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Mittwoch, 11. Juli 2007

Homepages und Blogs

Früher hatte der coole Zeitgenosse eine Homepage, heute betreibt er ein Blog. Jedenfalls wird sehr auf den Unterschied geachtet. So ist in vielen Beiträgen, egal ob innerhalb der Blogosphäre oder im außenstehenden Journalismus, von „Blogs und Homepages“ oder von „Homepages und Blogs“ die Rede, ganz so, als seien das unterschiedliche Medien, die man zwar in einem Atemzug nennen, aber ansonsten auf keinen Fall vermengen darf, und von denen Homepages das ältere Medium sind, Blogs das jüngere. Doch ist ein Blog denn eigentlich etwas so viel Anderes als eine Homepage? Es gibt Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Es gibt auch Blogs, die besser eine klassische Homepage wären, und es gibt Homepages, die sich besser als Blogs organisieren ließen.

Die Inhalte: technische Bewältigung vs. Publikationsstress

Der klassische Homepage-Besitzer war unter anderem deshalb so stolz auf seine Homepage, weil er sich wegen ihr aufregend viel Neues angeeignet hat: er hatte sich mit HTML beschäftigt, vielleicht auch mit CSS oder JavaScript, und er hatte sich mit unzähligen Tücken und Merkwürdigkeiten herumgeschlagen, bis die Homepage endlich halbwegs vorzeigbar war. Doch die technischen Möglichkeiten entwickelten sich weiter. Vor allem gab es immer mehr Spielereien, die man als Homepage-Besitzer einfach haben musste: Rollover-Effekte bei Buttons, animierte Grafiken, Lauftexte und vieles mehr. Über all den Anstrengungen, den technischen Anschluss nicht zu verpassen, vergaßen viele Homepage-Inhaber völlig, sich Gedanken um die Inhalte ihrer Homepage zu machen. Grafiken von Baustellenschildern gehörten deshalb zum Standardinventar. Wo Zeit und Lust fehlten, um redaktionell zu arbeiten, kam einfach ein Baustellenschild hin. Für viele war der Inhalt sowieso sekundär. Die Homepage sollte in erster Linie etwas präsentieren, nämlich das programmiertechnische und gestalterische Können ihres Inhabers. Und nebenbei vielleicht auch noch seine Lieblingswitze, einen Bericht von irgendeiner Reise, ein paar Bilder von sich und Freunden, ein paar Links und einen Disclaimer.

Im Reich der Blogs besteht zwar ebenfalls die Möglichkeit, alles Technische von der Pike auf selbst zu stemmen, doch nur einige Profi-Blogger, denen es auf volle Kontrolle ankommt, nutzen diese Möglichkeit. Die Masse der Blogger meldet sich lieber bei einem der zahlreichen Gratis-Blogservices an. Wenige Minuten später kann dann bereits der erste eigene Beitrag im Netz stehen, in einem attraktiven, selbst ausgewählten und vielleicht noch angepassten Layout, und mit allen Standardfunktionen versehen, die ein modernes Weblog zu einem ebensolchen macht. Denn moderne Blogs basieren auf Web-Anwendungen, nicht mehr auf dem Erstellen statischer HTML-Dateien. Zur Webanwendung gehört auch ein mehr oder weniger komfortables Backend, also eine web-basierte Verwaltungsoberfläche. Für die Eingabe von Blog-Beiträgen sind gar keine oder nur geringe HTML-Kenntnisse erforderlich. So wird der Blogger sehr schnell auf seine eigentliche Aufgabe zurückgeworfen, nämlich das Erstellen von Inhalten. Blogs leben von neuen Inhalten. Wer keine oder zu wenig neue Inhalte bringt, wird nicht oder kaum gelesen. Ein Blog wird im Gegensatz zu einer Homepage nicht danach beurteilt, wie schön es aussieht, sondern ob sich darin inhaltlich etwas tut. Das Blog wird für viele Blogger schnell zum schreienden Tamagotchi, das ständig nachgefüttert werden will. Die Versuchung ist dann groß, sich bei fremden Inhalten zu bedienen, nachzuplappern und einfach nur zu zitieren.

Die Sortierung der Inhalte: thematisch vs. chronologisch

Eine Homepage präsentiert sich normalerweise thematisch sortiert. Die Inhalte der Startseite sind tendenziell statisch und wollen möglichst rerpäsentativ sein. Die Navigation führt den Benutzer in die Tiefen des Inhaltsangebots (sofern vorhanden). Selbst wenn auf den einzelnen Webseiten der Zeitstempel der letzten Bearbeitung oder der Entstehung des Inhalts verzeichnet ist, so nimmt der Benutzer primär wahr, welche Themen behandelt werden, doch nicht, wann sie behandelt wurden. Ein Blog dagegen ist typischerweise chronologisch sortiert. Auf der Startseite bekommt der Benutzer dynamisch die neuesten Inhalte angezeigt. Weitere Inhalte nimmt er oft zunächst über das kalendarisch geordnete Archiv wahr. Erst über zusätzliche Features wie Labels (Tags) oder eine Volltextsuche kann er sich einen Überblick über das thematische Spektrum eines Blogs verschaffen.

Wer also gar nicht viel und regelmäßig schreiben möchte und stattdessen eigentlich nur eine repräsentative Visitenkarte im Web haben möchte, sollte die Finger vom Bloggen lassen und sich eine Homepage einrichten. Wer dagegen seit Jahren eine Homepage unterhält, auf der sich in Form regelmäßiger Updates allerlei verstreute Beiträge, Berichte, Kommentare, Bilder und sonstiges Material angesammelt haben, sollte durchaus in Erwägung ziehen, auf ein Blog umzusteigen. Wie das geht? Nun, die Inhalte müssen vermutlich „zu Fuß“ übertragen, also kopiert und angepasst, also beispielsweise mit Tags/Labels versehen werden. In den meisten Blog-Software-Produkten ist es kein Problem, Beiträge auf das Datum zurückzudatieren, an dem sie tatsächlich einmal veröffentlicht wurden. So lässt sich durchaus nachträglich ein Blog mit jahrelanger Geschichte einrichten. Den Rest der Vorteile eines Blogs besorgt die Blog-Software automatisch: Indexierung der Inhalte für die in die Blog-Software integrierte Volltextsuche, Automatisierung der Navigation im Archiv usw.

Die Auffindbarkeit

Blogs haben in Sachen Auffindbarkeit unbestreitbare Vorteile: die Blogsoftware versendet bei neuen Beiträgen Pings an Zentralserver, wodurch neue Beiträge schnell in große und vielgenutzte Blog-Suchen wie die Google-Blogsuche oder Technorati geraten. Inhalte von Blogbeiträgen werden von der Blog-Software außerdem ganz oder teilweise in RSS- oder Atom-Feeds mitgeführt. Dadurch wird auch die stetig wachsende Anwenderschicht erreicht, die Inhalte mittlerweile lieber über einen Feedreader konsumiert statt direkt irgendwelche Websites nach Neuigkeiten abzuklappern. Die beiden Fakten, dass sich die Blog-Startseite mit jedem neuen Eintrag ändert, und dass ein ordentlich geführtes Blog über viele Inhalte verfügt, machen Blogs auch für Suchmaschinen attraktiver als Websites, deren wenige Inhalte seit ewigen Zeiten unverändert dastehen.

Dazu kommt der Zusammenhalt der Blogosphäre, der für eine bessere Auffindbarkeit sorgt. So etwa durch die verbreiteten Blogrolls, durch das System der Trackbacks und ganz allgemein durch die erhöhte Bereitschaft der Blogger, untereinander zu kommunizieren und sich reichhaltig untereinander zu verlinken. In den Anfangsjahren des Web hatte es im Homepage-Bereich durchaus vergleichbare, wenn auch weniger pfiffige Ansätze gegeben, wie etwa Webringe. Doch heute stehen herkömmliche Homepages eher isoliert da und haben im Vergleich zu Blogs weniger Chancen, entdeckt zu werden.

Allerdings stellt sich in vielen Fällen die Frage, von wem man eigentlich aufgefunden werden will. Muss es immer die ganze Welt sein? Wer eine elektronische Visitenkarte ins Netz stellt, braucht nicht tausende von Besuchern, sondern hat eine Webadresse, die er auf einer echten Visitenkarte abdrucken kann. Es genügt, wenn sich Freunde, Bekannte oder Geschäftspartner, die eine solche Visitenkarte erhalten haben, unter der angegebenen Adresse schlauer machen können. Der Google-Bot wird gar nicht benötigt.

Der Coolness-Faktor

Gerade weil die Blogs derzeit so stark boomen, dass tagtäglich hunderte und tausende neuer Blogs im Web eingerichtet werden, ist es nicht mehr zwangsläufig „cooler“, ein Blog anstelle einer Homepage zu unterhalten. In einigen Großstädten ist die Bloggerdichte bereits so hoch, dass Blogs so selbstverständlich sind wie Namensschilder an den Türen. Wer gerne gegen den Strom schwimmt, um sein Ego zu nähren, ist mit einer sehr individuellen, CSS-layoutierten und hochgradig barrierefreien Edel-Homepage vermutlich besser bedient. Und außerdem gibt es noch weitere Alternativen. Wer nicht gerne chronologisch publizieren mag, aber dennoch gerne auf Basis einer modernen Webanwendung arbeiten möchte, kann es ja auch mal mit einem Wiki probieren. In vielen Wiki-Systemen lässt sich skalieren, wer in dem Wiki publizieren und/oder kommentieren darf. Richtig skaliert, ist ein Wiki durchausaus nicht nur als Publikationsplattform für große und offene Communities geeignet, sondern auch für wenige Autoren bis hin zum Einzelautor, der das Wiki einfach als kreatives Content Management System für seine Web-Inhalte nutzt.

Diskussionen zu diesem Eintrag im Webkompetenz-Forum:
Homepage
Noch mal: Homepages und Blogs


Dienstag, 29. Mai 2007

Hypertext (5): Orientierungsmittel für Hypertext

siehe auch:
(1): Text und Linearität
(2): Computer und Hypertext
(3): Inhaltseinheiten und Verlinkung
(4): Suchen und Stöbern


Lost in Hyperspace

Beim Stöbern in den Inhalten eines Hypertextangebots besteht leicht die Gefahr, sich vom Hundertsten ins Tausendste zu verirren. Angenommen, eine Startseite enthält einige Verweise zu Seiten über Ortschaften. Man klickt eine der Seiten an. In den Inhalten zur Ortschaft klickt man auf einen Link zu einem Fürsten, in dessen Gemarkung die Ortschaft einst fiel. In den Inhalten zu dem Fürsten klickt man auf einen Link zu einer Hygienevorrichtung, die im Schloss dieses Fürsten bereits installiert war, was zu der damaligen Zeit alles andere als selbstverständlich war. In den Inhalten zu der Hygienevorrichtung klickt man auf einen Link zu einer Krankheit, die durch die Einführung dieser Hygienevorrichtung weitgehend besiegt werden konnte.

Man kann also sehr weit und interdisziplinär herumkommen, wenn man beim Hypertext-Stöbern spontan Verweisen folgt. Dies passt zu der Beobachtung, dass nur wenige Gedankenschritte nötig sind, um von einem beliebigen Gedanken zu einem beliebigen anderen Gedanken eine logisch sinnvolle Verbindung zu schaffen. Im obigen Beispiel genügen drei Links, um eine logisch nachvollziehbare Brücke zwischen einer Ortschaft und einer längst ausgerotteten Krankheit herzustellen. Als kognitiver Prozess betrachtet, ist so etwas durchaus bemerkenswert und faszinierend (Stichwort Serendipity). Aus Sicht des betroffenen Anwenders kann eine solche Gedankendrift jedoch auch als unerwünschte Ablenkung vom ursprünglichen Interesse empfunden werden. Solange in einer solchen Situation genügend Angebote existieren, über die der Anwender leicht zurückfindet oder sich anders orientieren kann, wird sich die Negativ-Empfindung vermutlich in Grenzen halten. Fehlen solche Angebote jedoch, tritt das sogenannte Lost-in-Hyperspace-Gefühl ein („verloren im Hyperspace“).

Stöbern in Hypertext lädt also zum Driften ein. Erfreuliche Mehrwerteffekte („Serendipity-Effekte“), die dabei auftreten können, sind nicht planbar. Unerfreuliche Lost-in-Hyperspace-Gefühle sind jedoch vermeidbar. Die Mittel dazu werden teilweise von der verwendeten Hypertext-Software bereitgestellt. Anbieter von Hypertext-Inhalten können jedoch ebenfalls entscheidend dazu beitragen, dass keine Lost-in-Hyperspace-Gefühle auftreten.

Hilfen zur Rück- und Neuorientierung

Ein Web-Browser ist Hypertext-Software für Anwender. Das kommt schon in bekannten Produktnamen wie Navigator oder Explorer zum Ausdruck. Das ganze Web und seine Technologien sind ebenfalls auf Hypertext ausgelegt. Im Web und in Web-Browsern sind daher auch typische software-seitige Mittel zur Rück- und Neuorientierung in Hypertexten vorgesehen. Diese Mittel sind jedoch keine neue Erfindungen, die erst durch das Web entstanden. Auch Hypertext-Software im Vor-Webzeitalter kannte bereits vergleichbare Mittel.

Backtracking/Historie

Im griechischen Mythos war es der Ariadnefaden, der Theseus wieder aus dem Labyrinth des Minotaurus heraushalf. Wer heute mit einem Web-Browser surft, zieht mit jedem neuen Seitenaufruf ebenfalls einen Ariadnefaden hinter sich her. Wenn man sich im Hyperspace verirrt, ist die Liste der bereits besuchten Seiten häufig ein willkommener Rettungsanker.

Die einfachste Form ist das schrittweise Zurückorientieren, Backtracking genannt. Nicht von ungefähr bezeichnet der Begriff im Englischen eine algorithmische Problemlösungsmethode. Auch dem Menschen kommt diese Methode entgegen. Moderne Browser bieten dazu in ihrer Werkzeugleiste eine Schaltfläche („Back-Button“) an. Durch wiederholtes Betätigen werden die zuvor besuchten Webseiten wieder angezeigt. Da die Browser deren Inhalte meistens in einem Cache gespeichert haben, müssen sie nicht einmal mehr aus dem Web übertragen werden, sondern sind sofort präsent. Eine interessante Ergänzung in diesem Zusammenhang ist die Geschwisterschaltfläche „Forward-Button“. Diese Funktion ist dann verfügbar, wenn ein Backtracking gestartet wurde. Sie ermöglicht das erneute Vorwärtsblättern, also gewissermaßen ein Backtracking zum Backtracking.

Während einfaches Backtracking dem Anwender hilft, um aus Hypertext-Sackgassen schnell und intuitiv wieder herauszufinden, dient die Historie bereits besuchter Inhalte eher der gezielten Neuorientierung. Moderne Browser machen die gespeicherte Historie über eine Sidebar, über Menüs oder über einen separaten Dialog zugänglich. Der Anwender kann sich die Titel gespeicherter Inhalte nach Besuchszeit oder nach Kriterien wie Domain-Namen sortieren lassen. Wie viele Daten oder welcher Zeitraum in der Historie gespeichert wird, ist einstellbar. Der Anwender kann die gesamte Historie außerdem jederzeit löschen.

Lesezeichen/Bookmarks/Favoriten

Ein Sachbuch ohne Inhaltsverzeichnis würde von den meisten Lesern mit gutem Recht als schwer zugänglich empfunden. Das Bedürfnis, sich über ein Inhaltsverzeichnis zu orientieren, besteht bei Hypertext-Inhalten ebenso. Für umfangreiche Hypertext-Angebote kann es jedoch nicht „das eine“ Inhaltsverzeichnis geben. Zur Grundausstattung einer ordentlichen Hypertext-Software gehört daher die Möglichkeit, sich ein eigenes, auf persönliche Interessen zugeschnittenes Inhaltsverzeichnis einzurichten.

Lesezeichen, Bookmarks oder auch Favoriten, wie sie je nach Software genannt werden, bestehen als Dateneinheit aus mindestens zwei Feldern: der Adresse eines Hypertext-Inhalts, und einem Titel, unter dem der Eintrag aufgelistet wird. Einige moderne Browser erlauben es darüber hinaus, Kurzbeschreibungen zu den Einträgen zu bearbeiten.

Da die meisten Anwender in der Praxis sehr schnell sehr viele Lesezeichen setzen, würde eine einfache Liste bald unübersichtlich. Deshalb werden die Lesezeichen heute in aller Regel in frei bearbeitbaren Verzeichnissstrukturen gespeichert, ähnlich wie Dateien im Verzeichnisbaum eines Datenträgers. Durch die Speicherform einer Verzeichnisstruktur lässt sich die Lesezeichenfunktion bei ordentlicher Verzeichnispflege tatsächlich wie ein persönliches Inhaltsverzeichnis nutzen. Für die meisten Web-Anwender ist das Lesezeichenverzeichnis ihres Browsers längst zum Standardinstrument geworden, um sich im Web zu orientieren. Ein Lesezeichenverzeichnis bewahrt auch vor Lost-in-Hyperspace-Gefühlen, da es jederzeit eine für den Anwender vertraute Möglichkeit der Neuorientierung bietet.

Da Lesezeichen mit dem Konnotat „hier halte ich mich gerne auf“ (daher auch die Bezeichnung „Favoriten“ im Internet Explorer) besetzt sind, sind sie nicht nur für den Benutzer interessant, der das Lesezeichen gesetzt hat. Webangebote wie del.icio.us oder basieren auf der Idee, dass Benutzer ihre Lesezeichen einfach online speichern. Der Anreiz für die Benutzer besteht darin, dass sie bei dieser Speicherart von überall auf ihre Lesezeichen zugreifen können. Aus dem gemeinsamen Pool aller Lesezeichen entsteht eine Art Web-Verzeichnis. Neben Titel, Zieladresse und Kurzbeschreibung erhalten die Lesezeichen dabei außerdem sogenannte Labels oder Tags, also Stichwörter. Indem alle Benutzer davon Gebrauch machen, wird Gemeinschaftliches Indexieren betrieben.

Verzeichnisse, Feeds und Software-Agenten

Wie gut ein persönliches Lesezeichenverzeichnis ist, hängt davon ab, wie viel der Anwender, der es pflegt, im Inhaltsangebot bereits entdeckt hat. Ein Lesezeichenverzeichnis dokumentiert letztlich immer, was der Anwender bereits kennt. Ebenso wichtig sind jedoch inhaltliche Übersichtsformen, die der Anwender nicht selber pflegt, und die ihm neue, bislang unbekannte Inhalte erschließen helfen.

Die klassische Form „allgemeingültiger“ Web-Inhaltsverzeichnisse repräsentierten in den Anfangsjahren des Webanbieter wie Yahoo. Eine frühere Version der Yahoo-Startseite zeugt noch vom ursprünglichen Charakter eines allgemeinen Linkverzeichnisses. Die gegenwärtige Version der gleichen Seite zeigt dagegen, dass dieser Anspruch aufgegeben wurde. Auch ehemals in diesem Bereich konkurrierende Services wie Excite, Lycos oder Web.de haben sich längst davon verabschiedet, primär ein allgemeines Verzeichnis für andere Inhalte zu sein. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einerseits sind all diese Services kommerziell orientiert und mussten nach Wegen suchen, um profitabel zu sein. Weitere Gründe für das Sterben der klassischen, redaktionell gepflegten Web-Verzeichnisse ist die schiere Masse an Inhalten im Web, das häufige Wechseln von Inhalten zu anderen Domains, sowie Pseudo-Inhalte, die beispielsweise nur Wikipedia-Inhalte kopieren.

Vielversprechender sind aus gegenwärtiger Sicht Inhaltsübersichten, die nicht mehr redaktionell zustande kommen, sondern durch Software-Prozesse. Ein Beispiel für diese Repräsentationsform sind die immer erfolgreicher werdenden Newsfeeds (RSS- oder Atom-Feeds). Die Aktivität des Anwenders beschränkt sich bei Newsfeeds darauf, News-Kanäle zu Themen, die ihn interessieren, zu abonnieren. Die Schlagzeilen und manchmal auch Anlesertexte der News eines abonnierten Kanals bekommt der Anwender dann automatisch und aktuell aufgelistet.

Die nächste Ausbaustufe auf dem Weg zu generierten Inhaltsübersichten sind Software-Agenten. Während die Crawler, Spider und Robots großer Suchmaschinen bereits ausgereifte Typen dieser Software-Gattung sind, führen Software-Agenten, die von Endanwendern gestartet werden, noch eher ein Schattendasein. Es ist jedoch absehbar, dass sich dies ändern wird.

Generierte Inhaltsübersichten lassen sich ähnlich wie Lesezeichenverzeichnisse in die Benutzeroberfläche eines Browsers integrieren. Sie bieten dem Anwender ein weiteres, ebenso wichtiges Mittel zur Rück- und Neuorientierung wie die persönlichen Lesezeichen.

Homepages/Startseiten

In den Anfängen des Web hatten vor allem Universitätsangehörige Zugang zum Web. Viele von ihnen hatten zugleich auch die Möglichkeit, auf den Universitätsservern unterhalb eines persönlichen Verzeichnisses eine eigene Homepage zu speichern. Obwohl diese Homepages öffentlich zugänglich waren, dienten sie in vielen Fällen nur dazu, persönliche Links ähnlich wie in Lesezeichenverzeichnissen zu sammeln. Nicht wenige Benutzer legten im Inhalt ihrer Homepage einfach den HTML-Inhalt der vom damals dominanten Netscape-Browser generierten Datei bookmarks.html ab. Im Browser als Startseite eingestellt, ermöglichten sie dem Homepage-Besitzer über den „Home-Button“, der wie der Back-Button zum Ur-Repertoire aller Web-Browser gehört, die schnelle Neuorientierung über eine vertraute Startseite.

Auch heute noch haben zahlreiche Anwender eine persönliche Startseite im Browser eingestellt. In Firmen und Organisationen ist das meistens die Einstiegsseite des Intranets. Wieder andere Anwender nutzen personalisierte Startseiten bei Services wie Netvibes, Google oder GMX als persönliche Startseite. Manch einer baut sich auch seine eigene lokale Homepage oder landet beim Start auf den Home-Button im Familien- oder Wohngemeinschafts-Wiki.

Eine persönliche Startseite im Browser kann also alles Mögliche sein. Doch sie will mit Bedacht gewählt sein. Denn der Klick auf den Home-Button ist bei drohendem Lost-in-Hyperspace-Gefühl oft die spontane Panikreaktion, weil der Anwender dadurch sofort wieder in seiner vertrauten Umgebung landet. Die Startseite und das unmittelbar daran angeschlossene Angebot tragen also wesentlich dazu bei, was ein Anwender vom Web zu sehen bekommt, und wie er sich im Web orientiert.

Verweise

Hypertext-Software wie etwa moderne Web-Browser bieten eine Menge Funktionen an, die dem Anwender jederzeit eine Neu- oder Rückorientierung ermöglichen. Innerhalb eines Hypertextangebots darf ein Anwender jedoch auch erwarten, dass projektinterne Möglichkeiten zur Neu- und Rückorientierung angeboten werden. Der Schlüssel dazu sind projektinterne Verweise (Hyperlinks), die eine bestimmte Funktion übernehmen.

Navigationsverweise

Navigationsverweise sind Verweise, die sich in unterschiedlichen Inhaltseinheiten wiederholen und dadurch aus Sicht des Anwenders „zuverlässig verfügbar“ sind. In der Regel wird eine Navigation aus einer Reihe von Verweisen gebildet. Das Verweis-Set einer Navigation ist als eigener Block vom eigentlichen Inhalt einer Inhaltseinheit gut erkennbar getrennt. Die darin enthaltenen Links stehen nicht im Kontext der gerade aufgerufenen Inhaltseinheit, sondern im Kontext des gesamten Hypertextangebots.

Im Ur-Konzept von Hypertext sind Navigationslinks nicht vorgesehen. Dort gibt es nur Inhalte und Links zu anderen Inhalten, also reine Assoziation zwischen Inhalten. Dieses Konzept ist jedoch zu radikal und überfordert die Anwender. Das Konzept der Inhalts-Navigation zusätzlich zu den rein assoziativen, kontextabhängigen Links im Inhalt hat sich in der Hypertext-Praxis als erfolgreicher erwiesen.

Die Hypertext-Praxis, besonders die mittlerweile zahlreich gesammelte Praxis bei Webseiten, hat auch verschiedene Arten von Navigationen hervorgebracht. So lassen sich beispielsweise statische Navigationen und dynamische Navigationen unterscheiden. Statische Navigationen bestehen aus immer den gleichen Verweisen in der gleichen Anordnung. Dynamische Navigationen haben zwar einen wiedererkennbaren Aufbau, doch können die angebotenen Verweisziele wechseln. Statische Navigationen eignen sich als Hauptnavigation, um zentrale Übersichten jederzeit aufrufen zu können. Dynamische Navigationen treten dagegen in Formen wie dem sogenannten Breadcrumb-Pfad („Brotkrümelpfad“), in Form von Vor/Zurückblätter-Leisten oder in Form spezieller Listen (dem Inhalt zugeordnete Kategorien, oder „andere Inhalte, die hierhin verlinken“).

Auf modernen Websites sind Navigationen längst nicht mehr wegzudenken. Obwohl sie technisch nicht anders als assoziative Verweise im Text realisiert werden, haben sie auf den Anwender eine völlig andere Wirkung. Zur Kunst des guten Webdesigns gehört deshalb auch, dem Anwender Navigationsbereiche als solche deutlich erkennbar zu machen. Die Navigation gibt ihm Halt und hilft ihm, sich eine Vorstellung vom Gesamtangebot der Website zu machen.

Verweise im Inhalt

Auch Verweise im Inhalt lassen sich so anordnen oder gestalten, dass sie dem Anwender mehr Orientierung bieten. So hat sich die erkennbare Unterscheidung von Links zu externen Zielen und Links zu projektinternen Zielen als sinnvoll erwiesen. Gerade weil moderne Websites sehr unterschiedlich gestaltet sind, zwingt ein externer Link den Anwender in der Regel zu einer kompletten Neuorientierung. Das ist er zwar beim Surfen im Web gewohnt, aber dennoch profitiert er davon, wenn er bereits vor dem spontanen Ausführen eines Links darüber in Kenntnis gesetzt wird, dass das Verweisziel vermutlich eine Neuorientierung erfordert. Das Gleiche gilt für Verweise, die zu Inhalten führen, die nicht im Browser angezeigt werden können, sondern für die der Browser eine externe Anwendung starten muss, oder die er nur zum Download anbieten kann.

Problematisch ist weiterhin eine zu starke Anhäufung von Verweisen mitten im Text. Es stört das Textverständnis immens, wenn jedes zweite Wort eines Satzes anklickbar ist. Eine mögliche Lösung besteht darin, die Verweise in einen vom Text separierten, aber immer noch in seiner Nähe platzierten Bereich auszulagern.


Dienstag, 20. März 2007

Gepflegter Start ins Web

Fast jeder, der einen Web-Browser benutzt, hat sich schon mal mit dem Thema beschäftigt, was eigentlich beim Aufruf des Browsers im Anzeigefenster erscheinen soll. Nur in größeren Unternehmen und Organisationen meist nicht, denn dort ist die Intranet-Adresse schon voreingestellt und kann oder sollte nicht geändert werden. Die übrigen Browser-Benutzer stellen sich meistens about:blank (leere Seite) oder so etwas Allgemeines wie die Google-Suchseite als Startseite ein. Nur wenige überlegen sich kreativere Lösungen.

Eine davon besteht darin, sich eine genau für diesen Zweck geschaffene, personalisierte Seite im Web als Startseite einzustellen. Bleiben wir bei Google. Wer sich einen Google-Account einrichtet, kann sich eine personalisierte Google-Suchseite einrichten, also die Google-Suchseite um Module seiner Wahl erweitern, z.B. um aktuelle Wetterinformationen, um neueste News, um ein Suchfeld für Wikipedia und vieles mehr. Aus mehreren hundert Angeboten kann man auswählen, welche davon man als kleine Box auf seiner persönlichen Google-Suchseite haben möchte.

Personalisierte Google-Suchseite
Personalisierte Google-Suchseite

Wer seine Browser-Startseite, die ja schließlich auch bei jeder Flucht aus dem Hyperspace (der gute, gute HOME-Button, wie oft hat er mir schon aus Sackgassen geholfen!) erscheint, etwas durchgestylter wünscht, sollte sich einmal den Service Netvibes näher ansehen. Einfacher geht es kaum: man ruft die Seite auf, und schon kann man anfangen, sich die angebotenen Boxen zurechtzuschieben, Einstellungen vorzunehmen usw. — völlig ohne Anmeldung. Der Service arbeitet auf dieser Ebene allein mit Cookies und mit viel Ajax. Eine durchaus gelungene Alternative zu all den Services, die für jede Kleinigkeit das Anlegen eines Accounts erfordern.

Sofort anpassbare und editierbare Netvibes Startseite
Sofort anpassbare und editierbare Netvibes Startseite

Wegen der Cookies sind die Einstellungen einer personalisierten Seite bei Netvibes erst mal nur für den aktuell benutzten PC verfügbar. Um die eigene Seite auch von anderen Zugängen aus, etwa aus einem Internet-Café nutzen zu können, kommt man um eine Anmeldung nicht herum. Denn erst so können die Daten auch serverseitig gespeichert werden. Wem das Default-Layout nicht zusagt, der kann in den Einstellungen auch ein anderes Theme auswählen.

Während die personalisierte Startseite bei Google eher ein buntes Allerlei ermöglicht, welches die eigentliche Seitenfunktion, nämlich die Websuche, ergänzt, liegt der Schwerpunkt bei Netvibes stärker auf integrierbaren Newsfeeds, Podcasts und Ähnlichem. Wer jedoch sucht, wird auch dort zahlreiche exotische, einbindbare Module finden, so etwa den Speiseplan der Mensa Esslingen. Kein Wunder, denn die Programmierschnittstelle von Netvibes ist offen dokumentiert und jeder der kann darf eigene Module entwickeln.

Google bietet allerdings ebenfalls eine Dokumentation seiner Programmierschnittstelle für Module der personalisierten Startseite an. Dort werden die Module als Gadgets bezeichnet.

Sich eine gepflegte persönliche Startseite fürs Web, also eine Homepage im besten Wortsinn einzurichten ist wie die beiden Beispiele von Google und Netvibes zeigen nicht mehr wie früher eine Kunst, die nur HTML-Kundigen zugänglich ist. Mit wenigen Klicks ist sie zusammengestellt und kann nützliche, dynamisch erzeugte und aktuelle Inhalte bieten. Doch auch Entwickler können nach wie vor auf ihre Kosten kommen, wenn sie bereit sind, sich mit den Programmierschnittstellen der Anbieter auseinanderzusetzen. Eigene Module für Netvibes, eigene Gadgets für Google — ein schönes Betätigungsfeld für Webentwickler von heute, die gerade nichts Besseres zu tun haben.

Und ganz frisch eingetroffen zu diesem Thema: auch T-Online bietet seinen Kunden nun eine personalisierte Startseite an. Die Adresse lautet mein.t-online.de/ (gefunden über webthreads.de).

Diskussionen zu diesem Eintrag im Webkompetenz-Forum:
Gepflegter Start ins Web


 

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