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Sonntag, 24. Juni 2007

Gmail und Germany

Lebenslang sollten sie gültig sein, die E-Mail-Adressen der Deutschen Post, mit der schönen Endung @epost.de. Doch schon nach zwei oder drei Jahren kam das Aus: Unrentabel sei der Service, so das deutsche Vorzeige-Unternehmen mit dem immer noch halbstaatlichen Versorgungsnimbus. Also mussten die Deutschen doch bei anderen, kommerziellen und erfolgreicheren Mailprovidern anheuern. Viele etwa bei GMX, Yahoo oder Web.de. Und schließlich kam Google daher, bot einen Mail-Service namens Gmail alias™ Googlemail an, der kostenlos war, bei dem in den Mails keine nervige Werbung mitverschickt wurde, wo man vergleichsweise üppige zwei und mehr Gigabyte Speicher hatte, der sowohl mit einer neuartigen, Ajax-basierten Web-Oberfläche als auch via POP3 mit normalen Mail-Clients nutzbar war, und mit dessen Account man nebenbei noch all die anderen Services von Google nutzen konnte, vom Kalender über Bookmarks, Notebook, Groups bis hin zu einem eigenen Blog bei Blogger.com.

Doch nun droht Google, seinen Mail-Service zu schließen. Nicht überall und nicht aus Rentabilitätsgründen, nein, sondern nur in Deutschland. Der Grund: ein deutscher Minister namens Wolfgang Schäuble, dessen eindeutig erkennbarer Wunsch ein Überwachungsstaat als Mittel zur Bekämpfung unerwünschten Elementen ist, will ein “Gesetz zur Überwachung des Telekommunikations- und Datenverkehrs im Internet” durchdrücken, das mit den Anonymitätsgrundsätzen von Google Mail nicht mehr vereinbar ist. Natürlich nicht nur mit Google Mail nicht. Google ist nur der erste Provider, der reagiert hat. Andere werden folgen. Millionen von E-Mail-Konten könnten gelöscht werden, Terabytes persönlicher Daten könnten verlorengehen. Im Grunde muss jede Internet-Plattform und jeder Internet-Service für deutsche Staatsbürger unerreichbar werden, die irgendeine Art von Kommunikation mit anderen Internet-Nutzern ermöglicht, wobei nicht eindeutig identifizierbar ist, welcher Bürger da mit welchem anderen kommuniziert hat.

Doch warum? Immerhin wurde die umstrittene Gesetzesvorlage bereits abgemildert. Ursprünglich sah sie nämlich sogar vor, dass man E-Mail-Adressen nur noch gegen Identifikation wie etwa durch persönliche Vorlage von Personalausweis, Rentenversicherung(?) oder Fingerabdruck(?) erhalten sollte. Und außerdem steckt hinter dem Gesetzesentwurf eine EU-Vorgabe. Was also läuft speziell in Deutschland schief, dass Google solche Drohungen nur für dieses Land ausstößt? Und dann ist da bei manchen Internet-Hardlinern noch diese Doppelverwirrung. Einerseits ist Google für sie das Böse schlechthin auf Erden, wo alles über jeden gespeichert werden soll. Und nun protestiert Google mit Berufung auf seinen Anonymitätsgrundsatz? Wird man nun etwa zum Schäuble-Sympathisanten, weil man scheinbar auf seiner Seite gegen die Datenkrake Google kämpft?

Vielleicht hilft es sich bewusst zu machen, dass Google sehr wohl alles über jeden Google-Account speichert, um so Nutzungs- und Interessensprofile zu erstellen. Vorgeblich, um die Qualität der eigenen Suche sowie anderer eigener Services wie AdSense-Werbung zu erhöhen. Nach Ansicht nicht weniger Misstrauischer aber eher, um solche Profile teuer weiterzuverkaufen. Wie auch immer: am Anfang steht eine schlichte Selbstregistrierung bei Google, die keine anderen Rückversicherungen verlangt als heute üblich: selbst wählbare Werte für Benutzername und Passwort, Ausweisung als Mensch durch Abtippen einer grafischen Buchstabenkette, und Anklicken eines Bestätigungslinks, der an eine vorhandene andere Mailadresse des Registrierenden gesendet wird. Google weiß nicht, wer sich hinter dem Registrierenden verbirgt. Es ist auch kein Problem und wird von Google ohne Einwand akzeptiert, wenn eine Person sich mehrere Google-Accounts zulegt, sei es aus Gründen des persönlichen Identitätsmanagements oder einfach um mehr Mailspeicher zu erhalten. IP-Adressen werden bei Google wohl wie überall sonst auch geloggt, aber IP-Adressen sind relativ, selbst wenn sie den Zugangsprovider verraten und dieser genau protokolliert, welcher Kunde wann mit welcher IP-Adresse im Netz ist. Es kann sich jedoch um eine Router-Adresse handeln, an der etliche PCs unterschiedlicher Personen hängen. Es kann sich auch um die IP-Adresse eines Anonymizer-Services handeln, falls der Internet-Benutzer nicht möchte, dass seine echte IP-Adresse mitgeloggt wird. Es kann sich um einen Hack auf TCP/IP-Ebene handeln, wo die IP-Adressen der Datenpakete manipuliert wurden. Für Kriminelle und Terroristen ist es also kein Problem, Google-Accounts (und alle anderen, vergleichbaren Accounts bei Mailprovidern oder auch bei vergleichbaren Services wie den allseits beliebten Instant Messengern für konspirative Zwecke zu nutzen, ohne dass die Service- oder Content-Provider einen verlässlichen Bezug zu realen Personen herstellen können. Egal wie viel Google zu einem Account an Daten für seine Profilerstellung speichert.

Schäuble dagegen will diese Anonymitätsmöglichkeiten vollständig ausschalten. Seine Vorstellung ist ein Internet mit IP-Adressen, die so eisern und transparent sind wie ein deutscher Festnetz-Telefonanschluss in Zeiten vor der Telekom und des freien Telekommunikationsmarkts. Sein Wunsch sei ihm in allen Ehren gelassen. Doch von einem Minister muss man verlangen, dass er Folgen bedenken kann. Die Folge seines Wunsches ist die Abschaltung des gesamten Internets in Deutschland, nach dem Vorbild von Nordkorea vielleicht. Denn da er keinen Einfluss hat auf ausländische Server und Services, vom E-Mail-Provider bis zum Anonymizer, ist sein Feldzug nur ein lächerlicher Kampf gegen Windmühlen. Alles was er erreichen wird ist eine verheerende Schwächung von Internet-Kompetenz in Deutschland, doch keine Terroristenmail weniger wird deshalb ihren Weg durchs Netz finden. Es wird Zeit, dass die wahlberechtigte Bevölkerung erkennt, dass dieser Innenminister und seine Schargen eine ernsthafte Gefahr für das Land darstellen.

Andere Artikel, die sich mit diesem Thema befassen:

Bemerkenswerte Zitate aus anderen Beiträgen:

Flickr, vorerst kein deutsches youtube und jetzt das deutsche Gmail. Es zeichnet sich ein Muster ab. Und zwar eins, das eine deutliche Sprache spricht: Internationale Unternehmen erkennen, dass die deutsche Gesetzgebung größtenteils internetfeindlich ist. Das liegt natürlich auch zu einem Großteil an der Tatsache, dass die deutsche Legislative größtenteils internetfeindlich ist: Der deutsche Wirtschaftsminister lässt zum Beispiel das Internet bedienen. “Bundesminister für Wirtschaft und Technologie”.
(Neunetz.com: Internet: Standortnachteil Deutschland)

Mit der Registrierung wäre Googles Businessmodell in Gefahr. Sobald Google weiss, wer sich hinter einem Computer verbirgt, darf Google aus Datenschutzgründen keine Daten mehr sammeln oder aggregieren. Dies beträfe natürlich nicht nur den E-Mail-Dienst sondern alle Goolge-Dienste. In der Schweiz zum Beispiel, hätte jeder das Recht, bei Google die Offenlegung der über ihn gespeicherten Daten zu verlangen. Schlicht nicht handlebar.
(Internet-Briefing.ch: Google macht Politik - aber kein Staat)

Google hat Ahnung von Computern und was man mit diesen Daten anfangen kann, Politiker haben diese Ahnung nicht. Hier scheint eher eine Art „Hauptsache wir haben was, irgendwie können wir es schon verwenden“ Mentalität zu walten. Und Google will mich nicht überwachen. Google will mich nicht verdächtigen. Google beschuldigt mich nicht. Google gibt mir viel eher etwas zurück. Die Dienste und gleichzeitig Werbung, die vielleicht sogar ganz interessant sein kann. Bei Google habe ich nicht die Angst, mir so etwas wie einen „Bundestrojaner“ auf meinen Rechner zu laden.
(der Wendlaender: Warum wir Google vertrauen)

Diskussionen zu diesem Eintrag im Webkompetenz-Forum:
Internetüberwachung


Montag, 5. März 2007

Was ist eigentlich Netzneutralität?

Anregung zu diesem Beitrag war die News Berners-Lee spricht sich für Netzneutralität und gegen DRM aus, die vor einigen Tagen im Heise-Ticker erschien. „Wenn er anderswo auf die US-Debatte hinweise, blicke er daher nur in fragende Gesichter“, wird Berners-Lee dort zitiert. In der Tat wird die Thematik hierzulande selbst von Insidern nur am Rande wahrgenommen. Der Grund ist, dass keine konkrete Bedrohung in Sicht ist. Doch ist das wirklich so? Und worum geht es da eigentlich genau?

„Netzneutralität ... bedeutet, dass Zugangsanbieter (access providers) bei der Übermittlung von Datenpaketen an ihre Kunden keinen Unterschied machen, woher diese stammen oder welche Anwendungen die Pakete generiert haben“. So lautet die zentrale Definition von Netzneutralität bei Wikipedia. Etwas anschaulicher geht ein Artikel der Süddeutschen Zeitung an das Thema heran: Vokabeln lernen: Netzneutralität, und das Tagesschau-Interview mit Barbara van Schewick ist ebenfalls lesenswert. Auch von Tim Berners-Lee selbst gibt es unzitierte Aussagen zum Thema. Im Blog-Eintrag Net Neutrality: This is serious lautet die zentrale Definition: „If I pay to connect to the Net with a certain quality of service, and you pay to connect with that or greater quality of service, then we can communicate at that level“.

Ein Grund für die Aufregung ist der immer weiter steigende Datenkonsum im Internet. Breitbandanschlüsse und Flatrates breiten sich zunehmend aus, und niemand achtet mehr darauf, wie viele Megabytes und Gigabytes er alltäglich an Datenverkehr im Internet generiert. So ist beispielsweise E-Mail, früher nur ein zusätzliches Kommunikationsmittel, längst zum Standard-Service für alltägliche geschäftliche und private Korrespondenz geworden. Aber auch Services, die traditionell nicht zum Internet gehörten, belasten die Datenleitungen immer intensiver: heute schon IP-Telefonie (Voice over IP), und in Zukunft wohl auch IPTV (Television over IP). Für all diese Services gelten jedoch die traditionellen Regeln des Internet. IP-Pakete, die von ihnen generiert werden, sind nicht mehr oder weniger wert als die IP-Pakete von Lillis Mail an John oder die IP-Pakete, die Timo durch seine WOW-Aktivitäten generiert. Man hat seinen Internet-Zugang, zahlt in der Regel dafür, aber wenn man sich dann darüber mit dem Netz verbunden hat, kann man ping-Kommandos absetzen, chatten, telefonieren, surfen, mailen, Dateien austauschen und alles was sonst noch geht. Einige Anbieter von Inhalten verlangen auch Geld für ihre Angebote, doch darum geht es hier nicht. Einige Firewalls lassen auch nicht alle Daten durch, doch darum geht es auch nicht. Es geht darum, dass einige große Internet-Provider (vor allem auch Backbone-Provider) ein Interesse daran haben, dass IP-Paket nicht gleich IP-Paket ist. Oder dass IP-Pakete überhaupt nur noch dann vom Sender zum Empfänger gelangen, wenn beide eine extra zu bezahlende Dienstegüte (Quality of Service) abonniert haben.

Die Befürchtung geht dahin, dass die heute gefeierte Flatrate für den Internet-Zugang irgendwann nur noch Makulatur ist, weil man dann für E-Mails abhängig von der garantierten Zustellgeschwindigkeit extra zahlen muss, fürs Chatten einen Live-Zuschlag und für bestimmte Ego-Shooter-Spiele eine Verblödungsabgabe. Damit würde dann auch wieder steuerbar, was die Leute im Netz treiben. Erwünschtes Verhalten würde mit Vergünstigungen belohnt, unerwünschtes mit besonders hohen Abgaben gestraft. Und das ist keine Utopie, sondern wird in den USA bereits heftig diskutiert.

Grund genug also, die Netzöffentlichkeit zu bitten, die Ohren offen zu halten, damit sich, falls es ernst werden sollte, schneller, massenhafter Widerstand aus dem Netz gegen derartige Versuche formieren kann.

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zum Blog-Eintrag: Was ist eigentlich Netzneutralität?


Sonntag, 18. Februar 2007

Noch 100 Meter bis zum Internet

1999, als dieses Bild entstand, hatte das Internet irgendwie noch seinen festen Platz. Online war man nicht einfach, nein, man musste online gehen, zumindest im Privatleben. Über Analog-Modem oder ISDN-Karte wählte man sich bei seinem Provider ein, und dann musste man sich entweder beeilen, weil nach Zeittakt abgerechnet wurde, oder man musste sich im Konsum zurückhalten, weil man für die Menge der übertragenen Daten zahlte.

Sowohl die Tarifierung nach Zeit als auch diejenige nach Datenvolumen verhinderten nachhaltig, dass man sich sorglos im Web tummeln konnte. Denn gerade das Web verlangt eine gewisse Muße, und es werden kaum kontrollierbare Mengen an Daten dabei übertragen. Selbst diejenigen, die zu jener Zeit schon zu den Aktiven im Web gehörten und beispielsweise eine eigene Homepage hatten, waren die meiste Zeit ihres Lebens vom Internet getrennt. An ein „Leben im Web” war nicht zu denken.

Zufriedenstellend war diese Situation jedoch nicht. Man lebte in einer modernen, technisierten Welt, mit Airbags, automatischer Zimmertemperaturregelung und Dolby Surround. Doch beim Internet-Zugang wurde man den Eindruck nicht los, sich im Dampfmaschinenzeitalter zu befinden. Langsame, instabile und teuere Verbindungen sorgten immer wieder für Verärgerung. Der Druck auf den Providermarkt und die Industrie wuchs. Mit Erfolg: Mittlerweile sind sowohl Breitband-Zugänge als auch Flatrates nicht mehr nur in Hightech-Ländern auf dem Vormarsch. Besonders in Kombination ändern diese beiden Faktoren — Breitband-Zugang und Flatrate — aber auch das Nutzungsverhalten. Jetzt ist man online. Das Web ist kein fremdes Element mehr, in das man nur mit Tauchanzug und begrenztem Sauerstoffvorrat kommt, sondern man kann darin ganz normal atmen und sich so lange aufhalten wie man will.

Die Folgen, die dieser Wandel beim Nutzungsverhalten nach sich zieht, sind gewaltig. Plötzlich wird den Usern langweilig im Netz. Sie surfen nicht mehr nur schüchtern die Site ihres Lieblings-Stars oder ihres bevorzugten PC-Spiels ab, um vielleicht noch zwei, drei Cheats herunterzuladen. Sie sind plötzlich omnipräsent. Die Infrastruktur des Webs hat darauf bereits reagiert - mit jenen Angeboten, die gemeinhin unter „Web 2.0” subsummiert werden. Aber wird das Web wirklich profitieren, wenn zig Millionen Leute ihre Fotoalben statt im Wohnzimmerschrank auf Webservern aufbewahren, ihre täglichen Notizen in ein Blog schreiben und sich in Finde-Freunde-Communities zur Schau stellen?

Die Frage ist vermutlich müßig, weil die Entwicklungen im Web selbst die Antwort schon längst gibt. Auch ich musste mich von meiner anfänglichen Vorstellung verabschieden, im Web einfach nur ein originaldemokratisches Publikationsmedium zu sehen. Das ist es zweifellos, aber es ist eben noch viel mehr. Das Web ist nur mit Papier vergleichbar, welches ja bekanntlich geduldig ist und sich nicht nur für hochintellektuelle Ergüsse, sondern auch für hastige Notizen und belanglose Kritzeleien eignet. Und wie es weitergeht? Vielleicht so, wie es das EPIC-2015-Video (Flash) prophezeiht? (danke an stefan2904 für den Link zum ins Deutsche übersetzten Video)


 

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