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Mittwoch, 30. Mai 2007

Tags und Labels vs. Outliner und Ordner

In zahlreichen Web-2.0-Anwendungen ordnen Anwender ihre Daten nicht mehr in ein explorer-artiges Ordnersystem ein, sondern versehen Datensätze nur noch mit mehr oder weniger spontan vergebenen Schlüsselwörtern (im Fach-Slang als Tags oder Labels bezeichnet) und vielleicht noch ein paar Worten Kurzbeschreibungstext. Bestes Beispiel sind Social-Bookmark-Services wie del.icio.us, Mister Wong oder Google Bookmarks. Gerade die Bookmarks sind auch insofern ein Paradebeispiel, als hierbei die Konzepte frontal aufeinander treffen. Während nämlich in allen modernen Browsern die Bookmark/Favoritenverwaltung nach wie vor ordner-orientiert ist, setzen die web-basierten Services auf die flache, stichwortbasierte Ablagestruktur.

Wer nun denkt, dass die Gründe bei den Webanwendungen programmiertechnischer Natur sind, irrt. Es gibt genügend Code-Bibliotheken zur Realisierung von Baumstrukturen, auch im Bereich von Webanwendungen. Die Gründe sind eher konzeptioneller, ideologischer Natur. RSS-Blogger Siegfried Hirsch hat bereits vor zwei Jahren einen lesenswerten Artikel zu dem Thema geschrieben: Google läßt Hierarchien aussterben.

Ein wichtiger Gedanke beim Paradigmenwechsel in der Datenablage ist die Überlegung, dass Anwender nicht mehr entscheiden müssen sollen, wo sie ihre Daten einordnen, und beim Wiederauffinden sollen sie nicht mehr die Erinnerung abrufen müssen, wo genau sie welche Daten eingeordnet haben. Stattdessen übernimmt eine schnelle Volltextsuche das Wiederauffinden. Eine Volltextsuche, die so überragend schnell ist, dass sie mit dem Anspruch auftritt, jegliches Schubladendenken durch kreatives Chaosdenken ersetzen zu wollen.

Für Anwender, die mit Unix- oder DOS-basierten Verzeichnis- und Dateistrukturen, mit dem Windows-Explorer, mit Microsoft Outlook und anderen baumartig strukturierten Datenrepräsentationen „aufgewachsen“ sind, ist das Konzept der reinen Verstichwortung von Daten zunächst befremdlich. Tatsächlich werden sich solche Anwender anfänglich schwerer damit tun, solchermaßen abgelegte Daten schnell wiederzufinden. Doch wie so vieles ist auch das Taggen Übungssache. Mit der Zeit lernt man, in Stichwörtern und Kurzbeschreibungen alle Wörter und Ausdrücke unterzubringen, die man mit den so abgelegten Daten verbindet. Das Suchen ist dann ein Kinderspiel: einfach spontan ein Stichwort eingeben, und blitzschnell wird alles aufgelistet, was diesem Stichwort zugeordnet ist, oder wo dieses Stichwort im Namen, Titel, in den Stichwörtern oder der Kurzbeschreibung vorkommt.

Argumentiert wird gegen die Abschaffung der Hierarchien bei der Datenablage vor allem damit, dass intuitives Suchen den meisten Menschen stärker entgegen kommt als archivarisches Schubladendenken. Allerdings hat es auch für die Verwendung von Baumstrukturen immer glühende Verfechter gegeben. Gliederungseditoren (englisch: Outliner) unterstützen bewusst dabei, Inhalte in eine selbst entworfene Hierarchie einzuordnen. Nicht zufällig haben Outliner bereits eine lange Tradition. Auch viele Websites setzen eine hierarchisch organisierte Navigation ein, um dem Anwender eine klarere Vorstellung des Gesamtangebots zu vermitteln. Der Hintergedanke dabei ist, dass Menschen sich in der Regel gut merken können, wo etwas eingeordnet ist.

Der Kampf der Paradigmen hat auch mit dem zu tun, was wir im Rahmen unserer Hypertext-Serie unter dem Titel Suchen und Stöbern behandelt haben. Suchen setzt voraus, dass man weiß, wonach man suchen will. Stöbern setzt voraus, dass man bereit ist, sich auf eine angebotene Struktur einzulassen. Vermutlich haben beide Paradigmen ihre Berechtigung. Und vielleicht werden auch die Konzept-Entwickler von Webanwendungen irgendwann anerkennen müssen, dass Einseitigkeit immer eine falsche Ideologisierung ist.

Diskussionen zu diesem Eintrag im Webkompetenz-Forum:
Tags und Labels vs. Outliner und Ordner: Ich bekenne mich als hierarchiephil!


Dienstag, 15. Mai 2007

Hypertext (4): Suchen und Stöbern

siehe auch:
(1): Text und Linearität
(2): Computer und Hypertext
(3): Inhaltseinheiten und Verlinkung


Information Retrieval: an Informationen kommen

Der Ausdruck Information Retrieval bedeutet aus Anbietersicht die Art, wie Information zugänglich gemacht werden soll, und aus Anwendersicht die Art, wie Information zugänglich ist. Im Prinzip lassen sich dabei zwei grundsätzliche Verfahrensweisen unterscheiden: die eine ist das gezielte Suchen nach bestimmten Daten oder einer bestimmten Information, und die andere ist das Stöbern in einem Informationsangebot.

Die klassische Datenverwaltung setzt beim Information Retrieval eher auf das Suchen. Größere herkömmliche Anwendungen, egal ob in Versicherungen oder beim Arbeitsamt, bieten ihren Anwendern typischerweise mehr oder weniger ausgefeilte Suchmasken an. Aus den Eingaben der Maske wird eine Abfrage der Datenbank erzeugt. Die Datenbank sendet eine Ergebnismenge an gefundenen Daten zurück. Diese Ergebnisse werden dem Anwender angezeigt.

Hypertext unterstützt von Haus aus eher das Stöbern. Nicht zufällig lautet das englische Wort für Stöbern to browse. Die Standard-Zugangssoftware für das World Wide Web, also die Web-Browser, sind also namentlich Stöberprogramme.

Vor- und Nachteile von Suchen und Stöbern

Die Vor- und Nachteile beider Formen des Information Retrieval hängen in erster Linie vom jeweils verfolgten Ziel ab. Suchen ohne einsteigendes Informationsangebot ist dann von Vorteil, wenn man genau weiß, wonach man sucht. Wer am kommenden Freitag mit der Bahn von Hamburg nach München fahren will und eine Zugverbindung sucht, dem ist mit einem geeigneten Suchformular am schnellsten geholfen. Stöbern ist dagegen von Vorteil, wenn man nur ungefähr weiß, wonach man sucht. Wer einen Ausflug plant und noch nicht so recht weiß wohin, dem hilft kein Suchformular. In solchen Fällen ist es besser, über ein hinführendes Informationsangebot auf Entdeckungsreise nach Angeboten zu gehen.

Nun können suchorientierte Angebote durchaus helfen, ungefähre Vorstellungen zu präzisieren. Wer im Web eine Partnerbörse aufsucht, kann über zahlreiche Multiple-Choice-Fragen Eigenschaften und Vorlieben seines Wunschpartners zusammenklicken und so die Ergebnismenge eingrenzen. Dennoch ist man bei suchorientierten Angeboten von der eigentlichen Information zunächst einmal abgeschirmt. Erst eine wohlformulierte Suche fördert eine Ergebnismenge aus dem eigentlichen Inhalt zu Tage. An der Formulierung der Suche führt kein Weg vorbei. Dazu sind Dialoge mit dem Anwender erforderlich, die meistens als Formulare realisiert sind.

Stöbern führt dagegen oft zu ganz anderen Ergebnissen bei dem, was ein Anwender am Ende auswählt, konsumiert oder tut. In Web-Angeboten, die zum Stöbern einladen, wählt man zwanglos einen Einstieg und lässt sich ebenso zwanglos durch weitere Links leiten. Durch ein paar Links gelangt man zu konkreter Information. Diese wiederum enthält diverse Links zu anderer Information. Oder man orientiert sich neu. Jedenfalls befindet man sich schnell mitten im Informationsangebot. Man ist nicht getrennt von der eigentlichen Information, doch dafür droht schnell der Überblick verloren zu gehen. Das Mindeste, was man in einer solchen Situation benötigt, ist eine Navigation. Sie ermöglicht die Neuorientierung beim Stöbern.

Keine der beiden Formen des Information Retrieval ist also der Königsweg. Festzuhalten bleibt, dass die Software-Gattung der Datenbank Management Systeme (DBMS) das Paradigma des Suchens geprägt haben, während Hypertext das Paradigma des Stöberns geprägt hat.

Verschwimmende Grenzen

Im Web kommen die Paradigmen von Suchen und Stöbern häufig zusammen. Die meisten größeren Webprojekte bieten Anwendern sowohl einen stöbernden als auch einen suchenden Zugang an. Allerdings wird eine der beiden Zugangsformen meistens optisch deutlich favorisiert. Viele Websites von Zeitungen, großen Firmen oder Organisationen laden den Besucher primär eher zum Stöbern ein, da die Optik aus direkten Inhalten wie aktuellen News auf der Startseite und einer oder mehreren Navigationsleisten besteht. Dennoch wird — oft nicht auf den ersten Blick sichtbar — in aller Regel auch ein kleines Suchfeld angeboten, das eine Volltextsuche im Informationsangebot ermöglicht. Andere Projekte wiederum begreifen sich primär als suchorientiert, bieten aber zusätzlich noch eine Art Linkverzeichnis an, um Anwendern, die einen stöbernden Einstieg bevorzugen, entgegenzukommen.

Datenkonzept
Brainstorming für ein Datenhaltungskonzept — Quelle: Wikimedia

Viele Informationsangebote haben durchaus den Wunsch, Anwendern beide Formen des Information Retrievals gleichberechtigt anzubieten. in der Praxis ist das jedoch oft nicht so einfach. Der Grund dafür ist, dass die Entscheidung darüber, wie ein Angebot Informationen zugänglich macht, häufig schon im Vorfeld getroffen wird — nämlich beim Daten-Design. Aus Anbietersicht ist es deshalb wichtig, sich mit der Art, wie Informationsdaten gespeichert werden, eingehend auseinander zu setzen. Angenommen, die Nutzdaten einer Website werden in einer relationalen Datenbank gehalten. Dort gibt es beispielsweise Datenbanktabellen für Philosophen, philosophische Begriffe und Definitionen von Philosophien zu philosophischen Begriffen. In solchen Relationen ist jedoch nirgendwo festgehalten, was eine Inhaltseinheit sein soll, also etwa eine Webseite. Ein Web-Frontend könnte zwar das bequeme Durchsuchen der Datenbank ermöglichen. Doch aus den gespeicherten Daten lässt sich weder eine Navigation erzeugen noch ein Set an durchstöberbaren Webseiten. Die Inhalte einer Inhaltseinheit können durchaus dynamisch aus einer Datenbank erzeugt werden. Doch um einen stöbernden Zugang anzubieten, muss in den Datenstrukturen der Datenbank bereits das druchstöberbare Webseitenangebot abgebildet werden — in welcher Form auch immer.


Donnerstag, 19. April 2007

Hypertext (2): Computer und Hypertext

siehe auch:
(1): Text und Linearität


Hypertext und adressierbarer Speicher

Die wesentliche Eigenschaft von Hypertext besteht darin, Sprünge zwischen entfernten Inhalten sofort ausführbar zu machen. Dazu sind Verweise und adressierbare Ziele (Anker) erforderlich.

Lineare Medien sind für diese Anforderungen schlecht geeignet. Seitenzahlen sind schlechte Adressen, weil das Aufschlagen und Suchen lange dauert, vor allem dann, wenn es viele Male durchgeführt werden soll. Sendezeiten sind noch schlechtere Adressen, weil man abwarten muss, bis eine Sendung anfängt.

Die Voraussetzung für ein nicht-lineares Medium ist, dass ein Zugriff auf darin gespeicherte Inhalte direkt und schnell möglich ist. Computer verfügen heute über solche Speicher. Das war allerdings nicht immer so. In den Anfängen der Computer-Zeit dominierten Magnetbänder, Lochstreifen und ähnliche Medien. Das Speichern von Daten auf solchen Speichern ist nur sequenziell möglich, also genauso linear wie in einem Buch. Zwar ist es möglich, den Computer auf solchen Speichern nach bestimmte Stellen suchen zu lassen, doch wer schon mal versucht hat, auf einem Videoband zehn markierte Szenen eines Films anzuwählen, weiß, dass so etwas letztlich ebenfalls zeitraubend ist.

Den eigentlichen Durchbruch für nicht-lineare Medien stellen Datenspeicher mit wahlfreiem Zugriff (engl.: random access memory, abgekürzt RAM) dar. Zu dieser Art von Datenspeicher zählt in modernen Computern unter anderem der Arbeitsspeicher, der oft als RAM bezeichnet wird, was aber eigentlich nicht korrekt ist, da RAM eine ganze Gattung von Speichern kennzeichnet. Festplatten, CDs, DVDs, USB-Sticks oder SD-Cards gehören ebenfalls zu den RAM-Speichern.

Festplatten-Kopf
Festplatten-Lese-/Schreibkopf über Plattenscheibe (Platter) — Quelle: Wikimedia

Die Zeiten, die ein Computer benötigt, um auf RAM-Speichern eine bestimmte Stelle zu finden, weichen zwar erheblich voneinander ab. So ist der Zugriff in einem elektrischen Speicher (z.B. Arbeitsspeicher) um ein vielfaches schneller als der Zugriff auf einem magnetischen Speicher (z.B. Festplatte). Doch insgesamt liegen die Zugriffszeiten bei RAM-Speichern weit unter dem, was ein Mensch als konzentrationsstörende Verzögerung wahrnehmen würde.

Hypertext in Netzwerken mit computerübergreifender Adressierung

Führt ein Verweis in einem Buch zu einem ganz anderen Buch, so kann sich die Zeit, um das Verweisziel zu lesen, auf Zeiträume erhöhen, die weit jenseits einer Konzentrationsphase liegen, z.B. dann, wenn das Buch mit dem Verweisziel nur in einer entfernten Bibliothek erhältlich ist. Bei Computern ist das an sich nicht anders. Wenn Inhalte auf andere Inhalte verweisen, die auf einem entfernten, nicht verbundenen Computer gespeichert sind, nutzen die Vorteile des RAM-Zugriffs überhaupt nichts.

Computer-Netzwerke bieten jedoch die Möglichkeit, schnell auf Inhalte entfernter Computer zuzugreifen. Allerdings hängt viel davon ab, wie viele Computer mit relevanten Inhalten an einem Netzwerk hängen, und wie belastbar das Netzwerk ist, wenn viele Benutzer es nutzen. Zwei Faktoren haben entschieden dazu beigetragen, dass heute so etwas wie weltweiter Hypertext möglich ist: zum einen der in vielen Ländern intensiv vorangetriebene Ausbau der physischen Netzwerkverbindungen, und zum anderen die defacto-Einigung auf Netzwerk-Protokollstandards wie TCP/IP, der zum Internet in seiner heutigen Form führte.

Hypertext ist prinzipiell ein Fass ohne Boden. Hypertext besteht aus Inhalten, die sich der Tatsache bewusst sind, dass sie sich inhaltlich in einem Kontext befinden. Durch Verweise (Hyperlinks) wird dieses Bewusstsein explizit ausgedrückt. Die Adressierung von Kontext-Inhalten muss jedoch von der technischen Seite der Computer-Netzwerke entkoppelt werden, da Adressen von Inhalten exakter sein müssen als reine Netzwerkadressen von Computern. Mit dem Konzept der URIs hat Tim Berners Lee eine solche Form der Adressierung geschaffen und standardisiert. Allein schon deshalb gebührt ihm der Titel „Gründervater des Web“.

Hypertext und Computer-Anwender

Bei allen Vorteilen, die RAM-Speicher und Netzwerke bieten, sind Computer nur dann für Hypertext geeignet, wenn angemessene und für Anwender angenehme Benutzerschnittstellen hinzukommen. Noch bis in die 90er Jahre und die Anfänge des World Wide Web hinein waren Computer mit nicht-grafischen, reinen Textoberflächen weit verbreitet, und die meisten Anwender schauten in kleine, flimmernde und unscharfe Röhrenbildschirme.

Doch selbst bei komfortablen Bildschirmen und angenehm empfundener grafischer Benutzeroberfläche bleiben Probleme bestehen: Heutige Personal Computer sind nicht für langes Lesen konzipiert, sondern zur Interaktion zwischen Anwender und Rechner. Hypertext ist nach heutiger Technik nur in elektronischer Form sinnvoll möglich. Aber die elektronische Repräsentation von Inhalten hat in den Köpfen der meisten Menschen noch nicht den selbstverständlichen Platz eingenommen, den das Buch darin hat. Das verwundert auch nicht weiter angesichts der Tatsache, dass bei diesem Vergleich ein, zwei Jahrzehnte an mehreren Jahrhunderten gemessen werden. Außerdem ist nicht unbedingt anzunehmen, dass Computer bis in alle Zeiten elektronik-basiert arbeiten werden (Stichwörter optische Computer und DNA-Computer).

Die Infrastruktur für weltweiten Hypertext existiert mittlerweile, und sie stabilisiert sich. In den Köpfen der Anwender wird Hypertext von Jahr zu Jahr ein wenig selbstverständlicher. Insgesamt gesehen handelt es sich jedoch immer noch um eine sehr junge Repräsentationsform für Inhalte. Viele Menschen kommen noch nicht so gut damit zurecht. Deshalb ist es weiterhin wichtig, die Eigenschaften von Hypertext begreiflich und bewusst zu machen. Der Anwender, besonders der durchschnittliche, ist jedenfalls nicht so leicht zu revolutionieren wie die Technik.


Dienstag, 17. April 2007

Urheber- und Nutzungsrechte bei user generated content

„Wir können alles — außer Deutsch“, lautet ein selbstbewusster Werbespot des Landes Baden-Württemberg. Dann hat man für das Blog Social Software @ Baden-Württemberg entweder einen Ghostwriter gefunden, oder man hats mittlerweile gelernt. Aktuell behandelt das Blog jedenfalls ein Thema, das allmählich immer brisanter wird: wem gehört eigentlich der sogenannte user generated content, welche Nutzung ist damit erlaubt, und welche Rechte hat ein User, der auf einer Web-Plattform etwas beigetragen hat?

Der Blog-Beitrag Nutzungsrecht von Userbeiträgen verweist dabei auf eine Diskussion im Business-Forum Xing, in der es vor allem um das Recht von Forumsbenutzern auf die Löschung ihrer Beiträge geht. Gerade dieses Problem ist in der Tat aktuell. Arenen wie das SELFHTML Forum, die schon einige Dienstjahre hinter sich haben, sind besonders betroffen. Immer häufiger melden sich dort ehemalige Novizen, die heute nicht mehr wollen, dass ihre dummen ersten Fragen zu HTML und PHP oder ihre verräterischen Zornesausbrüche von einst gefunden werden, wenn jemand nach ihrem Namen googelt, zum Beispiel Personalmanager.

Nun scheint die deutsche Rechtslage den Usern durchaus das Recht zu geben, frühere Beiträge von ihnen zu löschen. Aus Sicht des Persönlichkeitsrechts und des Urheberrechts ist das auch durchaus nachvollziehbar. Problematisch ist jedoch die Tatsache, dass ein User-Beitrag sich nicht immer und überall chirurgisch sauber entfernen lässt. In thread-basierten Foren beispielsweise kann von einem einzelnen Posting eine mehr oder weniger große Substruktur an weiteren Beiträgen abhängen. Ohne das Ausgangsposting würde die Thread-Logik zerstört, weshalb dann möglicherweise ganze Teilbäume von Foren-Threads gelöscht werden müssten. Das könnte wiederum mit Rechten anderer Benutzer konfligieren, die vielleicht viel Zeit und Mühe investiert haben in dem Glauben, dass ihre Beiträge dauerhaft veröffentlicht werden. Ebenso problematisch ist die Kultur des Zitierens. Damit Leser nicht immer zwischen Postings hin- und herwechseln müssen, ist es üblich, Texte aus einem Posting, auf die man sich in einer Antwort konkret bezieht, noch einmal zu zitieren. Nicht selten trifft man sogar auf Fullquotes. Das Löschen eines Postings würde in diesem Fall also nicht genügen. Wieder entsteht dabei die Problematik, dass andere Postings mitgelöscht werden müssen, was im übrigen nicht nur Interessen anderer Benutzer betrifft, sondern auch die Frage aufwirft, wie viel redaktionelle Nachforschung dem Forumsbetreiber zugemutet werden kann, um Löschwünsche wirklich sauber zu erfüllen.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass ein Forumsbetreiber zwar Inhalte aus seinen eigenen Archiven löschen kann, nicht jedoch aus dem Datenbestand von Suchmaschinen oder gar Einrichtungen wie der Internet Wayback Machine, die frühere Stände von Websites für die Nachwelt bewahrt. Dieses Problem betrifft immerhin nur Foren oder von Benutzern beigetragene Inhalte, die öffentlich zugänglich sind. Dennoch zeigt die Problematik, dass etwas, das jemals öffentlich im Web stand, nicht so einfach tilgbar ist, wie es den Anschein hat.

Irgendwann wird vermutlich auch die Rechtsauffassung den Umstand berücksichtigen müssen, dass nichts mehr vollständig löschbar ist im Web. Und wer im Web veröffentlicht, und sei es auch nur als content-generierender User in einem Blog-Kommentar, einem Forum, einem Wiki oder einer Community, muss die Kunst der Gelassenheit erlernen: Gelassenheit gegenüber der Tatsache, dass die eigenen Spuren so schnell nicht verwischen. Vielleicht lernen dabei sogar einige, was sie sonst nicht gelernt hätten, nämlich mit der eigenen Vergangenheit zu leben!


Dienstag, 6. Februar 2007

Der Trend zum Server

Am Anfang waren die dummen Terminals -— Arbeitsstationen mit tristen, unscharfen, strahlungsreichen Minibildschirmen, ohne eigene CPU und ohne eigene Datenspeicher. Alles, was Programme erledigten und speicherten, fand auf zentralen Rechnern statt. Wer am Bildschirm etwas tun wollte, musste sich am Zentralrechner anmelden und durfte dann einen kleinen Anteil der kostbaren CPU-Zeit des Zentralrechners nutzen.

Im Laufe der 80er Jahre sorgten jedoch Hersteller wie Apple, Atari, Commodore, IBM und andere für den Durchbruch der Personal Computer (PCs). Die wichtigste Metapher dieser Rechnergattung wurde der Desktop, also der ganz persönliche Schreibtisch, mitsamt seiner höchstpersönlichen (Un)aufgeräumtheit, seinen Schublädchen und Ordnern, Accessoirs und dem Hintergrundbild der Schreibunterlage. Zunächst als teuere Spielcomputer verschrieen, wurden die PCs spätestens seit der Zeit ernst genommen, als sie auch Desktop Publishing ermöglichten.

Immer mehr Anwender moderner PCs nehmen ihren PC-Desktop jedoch kaum noch wahr. Sobald sie vor dem Bildschirm sitzen, gehen sie online. Was an ihren Bildschirmen geschieht, ist vorwiegend das Ergebnis der Interaktion zwischen Client-Anwendungen für Internetdienste, also Browsern, Mailprogrammen, Spiele-Clients usw., und den entsprechenden Servern im Internet. In ihren frühen Online-Jahren war „Download” der Inbegriff ihrer Netzaktivitäten. Auch heute ist das bei den meisten Netzneulingen noch so. Doch mit der Online-Erfahrung und dem Herauswachsen aus der Säuglingsphase wandelt sich das Verhalten. Es wächst vor allem der Mut, Daten im Internet zu lassen. Um Fachwissen nachzuschlagen, werden Originaladressen im Web aufgerufen, statt Offline-Versionen von Dokumentationen zu verwenden. E-Mails bleiben auf dem IMAP-Server oder auf dem Server des Webmail-Anbieters. Viele neuere Services von Google treiben diese Tendenz weiter voran: so etwa Google Kalender, Notebook, Docs, Web-Alben, Videos und Bookmarks.

Das Verhältnis zwischen den PCs und den Rechnern, auf die sie im Internet zugreifen, ist heute kein Verhältnis zwischen dummen Terminals und Zentralrechner mehr. PCs bieten genügend Leistung für anspruchsvolle Client-Anwendungen, und speziell im Web, das ja eigentlich nur ein Internetdienst unter etlichen anderen ist, entstehen mehr und mehr komplexe server-seitige Anwendungen. Was wir derzeit erleben, ist, dass vor allem hochentwickelte Web-Clients (moderne Browser) in Verbindung mit breitbandigen, flat-tarifierten Internetzugängen mit ebenfalls hochentwickelten Webanwendungen interagieren. Dabei wird immer mehr Rechenzeit von den Servern abverlangt, und immer mehr Daten werden den Servern dauerhaft anvertraut.

Diese Entwicklung wird allerdings auch argwöhnisch betrachtet. So können etwa Daten, die auf Rechnern von Providern bleiben, ganz schnell und möglicherweise ohne Vorwarnung verloren gehen, wenn der Provider über Nacht insolvent wird. Das betrifft vor allem Services, die kostenlos und ohne genau definierte vertragliche Zusicherungen in Anspruch genommen werden. Auch der Datenschutz hat beim Trend zur Server-Ablage von Daten nicht gerade Priorität. Häufig sind brisante, persönliche Daten nur durch ein einfaches Passwort vor öffentlichem Zugriff geschützt. Darüber hinaus sind persönliche, im Netz gespeicherte Daten eine gut verkäufliche Ware, weil sie ermöglichen, gezielte Interessens- und Nutzungsprofile von Personen zu erstellen.

Ob die Insolvenz des Providers allerdings wahrscheinlicher ist als eine versehentliche Löschaktion am eigenen Rechner, sei dahin gestellt. Und auch Download-Daten, also etwa E-Mails, die von einem herkömmlichen Pop3-Postfach zum Mailprogramm übertragen werden, sind in aller Regel ungeschützt. Ein seriöser Risikovergleich muss also genau definierte Szenarien beschreiben. Die Entwicklung geht ungeachtet dessen ohnehin ihren Weg weiter, und wahrscheinlich ist die Zeit sinnvoller damit investiert, sich über die Risikominimierung bei Services wie Webmail oder den oben genannten Google-Services Gedanken zu machen.


 

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