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Samstag, 8. September 2007

Das Upload-Magazin als Website und in PDF

Hin und wieder stößt man auf Webprojekte, die einfach gut gemacht sind, viel zu bieten haben und ohne viel Aufhebens funktionieren. Eines dieser Webprojekte ist für mich UPLOAD. „Bei UPLOAD dreht sich alles um Weblogs, Podcasts, Wikis, PDF-Magazine und andere Möglichkeiten, Inhalte und Werke digital zu verbreiten“, heißt es in der Eigenaussage.

Die Frontseite besteht aus Anlesertexten der neuesten Artikel. Es handelt sich dabei tatsächlich um Artikel und nicht nur um Postings — also um Beiträge, deren Erstellungsaufwand eher in Stunden misst als in Minuten. Jan Tißler, der Macher hinter dem Upload-Magazin, ist Journalist, und diese Professionalität ist den Artikeln anzumerken. Redaktioneller Aufwand steckt auch hinter den Podcasts, die im Schnitt alle zwei Wochen erscheinen und eine Länge von 10 bis 15 Minuten haben. Im Audio-Bereich wirken Jan Tislers Beiträge sprachlich nicht ganz so glatt wie die eines Radiomoderators. Zum Glück verlässt er sich nach wenigen Einleitungsworten meist auf intuitives Erzählen, was der Lebendigkeit der Podcasts sehr zu Gute kommt.

Bei allen optischen Genüssen, die ein gelungenes Webdesign vermittelt: so manch einer, der noch mit kreativ orientierten Print-Zeitschriften aufgewachsen ist, vermisst mitunter doch etwas die Möglichkeiten einer Seite mit festen Ausmaßen in Breite und Höhe, klar durchgestylt und ohne Navigationsstress. Jan Tißler nutzt auch diesen Kanal, um sein Publikum zu bedienen. Im Juni 2007 erschien die Testausgabe eines PDF-Magazins. Um in den Genuß von dessen Aufruf oder Download zu kommen, ist jedoch eine Registrierung erforderlich. Die Registrierung ist mit keinen Kosten verbunden. Nun empfinden die meisten Anwender Registrierungspflicht nur da als gerechtfertigt, wo sie als User selber Content beitragen können und die Betreiber deshalb ein Anrecht auf ihre Identität haben. Und so ist es auch bei UPLOAD: die Registrierung ermächtigt nicht nur zum Download des PDF-Magazins, sondern auch zur Teilnahme am UPLOAD-Forum.

Das PDF-Magazin selbst ist im A4-Querformat gestaltet und erinnert in seinem ambitionierten Layout durchaus an Lifestyle-Zeitschriften. Die Inhalte bieten die richtige Mischung an Recherche-Tiefe und lockerer Darbietung. Jede Ausgabe hat Schwerpunkt-Themen. In der Testausgabe war dies das Thema Abmahnungen im Internet. Daneben werden aber auch Themen angeboten, zu denen noch nicht viel Anderes in deutscher Sprache geschrieben wurde, so etwa über die Blogosphäre in Russland. Die zweite Ausgabe des PDF-Magazins (die erste, die keine Testausgabe ist) erscheint dieser Tage.

Das UPLOAD-Magazin ist sicherlich kein Geheimtipp mehr, wie die Blogsuche verrät. Mit ein paar Hundert Besuchern am Tag gehört es durchaus zu den sogenannten A-Blogs, und in den Deutschen Blogcharts hält es einen guten Mittelplatz. Was mir persönlich gefällt, ist, dass es nicht so hektisch ist wie manches Trend-Blog, dass es mehrgleisig fährt und nicht so tut, als ob es außer der Blogosphäre nichts mehr gäbe im Internet. Bleibt zu wünschen, dass Jan Tißler die Kraft hat, dieses anspruchsvolle Projekt dauerhaft zu stemmen.

*****

Kleiner Hinweis noch in eigener Sache: da es sich bei diesem Blog-Beitrag um ein typisches Review handelt, habe ich es erstmals mit dem entsprechenden Mikroformat ausgezeichnet.


Montag, 3. September 2007

Hypertext (9): Tim Berners Lee: World Wide Web

siehe auch:
(1): Text und Linearität
(2): Computer und Hypertext
(3): Inhaltseinheiten und Verlinkung
(4): Suchen und Stöbern
(5): Orientierungsmittel für Hypertext
(6): Hypertext und Informationsaufnahme
(7): Vannevar Bush: Memex
(8): Ted Nelson: Xanadu


Die Mehrheit der Bürger ist im Internet, was allein schon ein unglaublicher Wandel ist, der da innerhalb von 10 bis 15 Jahren stattgefunden hat. Nicht wenige verdienen ihr Geld im oder durch das Internet. Dabei meinen die meisten, wenn sie vom Internet reden, gefühlt zu etwa 80% World Wide Web, zu 15% E-Mail und zu 5% Sonstiges, wie Instant Messaging, VoIP-Telefonie, IRC-Chat, Peer-to-Peer-Anwendungen usw. Für viele Menschen ohne tiefere Internet-Kenntnisse sind Internet und World Wide Web schlichtweg Synonyme. Denn erst durch das Web ist das Internet ein Massenmedium geworden. Dabei ist das Web jedoch kein ultrakomplexes Produkt, sondern ein griffiges Konzept, das im Kopf eines einzigen Mannes entstanden ist.

Die Vorgeschichte

Tim Berners-Lee Tim Berners-Lee (persönliche Homepage beim W3-Konsortium, persönliches Weblog) ist ein bescheidener Zeitgenosse geblieben, obwohl seine kulturgeschichtliche Bedeutung immer wieder mit derjenigen von Johannes Gutenberg verglichen wird, und obwohl er als britischer Landsmann im Jahre 2004 von Queen Elizabeth II zum Ritter geschlagen wurde. Der 1955 geborene Berners-Lee studierte Physik in Oxford und gelangte 1984 zum europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf. wo er 1980 erstmals als Software-Consultant tätig gewesen war.

Bereits Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre war Berners-Lee besessen von der Idee einer Software, die alles mit allem verknüpft. Die Idee selbst war ja dank Persönlichkeiten wie Vannevar Bush oder Ted Nelson nicht mehr neu. Doch in der Zeit, von der hier die Rede ist, war es alles andere als selbstverständlich, dass jemand wie Berners-Lee sich mal eben mit der bisherigen Hypertextgeschichte auseinandersetzen und auf vorhandenen Konzepten aufsetzen konnte. Das, was dazu nötig gewesen wäre, gab es einfach noch nicht: nämlich weltweit vernetzte, sofort verfügbare Information. Außerdem wurde Nelsons Terminus Hypertext erst Ende der 80er Jahre zu einem zumindest in der Wissenschaft verbreiteten Begriff.

Berners-Lee experimentierte zunächst mit einer selbst geschriebenen Software namens Enquire (to enquire = erkundigen, nachfragen, erforschen), die er bei seinem ersten CERN-Consulting 1980 konzipiert hatte. Er nutzte Enquire, um alles zu vernetzten, was er an persönlichen Daten und Dokumenten hatte: Adressen, Notizen usw. Enquire war ein lokal ausgerichteter Hypertext-Interpreter. Er erlaubte Links innerhalb eines Dateisystems und Links zu definierten Ankern innerhalb einer Datei, später auch zu Zielen jenseits des lokelen Dateisystems. Seine Informationen speicherte er in einer einzelnen Datenbankdatei. Doch damit war Berners-Lee auf die Dauer nicht zufrieden. Er wollte keine Hypertext-Software-Lösung für Einzelbenutzer oder geschlossene Arbeitsgruppen, sondern eine globale Lösung, ein dezentral auf beliebig weit entfernte, leitungsverbundene Rechner verteilbares Hypertext-System, das nicht aus einer Zentraldatenbank bestand. So kam Berners-Lee auf die Idee, seine Hypertext-Idee als Dienst für das Internet zu konzipieren.

Die Säulen des Web

Die meisten Internet-Dienste sind client-server-orientiert. Benutzer, die den Dienst nutzen wollen, verwenden einen Dienste-Client. Der Dienste-Client ermöglicht es, eine Anfrage in der diensteigenen Protokollsprache an einen anderen Rechner im Internet zu richten (Internet-Dienste werden durch sogenannte Portnummern unterschieden). Wenn auf dem angewählten Rechner ein entsprechender Dienste-Server läuft, bekommt dieser die protokolleigene Anfrage über die vereinbarte Portnummer zugewiesen, kann sie auswerten und entsprechend reagieren, z.B. durch Senden angeforderter Daten. Nach diesem Muster konzipierte Berners-Lee auch das World Wide Web. Wer Informationen auf einem Internet-Rechner anbieten wollte, benötigte einen dienste-spezifischen Server, in diesem Fall einen Webserver. Wer solche Informationen abrufen wollte, benötigte hingegen einen Web-Client. Berners-Lee entwickelte folgende zentrale Komponenten des Webs:

Nachdem die ersten Fassungen des Webservers und des HTTP-Protokolls zur Verfügung standen, konnte der erste Web-Browser zum Einsatz kommen. Es war ein reiner Zeilen-Browser für eine nichtgrafische Oberfläche. Auf Unix-Systemen war er typischerweise unter /usr/local/bin/www aufrufbar. Er benutzte eine zum Programmumfang gehörende Datei namens default.html als voreingestellte Startseite.

Screenshot von Tim Berners-Lee's Original-WorldWideWeb-Browser für Textoberflächen
Screenshot von Tim Berners-Lee's Original-WorldWideWeb-Browser für Textoberflächen
Original siehe http://info.cern.ch/LMBrowser.html

Der Browser für den Textmodus entsprach allerdings nicht Berners-Lee's Vorstellungen von der Zukunft von Hypertext. Anfang der 90er Jahre gewannen grafische Benutzeroberflächen immer mehr an Bedeutung. Berners-Lee selbst arbeitete bevorzugt mit NeXT-Rechnern, einem unix-basierten Edel-Betriebssystem von Apple-Gründer Steve Jobs. Der erste NeXT-Browser entsprach weitgehend dem, was Berners-Lee sich vorstellte:

Screenshot von Tim Berners-Lee's Original-WorldWideWeb-Browser
Screenshot von Tim Berners-Lee's Browser für NeXT-Computer
Original siehe http://info.cern.ch/NextBrowser.html

Genauer betrachtet, dachte Berners-Lee nicht nur in den Kategorien Informationsangebot und Informationsnachfrage. Das Web sollte von Beginn an auch dazu dienen, das Anbieten von Information überhaupt zu ermöglichen. Der Web-Client, den Berners-Lee sich vorstellte, sollte nicht wie heute üblich ein reiner Browser sein, sondern ein Kombi aus Browser und Remote-Editor.

Auch etwas anderes ist an dem NeXT-Screenshot erkennbar: der Browser-Benutzer hatte die Möglichkeit, sich sein persönliches Stylesheet einzurichten. Für die Standardelemente der Original-HTML-Sprache konnte sich der Benutzer bequem einstellen, wie Elemente der entsprechenden Typen bei ihm erscheinen sollen. So hatten alle auf HTML basierenden Web-Dokumente für den Benutzer ein einheitliches Aussehen, das seinen persönlichen optischen Vorlieben entsprach. HTML selbst enthielt deshalb auch gar keine Sprachbestandteile für Formatierungen, abgesehen von primitiven Formatauszeichnungen wie Fettschrift oder Kursivschrift.

Die Kommerzialisierung des Web

Die Kommerzialisierung des Web begann mit einem jungen Mann, der von der Idee des Webs fasziniert war, aber eher mit Dollarzeichen in den Augen und weniger im Dienste der Enzyklopädie des menschlichen Wissens: Marc Andreessen entwickelte den ersten grafischen Web-Browser für bekanntere Benutzeroberflächen als NeXT. Sein Browser mit dem Namen Mosaic avancierte binnen kürzester Zeit zum Volkswagen des Web, erhältlich unter anderem auch für Microsoft Windows. Es war jedoch ein reiner Browser ohne Editier-Funktionalität. Damit war die erste entscheidende Weiche gestellt: die erste große Besucherwelle im Web war beeindruckt davon, in einem einfachen Anwendungsfenster Dokumente aus aller Welt betrachten zu können, die auch noch untereinander vernetzt waren, sodass man nicht viel mehr können musste als auf Links zu klicken. Doch den vielen tausend Menschen, die zwischen 1993 und 1994 durch Artikel in namhaften amerikanischen Zeitungen und Zeitschriften auf das Web aufmerksam wurden und das Glück eines Internetzugangs hatten, wurde durch den Mosaic-Browser auch vermittelt: da gibt es ein paar Gurus, die wissen, wie man Dokumente ins Web bringt, und von denen hängt letztlich ab, was im Web angeboten wird.

Nicht Berners-Lee, sondern Andreessen war es, durch dessen Software-Fenster die Welt das Web erblickte. Gemeinsam mit James H. Clark gründete er eine neue Firma namens Netscape, die einen auf Mosaic basierenden Browser namens Netscape Navigator entwickelte. Dieser Browser brach mit einem weiteren zentralen Konzept von Berners-Lee. Statt dem Benutzer zu überlassen, wie er Inhalte optisch dargestellt bekommen möchte, baute Netscape die HTML-Sprache munter und spontan zu einer bunten Formatiersprache aus. Autoren von Webseiten konnten plötzlich mit Hintergrundfarben, Hintergrundbildern, bunten und veränderlich großen Texten arbeiten, Informationen in mehrere Frame-Fenster verteilen und mit einer kleinen Scriptsprache namens JavaScript allerlei Unfug treiben. Dier Beruf des Webdesigners war geboren (mittlerweile versteht man unter einem Webdesigner natürlich etwas anderes als jemanden, der Texte bunt macht und Benutzer mit kleinen trivialen dynamischen Effekten nervt).

Der Netscape-Browser hatte Mitte der 90er Jahre unter den Web-Browsern eine Marktdominanz wie heute etwa Google bei den Suchmaschinen. Es dauerte reichlich lange, bis der führende Welt-Software-Riese Microsoft bzw. sein Chef Bill Gates erkannten, dass da gerade ein Zug am Abfahren war. In einem gewaltigen Kraftakt versuchte Microsoft verschlafenes Know How aufzuholen. Ab 1997 bzw. Version 4 des hauseigenen Browsers Internet Explorer gewann Microsoft tatsächlich Oberwasser im Browser-Markt. Der Grund war jedoch, dass man den Browser einfach ins Betriebssystem Windows so fest integrierte, dass er bei jeder neuen Windows-Installation der Default-Web-Browser war. Die Konkurrenz strengte Prozesse gegen die Browser-Integration ins Betriebssystem an, doch ohne Erfolg. Der Internet-Explorer verdrängte den Netscape Navigator, doch an der Marschrichtung änderte sich nichts. Web-Browser wurden als Fenster in ein kommerziell orientiertes Web konzipiert. Ohne Editiermöglichkeit, realisiert als möglichst ausgereifte und fehlertolerante Sklaven für die optischen Vorstellungen von Webdesignern und ausgerüstet mit proprietären Techniken für neuere, vor allem kommerziell interessante Nutzungsmöglichkeiten. Die Wunsch-Software der Dotcom-Blase.

Tim Berners-Lee berichtet in seiner Biographie (Weaving the web, deutsche Übersetzung: Der Web-Report) über Begegnungen mit Marc Andreessen. Daraus geht deutlich die Abneigung hervor, die Berners-Lee gegen Andreessens Abkehr von den ursprünglichen Browser-Editor-Vorstellungen und die Anbiederung an die Kommerzwelt hegte. Die Blütezeit der Dotcom-Welle muss für Berners-Lee eine sehr ambivalente Erfahrung gewesen sein: einerseits hatte sein World Wide Web tatsächlich die Welt erobert. Doch andererseits hatte sich das Web in eine vorherrschende Richtung entwickelt, die nicht mehr viel mit den ursprünglichen Vorstellungen von der freien Informationsvernetzung zu tun hatte.

Web 1.0 — Web 2.0

Nicht weniger problematisch ist allerdings das Verhältnis zwischen Tim Berners-Lee und dem, was sich mittlerweile selbst allerortens als Web 2.0 feiert. Denn eigentlich wirkt vieles von dem, was zu den Kern-Features von Web 2.0 gehört (mehr Editiermöglichkeiten für Benutzer, Techniken für intensivere Informationsvernetzung), wie ein Versuch, nachträglich das zu realisieren, was eigentlich das Web des Tim Berners-Lee hätte werden sollen. Andererseits muss es Berners-Lee schmerzen, wenn die Web-2.0-Bewegung von einem falschen Erstzustand des Web ausgeht. Denn das, was diese als das rein konsumorientierte, für passive Benutzer konzipierte Web 1.0 bezeichnet, war eben nicht aber das ursprüngliche Web von Tim Berners-Lee, sondern das Web von Marc Andreessen und Bill Gates. In einem Podcast-Interview (Textmitschrift in Auszügen oder Original-MP3-Podcast (ca. 17 MByte, ca. 25 Minuten) — beides in Englisch) äußert sich Berners-Lee auf diesem Hintergrund sehr kritisch über den Web-2.0-Hype.

Was die Web-2.0-Szene indessen erkannt hat, ist die richtige Mischung für eine produktive Web-Atmosphäre. Sie besteht vorwiegend aus OpenSource und OpenContent, gepaart mit der freiwilligen Energie von Social Networking und nicht-marktschreierischem Unternehmergeist. Das Web ist auch kein reines Wissenschaftsnetz mehr wie in den anfänglichen Vorstellungen von Berners-Lee. Es integriert vielmehr Menschen unterschiedlichster Kulturen und Bildungsschichten, Experten und Dummies, von denen quer durch alle Bänke ein Teil auch aktiv an den Inhalten des Webs mitwirkt. Die von Berners-Lee angedachte Web-Client-Software alleine könnte das Web in heutiger Zeit nicht mehr voranbringen. Denn das Web besteht nur noch zu einem Teil aus Dokumenten im herkömmlichen Sinn. Zum anderen, immer größer werdenden Teil besteht es aus Anwendungen und aus Multimedia. Einflussreiche Webanwendungen wie Google Maps, Wikipedia oder große Blogger-Plattformen verändern das Web und das darin enthaltene Hypertext-Potential nachhaltig. So kann man heute nicht mehr nur auf Dokumente und vielleicht noch auf Mailadressen verlinken, sondern auch auf Geo-Koordinaten und Newsfeeds. Fehlende Hypertext-Features im Web, wie etwa ein stabiles Versionensystem bei Dokumenten oder bidirektionale Links, werden ebenfalls auf Ebene der Webanwendungen ausgeglichen, nämlich durch Features wie Permalinks oder Trackback-Funktionalität. Dazu kommt der stetig wachsende Anteil an Multimedia, der sich zwar derzeit noch stark auf einzelne Plattformen wie YouTube oder MyVideo konzentriert, die jedoch zu den meistbesuchtesten im Web gehören.

Berners-Lee hat das Web in weiser Voraussicht software-unabhängig konzipiert. Für die Ausformung der notwendigen technischen Standards hat sich das W3-Konsortium gegen proprietäre Herstellerinteressen durchgesetzt. Damit ist das Web ein eigentlich erstaunlich stabiles Fundament für weltweiten Hypertext. Hohe Nutzerzahlen und ein unter Webentwicklern und Webdesignern wachsendes Bewusstsein für Standardkonformität sorgen für weitere Stabilität. Unter den Ansätzen für globalen Hypertext ist das Web der erste und einzige, der bislang zum Erfolg geführt hat. Der Vergleich zur Kulturtechnik des Buches ist angesichts der Bedeutung des Webs alles andere als abwegig. Absehbar ist auch, dass das Web nicht nur den herkömmlichen Printmedien-Markt verändert. Schon längst hat es den Tonträgermarkt verändert, und ebenso wird es auch die Rundfunk- und Fernsehlandschaft verändern. Printmedien, Tonträger, Rundfunk und Fernsehen in herkömmlicher Form werden in bestimmte Nischen (Liebhaber, Outdoor usw.) gedrängt. Der bezahlbare Medienstandard wird dagegen das Web sein, zugänglich über Breitband-Flatrate. Der Umgang mit Hypertext wird dadurch so selbstverständlich, wie es einst das Umblättern von Seiten oder das Einlegen von Cassetten war.

Diskussionen zu diesem Eintrag im Webkompetenz-Forum:
Zum Blog-Eintrag: Hypertext (9): Tim Berners Lee: World Wide Web


Donnerstag, 9. August 2007

Kleine Sommerferien

Das Webkompetenz-Blog wird für ca. zwei Wochen Ferien machen und keine neuen Einträge erhalten. Für Leseratten deshalb noch ein paar Tipps:

  • Webstandards und Kundenansprache
    Blog-Beitrag von Nils Pooker. Argumente, wie ein Kunde davon überzeugt werden kann, barrierefreie und standardkonforme Webseiten erstellen zu lassen.
  • Fixed Width CSS Layouts
    Frei verfügbare CSS-Layouts, systematisch sortiert nach Anzahl Spalten, Header/Footer ja/ein usw. Hier: nur Layouts mit fixen Breiten!
  • The Curse of Xanadu
    Ausführlicher Artikel (englisch) über Ted Nelsons Xanadu-Projekt und seiner Passion (siehe auch unser Beitrag)
  • Verkehrte Netzwelt: Kein Pardon im Web 2.0
    Artikel von Benjamin Schnitzler über das Verhalten von Usern in Foren und anderen Kommunikationsorten im Netz.
  • Bloggen und Hypertext
    Claudia Brandstetter über Lesen am Bildschirm, Assoziation und Vernetzung und die Herausforderung beim Schreiben von Hypertext.

Montag, 16. Juli 2007

Wertvolle Tippfehler

Falsch geschriebene Wörter können sehr einträglich sein. Das gilt besonders für Zeichenfolgen, die sich nur ganz knapp von einem sehr bekannten Domain-Namen unterscheiden. Eine solche Domain ist beispielsweise flicker.com. Welcher Normalo weiß denn schon, dass man beim Original Flickr das e absichtlich ausgespart hat, um — nun ja, es darf gemutmaßt werden. So bekommt also flicker.com eine Menge Zulauf, und nicht wenige scheint es in den Fingern zu jucken, diese segensreiche Falschtipper-Domain für teueres Geld zu erwerben.

Am meisten Traffic hat natürlich Google, und der Name lädt ja geradezu ein zu Ideen. Nun hat hat sich Google wie einige andere große Anbieter durchaus abgesichert. So führt die Eingabe von www.gooogle.com (mit drei o) per Redirect zum Original. Das stört diejenigen, die sich verkäuflichen Traffic durch Falschtipper erhoffen, allerdings wenig. Es könnte ja sein, dass beim einen oder anderen User das o klemmt. Und deshalb gibt es goooogle.com mit vier o. Klar, dass das noch weiter geht. Aber wer da glaubt, gooooogle.com mit fünf o sei der nächste Trittbrettfahrer, der irrt. Diese Domain führt wieder zur Originalseite von Google. Der nächste Geier hat sich sich erst wieder bei goooooogle.com mit sechs o angesiedelt. Sieben, acht und neun o funktionieren natürlich auch. Danach hatte ich keine Lust mehr weiterzuforschen.

Wer nach dem Unternehmen von Bill Gates sucht und zur Deutschtümelei neigt, landet bei mikrosoft.de. Immerhin gibt es dort ein bislang offenbar unabgemahntes Forum zu Windows-Produkten. Ganz typisch dagegen wieder jeise.de — ein paar Pseudo-Links, aber das Wesentliche ist, dass das j als direkter Tastaturnachbar des h dem Domain-Inhaber derzeit 500 Euro wert ist. Vermutlich hat er sich schon mal mehr ausgerechnet. Anwältin Traude Geise könnte sicher das Gleiche verlangen, aber sie heißt wirklich so und darf ganz legitim von Vertippern in der URL-Zeile profitieren.

Neuerdings sind ja auch Zeichen jenseits von a-z in Domainnamen erlaubt. Auch das haben sich einige Spezialisten bereits zunutze gemacht. Denn wie tippt Dummdoofie auf der Suche nach EBay: nein, nicht etwa ebäi.de, man kann ja schließlich Englisch: also ebäy.de. Dummdoofie bekommt, was er/sie vermutlich ohnehin gesucht hat: Klingeltöne fürs Handy.

Domainnamen sind billig geworden. Da lohnt es sich, gleich viele zu reservieren. So führen etwa so unterschiedliche Vertipper wie selfhmtl.org und wckipedia.de zweifellos zum gleichen Mafioso. Es darf angenommen werden, dass er einige hundert solcher Domains besitzt. Insgesamt eine knallbunte bis aschgraue Web-Unterwelt also, bei der man einiges Lustiges erleben kann. Wer nun Lust bekommen hat, nach anderen möglichen Vertippern zu forschen, dem sei aber geraten, im Browser die Sicherheitsstufe zu erhöhen. Denn gerade auf Trittbrettfahrer-Seiten ist die Gefahr besonders groß, sich Spyware einzuhandeln!


Mittwoch, 6. Juni 2007

Auslese der Next Web Conference 2007

Wer hier mitliest, interessiert sich selbstredend auch für die Zukunft des Web, wie es in einigen Jahren vielleicht aussehen wird, und in welchem Ausmaß es Alltags und Beruf prägen wird. Mit genau diesen Aspekten hat sich die Next Web Conference beschäftigt, die dieses Jahr zum zweiten Mal stattfand. Austragungsort war Amsterdam, und über die Bühne ging alles an einem Tag, dem 1. Juni 2007.

Namhafte Web-Größen wie etwa Eric A. Meyer (Webdesign-Experte) oder David Weinberger (Mitbegründer des Cluetrain-Manifests) trugen Video-Inhalte bei, und Leute wie Felix Petersen (Gründer von plazes.com) oder Tapan Bhat (Vizepräsident von Yahoo) hielten Vorträge.

Halt! Felix Petersen sagte leider in letzter Minute ab. Seine neun Monate alte Tochter sei krank geworden, und deshalb müsse er nach Berlin. „Share where you are right now and what you are doing there“, heißt es auf der Startseite von Petersens erfolgreicher Site plazes.com. Natürlich nutzt auch Petersen selbst seinen Service. Und laut dessen Daten war er zum Zeitpunkt der Next Web Conference nicht in Berlin bei seinem kranken Töchterchen, sondern in Kopenhagen auf der gleichzeitig zur Next Web Conference stattfindenden Reboot conference, wo er es sich bei Dinner, Bier und Wein offenbar gut gehen ließ.

Wer lieber nicht gefunden werden möchte, zum Beispiel, weil er vorgibt an einem Ort zu sein, an dem er gar nicht ist, sollte Plazes meiden wie ein Vampir das Zazikifass. Bis zum vorigen Freitag wäre man davon ausgegangen, dass Felix Petersen, der Chef und Gründer von Plazes, das weiß. Offenbar nicht.“, so der SPIEGEL, der sich ebenfalls diesem Thema widmet und titelt Firmenchef entblößt sich im Mitmachnetz.

Ein kleiner Lapsus also im Strom des Weltgeschehens. Jedoch einer, der uns sagen will: nicht alles, was Leute verbindet („connecting people“ ist ja der Wahlspruch des Web 2.0), ist immer und in jeder Situation von Vorteil. Manchmal ist es besser, sich aus der lückenlosen alltäglichen Selbstpräsentation im Web zu verabschieden. Denn nur, wer sich auf seinen Abwegen noch sicher fühlen darf, kann ein glückliches Leben führen.


Dienstag, 29. Mai 2007

Hypertext (5): Orientierungsmittel für Hypertext

siehe auch:
(1): Text und Linearität
(2): Computer und Hypertext
(3): Inhaltseinheiten und Verlinkung
(4): Suchen und Stöbern


Lost in Hyperspace

Beim Stöbern in den Inhalten eines Hypertextangebots besteht leicht die Gefahr, sich vom Hundertsten ins Tausendste zu verirren. Angenommen, eine Startseite enthält einige Verweise zu Seiten über Ortschaften. Man klickt eine der Seiten an. In den Inhalten zur Ortschaft klickt man auf einen Link zu einem Fürsten, in dessen Gemarkung die Ortschaft einst fiel. In den Inhalten zu dem Fürsten klickt man auf einen Link zu einer Hygienevorrichtung, die im Schloss dieses Fürsten bereits installiert war, was zu der damaligen Zeit alles andere als selbstverständlich war. In den Inhalten zu der Hygienevorrichtung klickt man auf einen Link zu einer Krankheit, die durch die Einführung dieser Hygienevorrichtung weitgehend besiegt werden konnte.

Man kann also sehr weit und interdisziplinär herumkommen, wenn man beim Hypertext-Stöbern spontan Verweisen folgt. Dies passt zu der Beobachtung, dass nur wenige Gedankenschritte nötig sind, um von einem beliebigen Gedanken zu einem beliebigen anderen Gedanken eine logisch sinnvolle Verbindung zu schaffen. Im obigen Beispiel genügen drei Links, um eine logisch nachvollziehbare Brücke zwischen einer Ortschaft und einer längst ausgerotteten Krankheit herzustellen. Als kognitiver Prozess betrachtet, ist so etwas durchaus bemerkenswert und faszinierend (Stichwort Serendipity). Aus Sicht des betroffenen Anwenders kann eine solche Gedankendrift jedoch auch als unerwünschte Ablenkung vom ursprünglichen Interesse empfunden werden. Solange in einer solchen Situation genügend Angebote existieren, über die der Anwender leicht zurückfindet oder sich anders orientieren kann, wird sich die Negativ-Empfindung vermutlich in Grenzen halten. Fehlen solche Angebote jedoch, tritt das sogenannte Lost-in-Hyperspace-Gefühl ein („verloren im Hyperspace“).

Stöbern in Hypertext lädt also zum Driften ein. Erfreuliche Mehrwerteffekte („Serendipity-Effekte“), die dabei auftreten können, sind nicht planbar. Unerfreuliche Lost-in-Hyperspace-Gefühle sind jedoch vermeidbar. Die Mittel dazu werden teilweise von der verwendeten Hypertext-Software bereitgestellt. Anbieter von Hypertext-Inhalten können jedoch ebenfalls entscheidend dazu beitragen, dass keine Lost-in-Hyperspace-Gefühle auftreten.

Hilfen zur Rück- und Neuorientierung

Ein Web-Browser ist Hypertext-Software für Anwender. Das kommt schon in bekannten Produktnamen wie Navigator oder Explorer zum Ausdruck. Das ganze Web und seine Technologien sind ebenfalls auf Hypertext ausgelegt. Im Web und in Web-Browsern sind daher auch typische software-seitige Mittel zur Rück- und Neuorientierung in Hypertexten vorgesehen. Diese Mittel sind jedoch keine neue Erfindungen, die erst durch das Web entstanden. Auch Hypertext-Software im Vor-Webzeitalter kannte bereits vergleichbare Mittel.

Backtracking/Historie

Im griechischen Mythos war es der Ariadnefaden, der Theseus wieder aus dem Labyrinth des Minotaurus heraushalf. Wer heute mit einem Web-Browser surft, zieht mit jedem neuen Seitenaufruf ebenfalls einen Ariadnefaden hinter sich her. Wenn man sich im Hyperspace verirrt, ist die Liste der bereits besuchten Seiten häufig ein willkommener Rettungsanker.

Die einfachste Form ist das schrittweise Zurückorientieren, Backtracking genannt. Nicht von ungefähr bezeichnet der Begriff im Englischen eine algorithmische Problemlösungsmethode. Auch dem Menschen kommt diese Methode entgegen. Moderne Browser bieten dazu in ihrer Werkzeugleiste eine Schaltfläche („Back-Button“) an. Durch wiederholtes Betätigen werden die zuvor besuchten Webseiten wieder angezeigt. Da die Browser deren Inhalte meistens in einem Cache gespeichert haben, müssen sie nicht einmal mehr aus dem Web übertragen werden, sondern sind sofort präsent. Eine interessante Ergänzung in diesem Zusammenhang ist die Geschwisterschaltfläche „Forward-Button“. Diese Funktion ist dann verfügbar, wenn ein Backtracking gestartet wurde. Sie ermöglicht das erneute Vorwärtsblättern, also gewissermaßen ein Backtracking zum Backtracking.

Während einfaches Backtracking dem Anwender hilft, um aus Hypertext-Sackgassen schnell und intuitiv wieder herauszufinden, dient die Historie bereits besuchter Inhalte eher der gezielten Neuorientierung. Moderne Browser machen die gespeicherte Historie über eine Sidebar, über Menüs oder über einen separaten Dialog zugänglich. Der Anwender kann sich die Titel gespeicherter Inhalte nach Besuchszeit oder nach Kriterien wie Domain-Namen sortieren lassen. Wie viele Daten oder welcher Zeitraum in der Historie gespeichert wird, ist einstellbar. Der Anwender kann die gesamte Historie außerdem jederzeit löschen.

Lesezeichen/Bookmarks/Favoriten

Ein Sachbuch ohne Inhaltsverzeichnis würde von den meisten Lesern mit gutem Recht als schwer zugänglich empfunden. Das Bedürfnis, sich über ein Inhaltsverzeichnis zu orientieren, besteht bei Hypertext-Inhalten ebenso. Für umfangreiche Hypertext-Angebote kann es jedoch nicht „das eine“ Inhaltsverzeichnis geben. Zur Grundausstattung einer ordentlichen Hypertext-Software gehört daher die Möglichkeit, sich ein eigenes, auf persönliche Interessen zugeschnittenes Inhaltsverzeichnis einzurichten.

Lesezeichen, Bookmarks oder auch Favoriten, wie sie je nach Software genannt werden, bestehen als Dateneinheit aus mindestens zwei Feldern: der Adresse eines Hypertext-Inhalts, und einem Titel, unter dem der Eintrag aufgelistet wird. Einige moderne Browser erlauben es darüber hinaus, Kurzbeschreibungen zu den Einträgen zu bearbeiten.

Da die meisten Anwender in der Praxis sehr schnell sehr viele Lesezeichen setzen, würde eine einfache Liste bald unübersichtlich. Deshalb werden die Lesezeichen heute in aller Regel in frei bearbeitbaren Verzeichnissstrukturen gespeichert, ähnlich wie Dateien im Verzeichnisbaum eines Datenträgers. Durch die Speicherform einer Verzeichnisstruktur lässt sich die Lesezeichenfunktion bei ordentlicher Verzeichnispflege tatsächlich wie ein persönliches Inhaltsverzeichnis nutzen. Für die meisten Web-Anwender ist das Lesezeichenverzeichnis ihres Browsers längst zum Standardinstrument geworden, um sich im Web zu orientieren. Ein Lesezeichenverzeichnis bewahrt auch vor Lost-in-Hyperspace-Gefühlen, da es jederzeit eine für den Anwender vertraute Möglichkeit der Neuorientierung bietet.

Da Lesezeichen mit dem Konnotat „hier halte ich mich gerne auf“ (daher auch die Bezeichnung „Favoriten“ im Internet Explorer) besetzt sind, sind sie nicht nur für den Benutzer interessant, der das Lesezeichen gesetzt hat. Webangebote wie del.icio.us oder basieren auf der Idee, dass Benutzer ihre Lesezeichen einfach online speichern. Der Anreiz für die Benutzer besteht darin, dass sie bei dieser Speicherart von überall auf ihre Lesezeichen zugreifen können. Aus dem gemeinsamen Pool aller Lesezeichen entsteht eine Art Web-Verzeichnis. Neben Titel, Zieladresse und Kurzbeschreibung erhalten die Lesezeichen dabei außerdem sogenannte Labels oder Tags, also Stichwörter. Indem alle Benutzer davon Gebrauch machen, wird Gemeinschaftliches Indexieren betrieben.

Verzeichnisse, Feeds und Software-Agenten

Wie gut ein persönliches Lesezeichenverzeichnis ist, hängt davon ab, wie viel der Anwender, der es pflegt, im Inhaltsangebot bereits entdeckt hat. Ein Lesezeichenverzeichnis dokumentiert letztlich immer, was der Anwender bereits kennt. Ebenso wichtig sind jedoch inhaltliche Übersichtsformen, die der Anwender nicht selber pflegt, und die ihm neue, bislang unbekannte Inhalte erschließen helfen.

Die klassische Form „allgemeingültiger“ Web-Inhaltsverzeichnisse repräsentierten in den Anfangsjahren des Webanbieter wie Yahoo. Eine frühere Version der Yahoo-Startseite zeugt noch vom ursprünglichen Charakter eines allgemeinen Linkverzeichnisses. Die gegenwärtige Version der gleichen Seite zeigt dagegen, dass dieser Anspruch aufgegeben wurde. Auch ehemals in diesem Bereich konkurrierende Services wie Excite, Lycos oder Web.de haben sich längst davon verabschiedet, primär ein allgemeines Verzeichnis für andere Inhalte zu sein. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einerseits sind all diese Services kommerziell orientiert und mussten nach Wegen suchen, um profitabel zu sein. Weitere Gründe für das Sterben der klassischen, redaktionell gepflegten Web-Verzeichnisse ist die schiere Masse an Inhalten im Web, das häufige Wechseln von Inhalten zu anderen Domains, sowie Pseudo-Inhalte, die beispielsweise nur Wikipedia-Inhalte kopieren.

Vielversprechender sind aus gegenwärtiger Sicht Inhaltsübersichten, die nicht mehr redaktionell zustande kommen, sondern durch Software-Prozesse. Ein Beispiel für diese Repräsentationsform sind die immer erfolgreicher werdenden Newsfeeds (RSS- oder Atom-Feeds). Die Aktivität des Anwenders beschränkt sich bei Newsfeeds darauf, News-Kanäle zu Themen, die ihn interessieren, zu abonnieren. Die Schlagzeilen und manchmal auch Anlesertexte der News eines abonnierten Kanals bekommt der Anwender dann automatisch und aktuell aufgelistet.

Die nächste Ausbaustufe auf dem Weg zu generierten Inhaltsübersichten sind Software-Agenten. Während die Crawler, Spider und Robots großer Suchmaschinen bereits ausgereifte Typen dieser Software-Gattung sind, führen Software-Agenten, die von Endanwendern gestartet werden, noch eher ein Schattendasein. Es ist jedoch absehbar, dass sich dies ändern wird.

Generierte Inhaltsübersichten lassen sich ähnlich wie Lesezeichenverzeichnisse in die Benutzeroberfläche eines Browsers integrieren. Sie bieten dem Anwender ein weiteres, ebenso wichtiges Mittel zur Rück- und Neuorientierung wie die persönlichen Lesezeichen.

Homepages/Startseiten

In den Anfängen des Web hatten vor allem Universitätsangehörige Zugang zum Web. Viele von ihnen hatten zugleich auch die Möglichkeit, auf den Universitätsservern unterhalb eines persönlichen Verzeichnisses eine eigene Homepage zu speichern. Obwohl diese Homepages öffentlich zugänglich waren, dienten sie in vielen Fällen nur dazu, persönliche Links ähnlich wie in Lesezeichenverzeichnissen zu sammeln. Nicht wenige Benutzer legten im Inhalt ihrer Homepage einfach den HTML-Inhalt der vom damals dominanten Netscape-Browser generierten Datei bookmarks.html ab. Im Browser als Startseite eingestellt, ermöglichten sie dem Homepage-Besitzer über den „Home-Button“, der wie der Back-Button zum Ur-Repertoire aller Web-Browser gehört, die schnelle Neuorientierung über eine vertraute Startseite.

Auch heute noch haben zahlreiche Anwender eine persönliche Startseite im Browser eingestellt. In Firmen und Organisationen ist das meistens die Einstiegsseite des Intranets. Wieder andere Anwender nutzen personalisierte Startseiten bei Services wie Netvibes, Google oder GMX als persönliche Startseite. Manch einer baut sich auch seine eigene lokale Homepage oder landet beim Start auf den Home-Button im Familien- oder Wohngemeinschafts-Wiki.

Eine persönliche Startseite im Browser kann also alles Mögliche sein. Doch sie will mit Bedacht gewählt sein. Denn der Klick auf den Home-Button ist bei drohendem Lost-in-Hyperspace-Gefühl oft die spontane Panikreaktion, weil der Anwender dadurch sofort wieder in seiner vertrauten Umgebung landet. Die Startseite und das unmittelbar daran angeschlossene Angebot tragen also wesentlich dazu bei, was ein Anwender vom Web zu sehen bekommt, und wie er sich im Web orientiert.

Verweise

Hypertext-Software wie etwa moderne Web-Browser bieten eine Menge Funktionen an, die dem Anwender jederzeit eine Neu- oder Rückorientierung ermöglichen. Innerhalb eines Hypertextangebots darf ein Anwender jedoch auch erwarten, dass projektinterne Möglichkeiten zur Neu- und Rückorientierung angeboten werden. Der Schlüssel dazu sind projektinterne Verweise (Hyperlinks), die eine bestimmte Funktion übernehmen.

Navigationsverweise

Navigationsverweise sind Verweise, die sich in unterschiedlichen Inhaltseinheiten wiederholen und dadurch aus Sicht des Anwenders „zuverlässig verfügbar“ sind. In der Regel wird eine Navigation aus einer Reihe von Verweisen gebildet. Das Verweis-Set einer Navigation ist als eigener Block vom eigentlichen Inhalt einer Inhaltseinheit gut erkennbar getrennt. Die darin enthaltenen Links stehen nicht im Kontext der gerade aufgerufenen Inhaltseinheit, sondern im Kontext des gesamten Hypertextangebots.

Im Ur-Konzept von Hypertext sind Navigationslinks nicht vorgesehen. Dort gibt es nur Inhalte und Links zu anderen Inhalten, also reine Assoziation zwischen Inhalten. Dieses Konzept ist jedoch zu radikal und überfordert die Anwender. Das Konzept der Inhalts-Navigation zusätzlich zu den rein assoziativen, kontextabhängigen Links im Inhalt hat sich in der Hypertext-Praxis als erfolgreicher erwiesen.

Die Hypertext-Praxis, besonders die mittlerweile zahlreich gesammelte Praxis bei Webseiten, hat auch verschiedene Arten von Navigationen hervorgebracht. So lassen sich beispielsweise statische Navigationen und dynamische Navigationen unterscheiden. Statische Navigationen bestehen aus immer den gleichen Verweisen in der gleichen Anordnung. Dynamische Navigationen haben zwar einen wiedererkennbaren Aufbau, doch können die angebotenen Verweisziele wechseln. Statische Navigationen eignen sich als Hauptnavigation, um zentrale Übersichten jederzeit aufrufen zu können. Dynamische Navigationen treten dagegen in Formen wie dem sogenannten Breadcrumb-Pfad („Brotkrümelpfad“), in Form von Vor/Zurückblätter-Leisten oder in Form spezieller Listen (dem Inhalt zugeordnete Kategorien, oder „andere Inhalte, die hierhin verlinken“).

Auf modernen Websites sind Navigationen längst nicht mehr wegzudenken. Obwohl sie technisch nicht anders als assoziative Verweise im Text realisiert werden, haben sie auf den Anwender eine völlig andere Wirkung. Zur Kunst des guten Webdesigns gehört deshalb auch, dem Anwender Navigationsbereiche als solche deutlich erkennbar zu machen. Die Navigation gibt ihm Halt und hilft ihm, sich eine Vorstellung vom Gesamtangebot der Website zu machen.

Verweise im Inhalt

Auch Verweise im Inhalt lassen sich so anordnen oder gestalten, dass sie dem Anwender mehr Orientierung bieten. So hat sich die erkennbare Unterscheidung von Links zu externen Zielen und Links zu projektinternen Zielen als sinnvoll erwiesen. Gerade weil moderne Websites sehr unterschiedlich gestaltet sind, zwingt ein externer Link den Anwender in der Regel zu einer kompletten Neuorientierung. Das ist er zwar beim Surfen im Web gewohnt, aber dennoch profitiert er davon, wenn er bereits vor dem spontanen Ausführen eines Links darüber in Kenntnis gesetzt wird, dass das Verweisziel vermutlich eine Neuorientierung erfordert. Das Gleiche gilt für Verweise, die zu Inhalten führen, die nicht im Browser angezeigt werden können, sondern für die der Browser eine externe Anwendung starten muss, oder die er nur zum Download anbieten kann.

Problematisch ist weiterhin eine zu starke Anhäufung von Verweisen mitten im Text. Es stört das Textverständnis immens, wenn jedes zweite Wort eines Satzes anklickbar ist. Eine mögliche Lösung besteht darin, die Verweise in einen vom Text separierten, aber immer noch in seiner Nähe platzierten Bereich auszulagern.


Samstag, 19. Mai 2007

Das Web aus Sicht von Google

So sieht es angeblich aus, das Web aus Sicht von Google. Zumindest berichtet dies das Google Operating System Blog im Eintrag The World Wide Web, as Seen by Google.

Sonderlich unbekannt wirkt das Schaubild eigentlich nicht. Vielleicht, weil es irgendwie an Eiskristalle oder Fraktale erinnert?

Bei genauerem Nachdenken ist die Grafik aber doch recht schief. Denn eigentlich schwebt Google ja nicht wie ein altbackener Gottvater über dem Netz, sondern ist ein Teil davon. Will sagen: auch Google sieht das Web nicht anders als ein Web-User, sondern nur mit viel gewaltigerer Datengefräßigkeit und mit notorischem Desinteresse am Verweilen, wie es Crawler halt so an sich haben. Demnach müsste es also irgendwo eine alles ermöglichende Sonne auf der Grafik geben, die erst einmal ihre Strahlen aussendet — das Ego von Google nämlich.

Etwas anders würde die Sache bei neueren Fütterungskonzepten für Suchmaschinen aussehen, also etwa bei Social-Bookmark-Services wie Mr. Wong oder Delicio.us, oder bei Services, die mit Hyperlink-Symbionten operieren, also etwa snap.com. Bei solchen Services wäre das Web aus ihrer Sicht eher etwas, von woher Strahlen kommend eintreffen und in einem anderen Winkel am eigenen Korpus abprallen — natürlich nicht, ohne von der eigenen Suchdatenbank erfasst worden zu sein.

Die Vogelperspektivenbilder vom Netz jedenfalls, auf denen dieses wie das Finale eines Feuerwerks oder wie ein sichtbar gemachtes Knäuel aus Synapsen und Verbindungskanälen aussieht — solche Bilder sind eigentlich nur für „Außernetzische“.


Freitag, 11. Mai 2007

Neues von der Zukunft von HTML

Unter dem Titel Weiterentwicklung von HTML kommt voran ist im SELFHTML Weblog ein Beitrag erschienen, der den aktuellen Stand der Diskussionen rund um die Zukunft von HTML zusammenfasst. Auch andere Magazine berichten immer mal wieder über das Thema, so etwa der Golem-Beitrag W3C nimmt die Weiterentwicklung von HTML wieder auf.

Interessant ist, dass nun offenbar versucht wird, die drohende Spaltung zwischen W3-Konsortium und WHATWG zu vermeiden (wir berichteten). Die offene HTML-Arbeitsgruppe des W3-Konsortiums plant dem Blog-Beitrag zufolge, Teile der unter dem Code-Namen HTML 5 gehandelten Vorschläge der WHATWG in ein W3-gesegnetes HTML 5 zu übernehmen. Ein wichtiger Auslöser dazu war wohl dieses Mailinglisten-Posting von David Baron (Mozilla Foundation). Allerdings gibt es offenbar durchaus konträre Standpunkte innerhalb der offenen HTML-Arbeitsgruppe des W3-Konsortiums, sodass die letzte Entscheidung noch nicht gefallen ist.

Endlosdiskussionen kann sich die offene Arbeitsgruppe allerdings nicht erlauben. „The HTML working group has not yet begun working on a specification. While we wait for the work in the HTML working group to start, we are continuing on our work on the WHATWG specs.“ Diese Aussage auf der Startseite der WHATWG darf durchaus als Wink mit dem Zaunpfahl verstanden werden, binnen einer angemessenen Frist zu einer klaren Entscheidung in Sachen HTML zu kommen.

Hintergrund der Querelen sind vor allem die Vorstellungen des W3-Konsortiums zum propagierten Nachfolgerstandard XHTML 2.0, der zum einen in vielen Punkten nicht mehr rückwärtskompatibel zu herkömmlichem HTML und XHTML 1.x ist, und der andererseits etliche Wünsche an HTML, die im Laufe der Jahre in der Praxis entstanden sind, nicht berücksichtigt. Der Entwurf der WHATWG orientiert sich dagegen bewusst an diesen Wünschen aus der Praxis. Dazu gehören beispielsweise verbesserte HTML-Formulare im Hinblick auf die immer zahlreicher werdenden Webanwendungen, mehr Klarheit beim Einbetten von Multimedia oder die HTML-seitige Unterstützung der Ajax-Schnittstelle.


Dienstag, 8. Mai 2007

Mehr Hypertext mit Hyperwords

Wie wir in unserer Hypertext-Einführung bereits gelernt haben, besteht das entscheidende Merkmal von Hypertext eigentlich darin, dass dem Benutzer verwandte oder weiterführende Inhalte zu einer aktuellen Inhaltseinheit direkt verfügbar gemacht werden. Das klassische Mittel dazu ist der Hyperlink. Wohlgemerkt — das klassische Mittel, aber längst nicht mehr das einzige. Eine spannende Erweiterung für den Firefox-Browser mit dem Namen Hyperwords sorgt für deutlich mehr Hypertext-Feeling beim Browsen.

Langes und breites Erklären können wir uns ersparen, denn das YouTube-Video zu Hyperwords demonstriert die Funktionsweise der Erweiterung. Sie reagiert auf das Selektieren von Text im Browser. Über ein Kontextmenü stellt die Erweiterung dann etliche Möglichkeiten zur Verfügung, den selektierten Text als Input für Services im Web zu nutzen. Der selektierte Text kann so beispielsweise als Input für Google (auch Google Maps), Technorati, Wikipedia, Amazon, EBay, delicio.us, und viele andere Services genutzt werden. Über entsprechende Services lässt sich selektierter Text auch von einer Sprache in eine andere übersetzen. Der Clou dabei: zu übersetzender Text wird direkt im Original-Layout in der angezeigten Webseite durch den übersetzten Text ersetzt. Auch Seiten-Informationen, z.B. Whois-Informationen, Versionen-Informationen entsprechend der Internet Wayback Machine, DNS-Informationen, PageRank, HTML-Quelltext des ausgewählten Textes und vieles andere lässt sich direkt übers Kontextmenü abrufen. Ausgewählter Text lässt sich ferner ins eigene Blog einfügen, in eine Datei kopieren oder ausdrucken. Es dauert sicher eine ganze Weile, um der Erweiterung ihr volles Potential zu entlocken, doch der Lohn ist ein möglicherweise völlig neues Hypertext-Gefühl beim Surfen im Web.

Zahlreiche Einstellmöglichkeiten runden das Tool ab. Eine deutschsprachige Oberfläche gibt es bislang nicht, doch bei wachsender Installationszahl wird die Erweiterung über kurz oder lang sicherlich internationalisiert. Firefox-Benutzer können die Hyperwords-Erweiterung sofort aktivieren.


Sonntag, 18. Februar 2007

Noch 100 Meter bis zum Internet

1999, als dieses Bild entstand, hatte das Internet irgendwie noch seinen festen Platz. Online war man nicht einfach, nein, man musste online gehen, zumindest im Privatleben. Über Analog-Modem oder ISDN-Karte wählte man sich bei seinem Provider ein, und dann musste man sich entweder beeilen, weil nach Zeittakt abgerechnet wurde, oder man musste sich im Konsum zurückhalten, weil man für die Menge der übertragenen Daten zahlte.

Sowohl die Tarifierung nach Zeit als auch diejenige nach Datenvolumen verhinderten nachhaltig, dass man sich sorglos im Web tummeln konnte. Denn gerade das Web verlangt eine gewisse Muße, und es werden kaum kontrollierbare Mengen an Daten dabei übertragen. Selbst diejenigen, die zu jener Zeit schon zu den Aktiven im Web gehörten und beispielsweise eine eigene Homepage hatten, waren die meiste Zeit ihres Lebens vom Internet getrennt. An ein „Leben im Web” war nicht zu denken.

Zufriedenstellend war diese Situation jedoch nicht. Man lebte in einer modernen, technisierten Welt, mit Airbags, automatischer Zimmertemperaturregelung und Dolby Surround. Doch beim Internet-Zugang wurde man den Eindruck nicht los, sich im Dampfmaschinenzeitalter zu befinden. Langsame, instabile und teuere Verbindungen sorgten immer wieder für Verärgerung. Der Druck auf den Providermarkt und die Industrie wuchs. Mit Erfolg: Mittlerweile sind sowohl Breitband-Zugänge als auch Flatrates nicht mehr nur in Hightech-Ländern auf dem Vormarsch. Besonders in Kombination ändern diese beiden Faktoren — Breitband-Zugang und Flatrate — aber auch das Nutzungsverhalten. Jetzt ist man online. Das Web ist kein fremdes Element mehr, in das man nur mit Tauchanzug und begrenztem Sauerstoffvorrat kommt, sondern man kann darin ganz normal atmen und sich so lange aufhalten wie man will.

Die Folgen, die dieser Wandel beim Nutzungsverhalten nach sich zieht, sind gewaltig. Plötzlich wird den Usern langweilig im Netz. Sie surfen nicht mehr nur schüchtern die Site ihres Lieblings-Stars oder ihres bevorzugten PC-Spiels ab, um vielleicht noch zwei, drei Cheats herunterzuladen. Sie sind plötzlich omnipräsent. Die Infrastruktur des Webs hat darauf bereits reagiert - mit jenen Angeboten, die gemeinhin unter „Web 2.0” subsummiert werden. Aber wird das Web wirklich profitieren, wenn zig Millionen Leute ihre Fotoalben statt im Wohnzimmerschrank auf Webservern aufbewahren, ihre täglichen Notizen in ein Blog schreiben und sich in Finde-Freunde-Communities zur Schau stellen?

Die Frage ist vermutlich müßig, weil die Entwicklungen im Web selbst die Antwort schon längst gibt. Auch ich musste mich von meiner anfänglichen Vorstellung verabschieden, im Web einfach nur ein originaldemokratisches Publikationsmedium zu sehen. Das ist es zweifellos, aber es ist eben noch viel mehr. Das Web ist nur mit Papier vergleichbar, welches ja bekanntlich geduldig ist und sich nicht nur für hochintellektuelle Ergüsse, sondern auch für hastige Notizen und belanglose Kritzeleien eignet. Und wie es weitergeht? Vielleicht so, wie es das EPIC-2015-Video (Flash) prophezeiht? (danke an stefan2904 für den Link zum ins Deutsche übersetzten Video)


 

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