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Dienstag, 3. Juli 2007

Unbildung im Informationsdschungel

Vor einiger Zeit erschien der Telepolis-Artikel Die besten Kopisten konnten nicht lesen — ein Interview mit „Österreichs Wissenschaftler des Jahres 2006“, dem außerordentlichen Wiener Philosophieprofessor Konrad Paul Liessmann (Homepage). Es geht in dem Interview um die Frage, ob die Menschen durch den intensiven Einfluss moderner elektronischer Medien irgendwie schlauer, gebildeter und klüger werden. Liessmanns Antwort ist, dass alle Medien zu mehr Klugheit beitragen können, doch nur dann, wenn die Menschen wissen, wie sie die Medien richtig nutzen. Man kann also nicht von Medien erhoffen, dass diese allein durch eine fortschrittlichere technische Beschaffenheit die Menschheit auf eine neue geistige Stufe heben.

Liessmann stellt fest, dass die Summe von menschlicher Dummheit und Klugheit im wesentlichen konstant geblieben ist, allem medialen Überfluss unserer Zeit zum Trotz. Denn in dem Maß, in dem Informationen leichter verfügbar geworden sind und die Anzahl von Informationsquellen zugenommen hat, hat sich die verbindliche Kraft einer „normativen Bildungsidee“ verflüchtigt. Liessmann wörtlich: „Unbildung ist nicht gleich Unwissen oder Dummheit. Unbildung bedeutet die Abwesenheit einer normativen Bildungsidee. Das ist der Unterschied zwischen gegenwärtigen Konzepten zur Wissensgesellschaft und jenen aus der Vergangenheit“.

Mit der Beobachtung, dass der klassische „abendländische“ Bildungskanon in den letzten Jahrzehnten allmählich aus den Köpfen der Menschen entweicht, steht Liessmann sicherlich nicht allein. Immerhin sieht er die gegenwärtigen Entwicklungen pragmatisch und versucht nicht krampfhaft, sich für die Rettung der alten Wissensordnung stark zu machen. Als Realist ist ihm zu klar, dass die Entwicklung nicht mehr rückgängig zu machen ist. Allerdings spart er nicht mit Kritik an trendigen Euphorismen, etwa wenn er die Visionen vom kollaborativen Schreiben in Wikis mit dem Hinweis auf anonyme Schreibkollektive in der früheren DDR abtut, die gemeinsam mit vielen anderen sozialistischen Zwangsvorstellungen im Keller der Kulturgeschichte gelandet sind.

Doch gerade die Wikis sind damit nicht wirklich angreifbar. Das Konzept, dass jemand einfach so den Text eines anderen umschreiben kann, und dass auf diese Weise viele Inhalte am Ende nicht mehr von einem Autor stammen, sondern Ergebnisse von informellen Review-Prozessen sind, ist natürlich ein herber Schlag gegen die klassische Autorenherrlichkeit. Und mehr noch, es ist ein Bruch mit dem bisherigen Rollenverständnis von Akteuren und Publikum. Im Gegensatz zu den anonymen Schreibkollektiven der früheren DDR kann man Wikis jedoch nicht mehr als Randerscheinung betrachten. Wikipedia ist eines der größten kulturellen Projekte der Gegenwart, und in immer mehr Firmen und anderen Organisationen werden Wikis erfolgreich eingesetzt, um Praxiswissen zusammenzutragen, zu strukturieren und zu bewahren. Wikis sind kein Ergebnis der Übertragung sozialistisch-idelologischer Vorstellungen auf die Produktion von Inhalten. Sie sind vielmehr entstanden, weil die Zeit dafür reif war.

Dass die „Dummheit“ der Menschen konstant ist, lässt sich meines Erachtens nur spekulativ behaupten (ebenso wie das Gegenteil), weil jedes empirische Testverfahren Maßstäbe ansetzt, die man ebensogut in Frage stellen kann. Vermutlich ist es auch eher dumm, überhaupt zu fragen, ob die Menschheit als Ganzes klüger oder dümmer wird. Fest steht, dass sie sich verändert, und dass solche Veränderungen nicht aufhaltbar sind. Also bleibt nur, sich mit den Veränderungen auseinanderzusetzen. Einige Veränderungen erweisen sich als schädlich, andere dagegen als nützlich. Es gilt, weitere Verdänderungen so voranzutreiben, dass sie vor allem auf den nützlichen Veränderungen basieren. Veränderungen sind aber immer auch mit Verlustängsten verbunden. Wo die einen Erfolge des social Networking bejubeln, sind andere bestürzt über den rapiden Schwund klassisch-abendländischen Bildungsguts. „Unbildung“ mag ein vorübergehend verständlicher Begriff sein, um die verwirrend vielfältige, stark technisierte Medienumgebung zu kennzeichnen, die der Niedergang bildungsbürgerlicher Ideale hinterlässt. Auf die Dauer gesehen wird sich jedoch vermutlich eine andere Sichtweise dieser bunten Pixelwelt aus Millionen von Angeboten und Mitmachmöglichkeiten durchsetzen — auch in der Kultur- und Medienphilosophie. Es ist eine Frage der Gewöhnung, und auch die Philosophie gewöhnt sich, über Jahrzehnte und Jahrhunderte gesehen.

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Mittwoch, 13. Juni 2007

Blogs als Parasiten

Jeder, der sich öfters in die Welt der Blogs begibt oder verirrt, kennt das. Die „Großen“ wie Heise, Springer und Konsorten bringen eine Meldung wie „Safari-Browser jetzt auch für Windows“ oder „Paris Hilton wieder frei“, und die halbe Blogosphäre plappert sie mehr oder weniger bewusstlos nach. Manchmal wird sogar einfach nur kopiert, oder es wird schlicht und einfach Content-Syndication betrieben.

Sinnvoll wäre es ja durchaus, wenn die Blog-Beiträge sich als intelligente Kommentare zur Original-News verstehen würden, sozusagen als digitales Leserbrief-Echo aus dem Netz. Doch allzuoft sind es einfach nur verkürzte Wiedergaben oder verkrüppelte Zitate des Originals, mit der zigtausendmal täglich die eigene thematische Ideenlosigkeit übertüncht werden soll. Nun könnte man argumentieren, dass vielleicht nicht jeder Leser alle Original-News liest und stattdessen über ein Privat-Blog seines Vertrauens zumindest eine subjektive Auswahl davon mitbekommt. Es bleibt jedoch zweifelhaft, ob ein Blog, welches das Sprachrohr einer Persönlichkeit sein soll, mit schlecht wiedergekäuten News aus dem Profi-Journalismus tatsächlich sein Ziel erreicht. Und aus Sicht eines Lesers, der News aus der Informationsflut filtern will, ist es wohl besser, auf Feedreader zurückzugreifen.

Robert Niles hat sich schon vor einiger Zeit die Frage gestellt: Are blogs a 'parasitic' medium?. Er fragte ein wenig herum zu dem Thema, und bekam von Rich Gordon, Professor und Direktor für Digital-Technologie in Lehre und Erziehung, unter anderem folgendes zur Antwort (hier übersetzt): „Wer aus der Ecke der traditionellen Medien kommt und glaubt, Blogger seien parasitär, sollte mal den Traffic seiner Website dahingehend analysieren, wie viele Besucher über Links aus Blogs kommen. Wenn es wenige sind, gibt es nichts zu befürchten. Wenn es viele sind, profitiert die eigene Site von den Parasiten. Die korrekte wissenschaftliche Bezeichnung sollte dann aber wenigstens 'symbiotisch' lauten, nicht 'parasitär'.“

Nun ist an der Argumentation zumindest nachvollziehbar, dass die Original-News-Anbieter oder Mainstream-Medien von Bloggern profitieren, die ihre Meldungen aufgreifen und weitergeben. Wie groß die Besucherströme in dieser Richtung (also von kleinen Blogs hin zu Major-Playern der News-Branche) tatsächlich sind, muss allerdings erst noch erforscht werden. Fakt ist jedenfalls, dass das vielhundertfache „Wiederkäuen“ auch eine Menge zusätzlicher Daten im Web produziert, die beispielsweise von Suchmaschinen verarbeitet werden müssen. Letztere reagieren immerhin so, dass originärer Content deutlich höher bewertet wird als wortwörtlich nachgeplappertes Zeug.

Publizieren ist kinderleicht geworden. Der Blogger von heute muss nicht mal mehr in die Homepage-Grundschule. Doch dass es auch ohne Autoren geht, ist ein Trugschluss. Autoren, ganz allgemein gefasst als Schaffende von originären, authentischen Inhalten, sind sogar massenhaft erforderlich, wenn das Web nicht zu einer Wüste wiederholter Worte mutieren soll.

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Blogs als Parasiten


Samstag, 2. Juni 2007

Linz 2009 oder Wege ins Wissen

Auf freienetze.at, die Website, um die es hier geht, bin ich durch den Blogeintrag Buchrezension: Wege ins Wissen im Datenschmutz-Blog aufmerksam geworden. Das Buch „Wege ins Wissen“ bildet den zentralen Inhalt von freienetze.at. Um seinem Anspruch gerecht zu werden, ist das Buch kapitelweise in PDF-Form downloadbar, aber natürlich gleichzeitig auch über den Buchhandel erwerbbar, online beispielsweise via Amazon. oder auch direkt über freienetze.at

Der Anlass des Buches ist wenn man so will langweilig: Die österreichische Stadt Linz, die 2009 Europäische Kulturhauptstadt sein wird, möchte in diesem Buch auf die eigene Stadt bezogene Zukunftsszenarien für die Teilnahme an der Informations- und Mediengesellschaft vorstellen. Für das Buch hat man allerdings hochkarätige Co-Autoren und Interview-Partner gefunden: Richard Stallman etwa, der Urvater des OpenSource-Gedankens, oder Lawrence Lessig, Gründer der Creative-Commonns-Initiative. Keine Frage also, dass das Buch auch für Leser interessant ist, die rein gar nichts mit der Stadt Linz zu tun haben.

In neun Kapiteln behandelt das Buch verschiedene Aspekte der freien Wissensgesellschaft. Themen sind unter anderem freie Funknetze für den ungehinderten Internetzugang, eine kritische Beleuchtung der geltenden Urheberrechte, die Öffnung der universitären Lehre, OpenSource-Software natürlich, sowie die Bedeutung frei verfügbarer Publikationsformen wie Blogs und Wikis.

Anlesetipp: Kapitel 2: Kreativität in den Fesseln
Wie Urheberrecht Kreativität behindert und doch mit seinen eigenen Waffen geschlagen werden kann.


Sonntag, 18. Februar 2007

Medienkompetenz 2.0?

Die Zeit des reinen Anschauens und Lesens von Inhalten im Netz ist offensichtlich vorbei, hat die Staatskanzlei von Nordrhein-Westfalen erkannt. In zwei kürzlich durchgeführten Workshops — einem für Anwender und einem für Experten — wurden verschiedenste Themen referiert, von Qualitätssicherung in Wikis über Datensicherheit und Datenschutz bis hin zu Podcasts als Bürgerfunk. Als klare Konsequenz aus allem ergab sich offensichtlich, dass die Vermittlung von Medienkompetenz ein vorrangiges Ziel für die politische Arbeit sein müsse. Der Bericht im Magazin media|NRW erscheint jedenfalls unter der Überschrift "Medienkompetenz 2.0" in NRW.

Nun ist ja Medienkompetenz ein Begriff, der bereits eine lange Geschichte mit sich herumschleppt (Hans Magnus Enzensberger gehört zu den frühen Gestalten, die diesen Begriff prägten). Der heute brodelnde Teil der Medienlandschaft ist indes das Web, denn dort spielen sich all die neuartigen Dinge ab, die in stetig zunehmendem Maße die Gesellschaft beeinflussen. Deshalb bezeichnen wir das, was im erwähnten Artikel als "Medienkompetenz 2.0" bezeichnet wird, hier einfach als Webkompetenz ;-)

Webkompetenz hat jedoch die gleichen Ziele wie Medienkompetenz allgemein, eben nur auf den Umgang mit dem Web bezogen. Die Ziele sind:

  • Sich im Web selbstständig zurechtfinden zu können, also die verschiedenen (auch neueren) Möglichkeiten zum Suchen nach Inhalten zu kennen und richtig einzusetzen.
  • Sich bewusst mit Inhalten auseinandersetzen zu können, also das Vermischen von Tatsachen und Meinung zu erkennen, verschiedene Darstellungen zu vergleichen, oder den Unterschied zwischen Humor und Ernst zu erkennen.
  • Sich angemessen reagierend beteiligen zu können, also Kommentarfunktionen, Diskussionsforen und ähnliche Möglichkeiten so zu nutzen, dass Kommunikation dadurch gefördert und nicht zerstört wird.
  • Bei Interesse selbst zum Inhaltsproduzenten werden, etwa durch einen eigenen Blog, durch einen eigenen Podcast oder auch durch eine herkömmliche Webpräsenz, und sich über die Verantwortung bewusst zu sein, die damit verbunden ist.

In jedem Fall darf es als begrüßenswerter Vorstoß gewertet werden, den das Land Nordrhein-Westfalen da unternommen hat. Denn insgesamt sieht es, was Politik und Web 2.0 betrifft, eher noch lau aus.


 

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