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Freitag, 28. September 2007

Floating divs war 2.0 - Grids sind 3.0

Es soll ja Leute geben (zu denen ich mich ebenfalls zähle), die zwar die ideologische Umwälzung von den alten Tabellenlayouts hin zu modernen, CSS-basierten Webseitenlayouts mitgemacht haben, aber nie wirklich überzeugt waren von dem neuen Gold, das da allenthalben angepriesen wurde. Ich gehe sogar so weit zu behaupten: Floatende div-Bereiche sind um keinen Haarbreit besser oder semantischer oder barrierefreier als rahmenlose Tabellen. Denn ebensowenig wie Tabellen für Seitenlayouts gedacht sind, ist die Funktionalität, eine Box links oder rechts von anderem Inhalt umfließen zu lassen oder auch mehrere Boxen auf diese Weise horizontal aneinanderzureihen, für ganze Seitenlayouts gedacht, sondern eher für Aufgaben wie die Platzierung einer Grafik oder eines Kastens mit Zusatzinformation im Fließtext. Irgendwann, da bin ich sicher, wird eine neue Generation von Webdesignern genauso gegen die heutigen float-Verrenkungen zu Felde ziehen, wie es die Armee der Float-Jünger heute gegen die bösen blinden Tabellen tut. Und dabei werden ganz ähnliche Argumente verwendet werden.

Mittlerweile zeichnet sich auch ab, welches das das neue Layout-Paradigma sein wird. Die Blogspatzen pfeifen es bereits von den Dächern. Anlass ist eine neue Working Draft des W3-Konsortiums vom 5. September 2007, die dank einiger aussagekräftiger Grafiken außergewöhnlich anschaulich geraten ist. Es handelt sich um das Dokument CSS Grid Positioning Module Level 3. Nun ist CSS 3 wieder mal so ein typisch W3C-bombastisches Vorhaben, bei dem die Gefahr besteht, dass es aus lauter Perfektionsdrang und Angst irgendwas zu vergessen niemals fertig wird. Die Current-work-Seite des W3-Konsortiums zur Weiterentwicklung der Stylesprache CSS lässt jedenfalls erahnen, dass es noch lange dauern wird, bis die zahlreichen geplanten CSS-3-Module einmal endgültige Empfehlungen (Recommendations) sein werden. Der überwiegende Teil der Spezfikationen des modular aufgebauten CSS 3 befindet sich noch (und teilweise schon seit Jahren) im Zustand der Working Draft (also in der Entwurfsphase).

Doch zurück zu der neuen Working Draft über CSS Grid Positioning. Grid bedeutet Raster, und wenn man sich die bereits erwähnten Grafiken in der Working Draft ansieht, fühlt man sich alsbald an gedachte Tabellenlinien oder gar Framesets erinnert. Bei genauerem Hinsehen (bei example 3) bemerkt man jedoch, dass es sich nicht einfach um ein starres Gitternetz handelt. Die Zellen eines Grids sind wesentlich flexibler als Zellen einer Tabelle oder eines Framesets. Eine weitere Besonderheit der Grids ist, dass mit ihnen eine neue, relative Maßeinheit in CSS eingeführt wird: gr. So kann man einem Element in seiner CSS-Definition beispielsweise eine Breite von 4gr verpassen. Das bedeutet, dass sich das Element in der Breite über vier Grid-Spalten erstreckt. Indem man ein Grid explizit definiert, erhält man gewissermaßen Hilfslinien, an denen man Inhalte ausrichten kann. Das erspart viel absolutes Positionieren.

Eigentlich ist die Sache mit den Grids eher nachgeschoben und ein Beispiel für den erwähnten Perfektionismus bzw. die Angst, etwas zu vergessen. Es handelt sich um eine Präzisierung von Möglichkeiten, die in dem CSS-3-Modul Multi-column layout bereits beschrieben sind. Mehrspaltige Inhalte, die mit den dort beschriebenen CSS-Eigenschaften definiert werden, werden nun als implizite Grids bezeichnet. Die ersten Entwürfe des W3-Konsortiums für die Mehrspaltigkeit in CSS reichen übrigens ins Jahr 1999 zurück. Auch daran zeigt sich wieder, wie großzügig hier mit Zeiträumen umgegangen wird, während die alltägliche Praxis der Webworker sich mit Krücken der Vergangenheit behelfen muss und sich mit eigentlich sonderbaren ideologischen Grabenkämpfen wie Floats gegen Tabellen die Zeit vertreibt.

Diskussionen zu diesem Eintrag im Webkompetenz-Forum:
Layout (Grids)


Mittwoch, 20. Juni 2007

Mozilla meets SELFHTML and Webkompetenz

Die PR-Agentur Arcendo hatte geladen, und die geladenen Gäste erschienen. Zusammengebracht werden sollten namhafte Vertreter von Mozilla Europe und vom Webprojekt SELFHTML. Keine schlechte Wahl, denn schließlich verzeichnen die Browser mit der Gecko-Engine in den Juni-2007-Statistiken von SELFHTML als Netscape getarnt eine satte Führungsrolle, und auch die Leser des Webkompetenz-Forums verwenden Mozilla-Browser, vor allem natürlich Firefox, zu über 50%. Nun bin ich ja eigentlich kein Vertreter von SELFHTML mehr, doch da der Event in den Räumen von Arcendo in München Haidhausen stattfand, fragte Thomas J. Sebestyen mich, ob ich dabei sein möchte.

Wir trafen auf keine Geringeren als auf den Kanadier Mike Shaver, ehemaliger Netscape-Mitarbeiter und Mitbegründer des Mozilla-Projekts, sowie auf den Franzosen Tristan Nitot, Präsident von Mozilla Europe. Die beiden sind derzeit auf einer PR-Tour, in der es um Themen geht, die uns allen wichtig sein sollten: um ein offenes, für alle zugängliches und für alle mitgestaltbares Web, damit einhergehend natürlich um OpenSource, um offene Kritik an bestehenden Webstandards sowie um die Frage, wie gefährlich jüngere Versuche kommerzieller Software-Firmen sind, dem Web neue, proprietäre Stempel aufzudrücken — vor allem sind damit Microsoft Silverlight und Adobe AIR gemeint.

Die knappe Zeit von etwas weniger als zwei Stunden reichte natürlich nicht aus, um über all diese Themen erschöpfend zu reden. Es wurde jedoch deutlich, dass die Mozilla-Leute die gegenwärtige technische Infrastruktur des Web, bestehend aus W3C-Standards, einem ECMA-Standard und einem breitgefächerten OpenSource-Angebot für die Server-Seite für ein sehr produktives Gespann hält, das es zu schützen und natürlich auch weiterzuentwickeln gilt, das aber auch noch Lücken hat. Es wurde festgestellt, dass sich das Web von einem ursprünglich dokument-orientierten Charakter hin zu einem multiplen Medium wandelt, das einerseits nach wie vor zahllose „Dokumente“, also textorientierte Informationen enthält, aber mittlerweile auch immer mehr Applikationen, also desktop-artige Anwendungen, die den Benutzern ermöglichen, persönliche oder Team-Daten im Web zu verwalten und zu verarbeiten, sowie immer mehr Multimedia. Vor allem bei diesen neuen Realitäten des Web fehlt es aber noch an der Dominanz und Präsenz offener Standards. Im Applikations-Sektor, der gerade erst so richtig zu boomen beginnt, stehen Microsoft, Adobe und einige andere kommerzielle Anbieter hächelnd in den Startlöchern. Das W3-Konsortium hat zwar applikations-relevante Spezifikationen wie das Document Object Model (DOM) oder die XMLHttpRequest-Schnittstelle (= Ajax) unter seinen Fittichen, doch das allein genügt nicht, um für den künftigen Markt der desktop-artigen Webanwendungen gerüstet zu sein. Und im Multimedia-Sektor hat Flash längst so deutlich das Rennen gemacht, dass es nur noch über die eigenen Füße stolpern könnte. W3C-Standards wie SVG oder SMIL wurden einfach nicht angenommern.

So betrachtet wird also nachvollziehbar, welchen tieferen Sinn der gegenwärtige PR-Feldzug von Mozilla hat: gerade jener Bereich des Web, der gerne als Web 2.0 bezeichnet wird (der Ausdruck ist in den ganzen zwei Stunden des Meetings übrigens höchstens ein oder zweimal gefallen ;-), eröffnet neue zu besetzende Felder. Und es wäre schade, wenn wir am Ende für mehr als die Hälfte aller Web-Inhalte Browser-Plugins benötigen, weil dahinter proprietäre Closed-Source-Technologien stecken, die sich durchgesetzt haben. Alles in allem also ein sehr interessantes Gespräch mit zwei führenden Köpfen der OpenSource-Welt, an dessen Ende es noch ein paar Merchandizing-Geschenke gab, die auch bei meinen Kleinsten gut ankamen:


Amos und Joshua „firefoxing“

Partner-Eintrag zu diesem Eintrag im SELFHTML Weblog:
Die Zukunft des Open-Webs: SELFHTML im Gespräch mit Mozilla


 

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