Einsatz kommen. Es war ein reiner Zeilen-Browser für eine nichtgrafische Oberfläche. Auf Unix-Systemen war er typischerweise unter /usr/local/bin/www aufrufbar. Er benutzte eine zum Programmumfang gehörende Datei namens default.html als voreingestellte Startseite.

Screenshot von Tim Berners-Lee's Original-WorldWideWeb-Browser für Textoberflächen
Screenshot von Tim Berners-Lee's Original-WorldWideWeb-Browser für Textoberflächen
Original siehe http://info.cern.ch/LMBrowser.html

Der Browser für den Textmodus entsprach allerdings nicht Berners-Lee's Vorstellungen von der Zukunft von Hypertext. Anfang der 90er Jahre gewannen grafische Benutzeroberflächen immer mehr an Bedeutung. Berners-Lee selbst arbeitete bevorzugt mit NeXT-Rechnern, einem unix-basierten Edel-Betriebssystem von Apple-Gründer Steve Jobs. Der erste NeXT-Browser entsprach weitgehend dem, was Berners-Lee sich vorstellte:

Screenshot von Tim Berners-Lee's Original-WorldWideWeb-Browser
Screenshot von Tim Berners-Lee's Browser für NeXT-Computer
Original siehe http://info.cern.ch/NextBrowser.html

Genauer betrachtet, dachte Berners-Lee nicht nur in den Kategorien Informationsangebot und Informationsnachfrage. Das Web sollte von Beginn an auch dazu dienen, das Anbieten von Information überhaupt zu ermöglichen. Der Web-Client, den Berners-Lee sich vorstellte, sollte nicht wie heute üblich ein reiner Browser sein, sondern ein Kombi aus Browser und Remote-Editor.

Auch etwas anderes ist an dem NeXT-Screenshot erkennbar: der Browser-Benutzer hatte die Möglichkeit, sich sein persönliches Stylesheet einzurichten. Für die Standardelemente der Original-HTML-Sprache konnte sich der Benutzer bequem einstellen, wie Elemente der entsprechenden Typen bei ihm erscheinen sollen. So hatten alle auf HTML basierenden Web-Dokumente für den Benutzer ein einheitliches Aussehen, das seinen persönlichen optischen Vorlieben entsprach. HTML selbst enthielt deshalb auch gar keine Sprachbestandteile für Formatierungen, abgesehen von primitiven Formatauszeichnungen wie Fettschrift oder Kursivschrift.

Die Kommerzialisierung des Web

Die Kommerzialisierung des Web begann mit einem jungen Mann, der von der Idee des Webs fasziniert war, aber eher mit Dollarzeichen in den Augen und weniger im Dienste der Enzyklopädie des menschlichen Wissens: Marc Andreessen entwickelte den ersten grafischen Web-Browser für bekanntere Benutzeroberflächen als NeXT. Sein Browser mit dem Namen Mosaic avancierte binnen kürzester Zeit zum Volkswagen des Web, erhältlich unter anderem auch für Microsoft Windows. Es war jedoch ein reiner Browser ohne Editier-Funktionalität. Damit war die erste entscheidende Weiche gestellt: die erste große Besucherwelle im Web war beeindruckt davon, in einem einfachen Anwendungsfenster Dokumente aus aller Welt betrachten zu können, die auch noch untereinander vernetzt waren, sodass man nicht viel mehr können musste als auf Links zu klicken. Doch den vielen tausend Menschen, die zwischen 1993 und 1994 durch Artikel in namhaften amerikanischen Zeitungen und Zeitschriften auf das Web aufmerksam wurden und das Glück eines Internetzugangs hatten, wurde durch den Mosaic-Browser auch vermittelt: da gibt es ein paar Gurus, die wissen, wie man Dokumente ins Web bringt, und von denen hängt letztlich ab, was im Web angeboten wird.

Nicht Berners-Lee, sondern Andreessen war es, durch dessen Software-Fenster die Welt das Web erblickte. Gemeinsam mit James H. Clark gründete er eine neue Firma namens Netscape, die einen auf Mosaic basierenden Browser namens Netscape Navigator entwickelte. Dieser Browser brach mit einem weiteren zentralen Konzept von Berners-Lee. Statt dem Benutzer zu überlassen, wie er Inhalte optisch dargestellt bekommen möchte, baute Netscape die HTML-Sprache munter und spontan zu einer bunten Formatiersprache aus. Autoren von Webseiten konnten plötzlich mit Hintergrundfarben, Hintergrundbildern, bunten und veränderlich großen Texten arbeiten, Informationen in mehrere Frame-Fenster verteilen und mit einer kleinen Scriptsprache namens JavaScript allerlei Unfug treiben. Dier Beruf des Webdesigners war geboren (mittlerweile versteht man unter einem Webdesigner natürlich etwas anderes als jemanden, der Texte bunt macht und Benutzer mit kleinen trivialen dynamischen Effekten nervt).

Der Netscape-Browser hatte Mitte der 90er Jahre unter den Web-Browsern eine Marktdominanz wie heute etwa Google bei den Suchmaschinen. Es dauerte reichlich lange, bis der führende Welt-Software-Riese Microsoft bzw. sein Chef Bill Gates erkannten, dass da gerade ein Zug am Abfahren war. In einem gewaltigen Kraftakt versuchte Microsoft verschlafenes Know How aufzuholen. Ab 1997 bzw. Version 4 des hauseigenen Browsers Internet Explorer gewann Microsoft tatsächlich Oberwasser im Browser-Markt. Der Grund war jedoch, dass man den Browser einfach ins Betriebssystem Windows so fest integrierte, dass er bei jeder neuen Windows-Installation der Default-Web-Browser war. Die Konkurrenz strengte Prozesse gegen die Browser-Integration ins Betriebssystem an, doch ohne Erfolg. Der Internet-Explorer verdrängte den Netscape Navigator, doch an der Marschrichtung änderte sich nichts. Web-Browser wurden als Fenster in ein kommerziell orientiertes Web konzipiert. Ohne Editiermöglichkeit, realisiert als möglichst ausgereifte und fehlertolerante Sklaven für die optischen Vorstellungen von Webdesignern und ausgerüstet mit proprietären Techniken für neuere, vor allem kommerziell interessante Nutzungsmöglichkeiten. Die Wunsch-Software der Dotcom-Blase.

Tim Berners-Lee berichtet in seiner Biographie (Weaving the web, deutsche Übersetzung: Der Web-Report) über Begegnungen mit Marc Andreessen. Daraus geht deutlich die Abneigung hervor, die Berners-Lee gegen Andreessens Abkehr von den ursprünglichen Browser-Editor-Vorstellungen und die Anbiederung an die Kommerzwelt hegte. Die Blütezeit der Dotcom-Welle muss für Berners-Lee eine sehr ambivalente Erfahrung gewesen sein: einerseits hatte sein World Wide Web tatsächlich die Welt erobert. Doch andererseits hatte sich das Web in eine vorherrschende Richtung entwickelt, die nicht mehr viel mit den ursprünglichen Vorstellungen von der freien Informationsvernetzung zu tun hatte.

Web 1.0 — Web 2.0

Nicht weniger problematisch ist allerdings das Verhältnis zwischen Tim Berners-Lee und dem, was sich mittlerweile selbst allerortens als Web 2.0 feiert. Denn eigentlich wirkt vieles von dem, was zu den Kern-Features von Web 2.0 gehört (mehr Editiermöglichkeiten für Benutzer, Techniken für intensivere Informationsvernetzung), wie ein Versuch, nachträglich das zu realisieren, was eigentlich das Web des Tim Berners-Lee hätte werden sollen. Andererseits muss es Berners-Lee schmerzen, wenn die Web-2.0-Bewegung von einem falschen Erstzustand des Web ausgeht. Denn das, was diese als das rein konsumorientierte, für passive Benutzer konzipierte Web 1.0 bezeichnet, war eben nicht aber das ursprüngliche Web von Tim Berners-Lee, sondern das Web von Marc Andreessen und Bill Gates. In einem Podcast-Interview (Textmitschrift in Auszügen oder Original-MP3-Podcast (ca. 17 MByte, ca. 25 Minuten) — beides in Englisch) äußert sich Berners-Lee auf diesem Hintergrund sehr kritisch über den Web-2.0-Hype.

Was die Web-2.0-Szene indessen erkannt hat, ist die richtige Mischung für eine produktive Web-Atmosphäre. Sie besteht vorwiegend aus OpenSource und OpenContent, gepaart mit der freiwilligen Energie von Social Networking und nicht-marktschreierischem Unternehmergeist. Das Web ist auch kein reines Wissenschaftsnetz mehr wie in den anfänglichen Vorstellungen von Berners-Lee. Es integriert vielmehr Menschen unterschiedlichster Kulturen und Bildungsschichten, Experten und Dummies, von denen quer durch alle Bänke ein Teil auch aktiv an den Inhalten des Webs mitwirkt. Die von Berners-Lee angedachte Web-Client-Software alleine könnte das Web in heutiger Zeit nicht mehr voranbringen. Denn das Web besteht nur noch zu einem Teil aus Dokumenten im herkömmlichen Sinn. Zum anderen, immer größer werdenden Teil besteht es aus Anwendungen und aus Multimedia. Einflussreiche Webanwendungen wie Google Maps, Wikipedia oder große Blogger-Plattformen verändern das Web und das darin enthaltene Hypertext-Potential nachhaltig. So kann man heute nicht mehr nur auf Dokumente und vielleicht noch auf Mailadressen verlinken, sondern auch auf Geo-Koordinaten und Newsfeeds. Fehlende Hypertext-Features im Web, wie etwa ein stabiles Versionensystem bei Dokumenten oder bidirektionale Links, werden ebenfalls auf Ebene der Webanwendungen ausgeglichen, nämlich durch Features wie Permalinks oder Trackback-Funktionalität. Dazu kommt der stetig wachsende Anteil an Multimedia, der sich zwar derzeit noch stark auf einzelne Plattformen wie YouTube oder MyVideo konzentriert, die jedoch zu den meistbesuchtesten im Web gehören.

Berners-Lee hat das Web in weiser Voraussicht software-unabhängig konzipiert. Für die Ausformung der notwendigen technischen Standards hat sich das W3-Konsortium gegen proprietäre Herstellerinteressen durchgesetzt. Damit ist das Web ein eigentlich erstaunlich stabiles Fundament für weltweiten Hypertext. Hohe Nutzerzahlen und ein unter Webentwicklern und Webdesignern wachsendes Bewusstsein für Standardkonformität sorgen für weitere Stabilität. Unter den Ansätzen für globalen Hypertext ist das Web der erste und einzige, der bislang zum Erfolg geführt hat. Der Vergleich zur Kulturtechnik des Buches ist angesichts der Bedeutung des Webs alles andere als abwegig. Absehbar ist auch, dass das Web nicht nur den herkömmlichen Printmedien-Markt verändert. Schon längst hat es den Tonträgermarkt verändert, und ebenso wird es auch die Rundfunk- und Fernsehlandschaft verändern. Printmedien, Tonträger, Rundfunk und Fernsehen in herkömmlicher Form werden in bestimmte Nischen (Liebhaber, Outdoor usw.) gedrängt. Der bezahlbare Medienstandard wird dagegen das Web sein, zugänglich über Breitband-Flatrate. Der Umgang mit Hypertext wird dadurch so selbstverständlich, wie es einst das Umblättern von Seiten oder das Einlegen von Cassetten war.

Diskussionen zu diesem Eintrag im Webkompetenz-Forum:
Zum Blog-Eintrag: Hypertext (9): Tim Berners Lee: World Wide Web


Montag, 23. April 2007

Tim Berners Lee und das Blabla von Web 2.0

Das trifft natürlich genau die Thematik dieses Blogs, die der Telepolis-Artikel mit dem Titel Web 2.0 ist nutzloses Blabla, das niemand erklären kann (Untertitel: Tim Berners-Lee zum Hype des „neuen Web“) anspricht.

Nach einem kleinen Ausflug in die Folgen der „Onlinisierung der Wirklichkeit“ (Depot-Anbieter bietet Depot-Kontoauszüge per Schneckenpost künftig nur noch gegen Aufpreis an) kommt der Artikel zur Sache. Anlass ist ein IBM Developer-Works-Podcast Interview mit Tim Berners-Lee (Textmitschrift in Auszügen oder Original-MP3-Podcast (ca. 17 MByte, ca. 25 Minuten) — beides in Englisch).

Der Interviewer befragt Berners-Lee unter anderem zum Thema „Web 2.0“. Darauf reagiert der Gründervater des Web vergleichsweise gereizt. Eine reine Luftblase sei das, die einen verbinden es mit Blogs und Wikis, die nächsten mit mehr standardisiertem Webdesign, und wieder andere mit Ajax und mehr desktop-artigen Webanwendungen. Doch am Ende hat sich nichts geändert: alle Blogs, alles Wikis, all die neuartigen Anwendungen mit dem Ajax-optimierten Look and Feel benutzen letztlich nichts anderes als HTML, HTTP und URIs. Also pures Original-Web (1.0, wenn man so will).

Das Anliegen von Tim Berners-Lee ist nur zu verständlich, und es ist auch eines der wichtigsten Anliegen des Webkompetenz-Blogs. Nicht zufällig versucht dieses Blog nicht krampfhaft, Teil der „Web-2.0-Szene“ zu werden, sondern eher, diese Szene für Außenstehende zu beobachten. Denn viele interessante Ideen entstehen dort, von denen erwartet werden kann, dass sie künftig im Web von Bedeutung sein werden. Doch in zahlreichen Szene-Blog-Einträgen wird auch peinliche Selbstbeweihräucherung und dümmliche Abgrenzung betrieben, die den Eindruck enstehen lässt, als sei vor der gehuldigten Blogosphäre nur Wüste gewesen im Web.

Letztlich geht es darum, wie Hypertext nicht nur Inhalte, sondern auch Menschen verbindet. Doch das ist kein Verdienst von Web 2.0, sondern eine ganz natürliche Folge der Tatsache, dass hinter vernetzten Inhalten Menschen stehen. Und es ist gut, dass Tim Berners-Lee darauf mal wieder deutlich hingewiesen hat.


Montag, 5. März 2007

Was ist eigentlich Netzneutralität?

Anregung zu diesem Beitrag war die News Berners-Lee spricht sich für Netzneutralität und gegen DRM aus, die vor einigen Tagen im Heise-Ticker erschien. „Wenn er anderswo auf die US-Debatte hinweise, blicke er daher nur in fragende Gesichter“, wird Berners-Lee dort zitiert. In der Tat wird die Thematik hierzulande selbst von Insidern nur am Rande wahrgenommen. Der Grund ist, dass keine konkrete Bedrohung in Sicht ist. Doch ist das wirklich so? Und worum geht es da eigentlich genau?

„Netzneutralität ... bedeutet, dass Zugangsanbieter (access providers) bei der Übermittlung von Datenpaketen an ihre Kunden keinen Unterschied machen, woher diese stammen oder welche Anwendungen die Pakete generiert haben“. So lautet die zentrale Definition von Netzneutralität bei Wikipedia. Etwas anschaulicher geht ein Artikel der Süddeutschen Zeitung an das Thema heran: Vokabeln lernen: Netzneutralität, und das Tagesschau-Interview mit Barbara van Schewick ist ebenfalls lesenswert. Auch von Tim Berners-Lee selbst gibt es unzitierte Aussagen zum Thema. Im Blog-Eintrag Net Neutrality: This is serious lautet die zentrale Definition: „If I pay to connect to the Net with a certain quality of service, and you pay to connect with that or greater quality of service, then we can communicate at that level“.

Ein Grund für die Aufregung ist der immer weiter steigende Datenkonsum im Internet. Breitbandanschlüsse und Flatrates breiten sich zunehmend aus, und niemand achtet mehr darauf, wie viele Megabytes und Gigabytes er alltäglich an Datenverkehr im Internet generiert. So ist beispielsweise E-Mail, früher nur ein zusätzliches Kommunikationsmittel, längst zum Standard-Service für alltägliche geschäftliche und private Korrespondenz geworden. Aber auch Services, die traditionell nicht zum Internet gehörten, belasten die Datenleitungen immer intensiver: heute schon IP-Telefonie (Voice over IP), und in Zukunft wohl auch IPTV (Television over IP). Für all diese Services gelten jedoch die traditionellen Regeln des Internet. IP-Pakete, die von ihnen generiert werden, sind nicht mehr oder weniger wert als die IP-Pakete von Lillis Mail an John oder die IP-Pakete, die Timo durch seine WOW-Aktivitäten generiert. Man hat seinen Internet-Zugang, zahlt in der Regel dafür, aber wenn man sich dann darüber mit dem Netz verbunden hat, kann man ping-Kommandos absetzen, chatten, telefonieren, surfen, mailen, Dateien austauschen und alles was sonst noch geht. Einige Anbieter von Inhalten verlangen auch Geld für ihre Angebote, doch darum geht es hier nicht. Einige Firewalls lassen auch nicht alle Daten durch, doch darum geht es auch nicht. Es geht darum, dass einige große Internet-Provider (vor allem auch Backbone-Provider) ein Interesse daran haben, dass IP-Paket nicht gleich IP-Paket ist. Oder dass IP-Pakete überhaupt nur noch dann vom Sender zum Empfänger gelangen, wenn beide eine extra zu bezahlende Dienstegüte (Quality of Service) abonniert haben.

Die Befürchtung geht dahin, dass die heute gefeierte Flatrate für den Internet-Zugang irgendwann nur noch Makulatur ist, weil man dann für E-Mails abhängig von der garantierten Zustellgeschwindigkeit extra zahlen muss, fürs Chatten einen Live-Zuschlag und für bestimmte Ego-Shooter-Spiele eine Verblödungsabgabe. Damit würde dann auch wieder steuerbar, was die Leute im Netz treiben. Erwünschtes Verhalten würde mit Vergünstigungen belohnt, unerwünschtes mit besonders hohen Abgaben gestraft. Und das ist keine Utopie, sondern wird in den USA bereits heftig diskutiert.

Grund genug also, die Netzöffentlichkeit zu bitten, die Ohren offen zu halten, damit sich, falls es ernst werden sollte, schneller, massenhafter Widerstand aus dem Netz gegen derartige Versuche formieren kann.

Diskussionen zu diesem Eintrag im Webkompetenz-Forum:
zum Blog-Eintrag: Was ist eigentlich Netzneutralität?


Samstag, 10. Februar 2007

Blogging Tim Berners Lee und die FOAF-Idee

Das Zitat von Web-Begründer Tim Berners Lee, das die Kopfzeile des Webkompetenz-Blogs ziert, stammt übrigens aus einem BBC-Interview mit dem Titel Berners-Lee on the read/write web.

Berners Lee ist ja seit einiger Zeit auch selbst bekennender Blogger — wer es noch nicht kennt, sollte das Blog von Tim Berners Lee auf jeden Fall einmal aufsuchen. „Timbl's blog” verrät uns neben Beiträgen zu semantischem Web, HTML-Weiterentwicklung und Netzneutralität in einem Beitrag mit dem Titel Blogging is great, was ihn am Bloggen überhaupt reizt.

In dem Posting geht es jedoch gar nicht so sehr ums Bloggen. Die Kernaussage lautet stattdessen: „The way quality works on the web is through links.” („Qualität im Web basiert auf Links”). In dem Zusammenhang taucht auch ein Akronym auf, das vermutlich noch nicht allzu bekannt sein dürfte: FOAF. Es steht für „Friend of a friend” und soll in XML-Form dazu beitragen, die Beziehungen der Menschen untereinander (wer hat mit wem zu tun) abzubilden. Wenn sich jeder Web-Aktive so eine FOAF-Datei zulegen würde und Suchmaschinen, die das semantische Web abgrasen, die ganzen daraus entstehenden Beziehungen als Hyperlinks abbilden, dann wird sich vermutlich so mancher Zeitgenosse wundern, wie wenige Klicks zwischen ihm und einem Milliardär oder zwischen ihm und einem seiner am meisten verachteten Menschen liegen.

Meine persönliche Einschätzung dazu ist, dass die XML-Repräsentation solcher Daten wie bei FOAF zwar eigentlich optimal ist. Doch sie wird sich voraussichtlich schwer tun gegen einfachere, HTML-basierte Mikroformate wie XFN (XHTML „Friends Network”). Wie auch immer: Wem jetzt der Kopf raucht, weil er allen Links in diesem Eintrag gefolgt ist, der weiß zumindest, woran derzeit fieberhaft gewerkelt wird im Web. Und besonders freut mich, dass Tim Berners Lee kräftig mitmischt dabei.


 

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