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Donnerstag, 30. August 2007

Tiefen-Blogging oder die Autorität des Autors

In einem lesenswerten Blog-Beitrag mit dem Titel Der Trend zum Tiefen-Blogger greift Wolfgang Sommergut ein Thema auf, mit dem sich viele Blogger einmal beschäftigen sollten. Der Beitrag schlägt eigentlich in die gleiche Kerbe wie unser früherer Beitrag Blogs als Parasiten. Jeder Blogger wünscht sich ein gut mit Beiträgen gefülltes Blog. Viele neigen jedoch dazu, Beiträge eher beiläufig und ohne besonderen redaktionellen Aufwand zu posten. Sie führen im Grunde ein öffentliches Notizbuch, in dem sie Gedanken, Bemerkungen, Reviews, Links und aufgeschnappte News ansammeln. Die Beiträge sind meist kurz, nicht selten telegrammstilartig und in der Regel nicht sehr sorgfältig ausformuliert. Das ist bei heruntergeschraubtem literarischem Anspruch allerdings noch vergleichsweise spannend, verglichen mit den vielen Blogbeiträgen, deren Inhalte lediglich aus anderen Quellen zusammenkopiert sind, oder die nur von Content-Syndication-Scripts automatisch generierte Ware darstellen.

Wolfgang Sommergut sieht einen neuen Trend in der Blogosphäre: immer mehr Blogger vermeiden den Selbstanspruch, im Alleingang ein komplettes News-Organ anbieten zu wollen. Stattdessen wird das Blog lieber benutzt, um „wertige“ Artikel anzusammeln, die auch nicht im Stundentakt erscheinen müssen. Ein wichtiger, diskussionsauslösender Beitrag zu dieser Thematik ist sicherlich der Anfang Juli 2007 erschienene Beitrag Write Articles, Not Blog Postings von Altmeister Jakob Nielsen. Nielsen fordert von einem Blogger, dass dieser in irgendeiner Disziplin, auf irgendeinem Gebiet der Beste sein sollte, einer, der seinen Bereich besser durchdringt als alle anderen, der darin souverän Akzente setzen kann und dem „man“, also die Masse, eine Führungsrolle auf seinem Gebiet zuerkennt. Denn egal ob menschliche Leser oder täuschungserfahrene Suchmaschinen-Spider: sie sind auf der Suche nach originärem Content, also nach dem, was nur ein richtiger Autor erschaffen kann.

Gerade der wohl bekannteste Viel-Poster der deutschsprachigen Blogosphäre, Robert Basic, wird von Wolfgang Sommergut als Beispiel-Kandidaten für den Trend oder zumindest den Wunsch nach mehr inhaltlicher Tiefe angeführt. Mit seinem Beitrag Tiefe und Bloggen, der Ende Juli 2007 erschien, erweckt Robert tatsächlich den Eindruck, als ob er der typischen Oberflächlichkeit eines gewöhnlichen Blogs ziemlich überdrüssig sei. Er träumt von einem Webprojekt, das irgendwo zwischen Blog, Wiki und statischer Dokumentation angesiedelt ist, und dessen Inhalt eine fachlich fundierte, zusammenhängende Vermittlung der Materie rund ums Web 2.0 ist. Eine Art SELFHTML also für das Know How jenseits der Web-Basistechnologien, realisiert auf einer hochgradig produktiven Webanwendung, die zwanglos chronologisches Publizieren mit gründlich systematischem Publizieren zwanglos und gründlich vereint ;-)

Doch verläuft der Trend zu mehr inhaltlichem Tiefgang nicht konträr zur Philosophie von Web 2.0? Schließlich wird dort allenthalben User generated Content propagiert. Die Antwort lautet: Nein. Der Widerspruch löst sich, wenn man bedenkt, dass User generated Content etwas anderes ist als reine Interaktion mit anderen Benutzern. User generated Content steht für spontan mögliches Publizieren im Web, nicht für das Gebrabbel, Dampfgeplauder und Gezänk in manchen Diskussionsforen oder Kommentarschlachten. Auch wenn er über Web-Formulare eingespeist wurde, so ist es doch Content, wobei man darunter durchaus wieder das verstehen darf, was wir zuvor als originären, autoren-orientierten Content bezeichnet haben. Könnte man also die Prognose wagen, dass der Trend zu mehr Tiefgang auch den User generated Content erfassen wird? Unsere Antwort lautet: Ja. Die immer weiter wachsenden Qualitätsansprüche an Wikipedia-Autoren weisen deutlich in diese Richtung. Zwar muss man zwischen dem redaktionellem Anspruch eines Wikipedia-Artikels und dem eines Freizeitfreund-Profils auf einer Social-Networking-Plattform unterscheiden. Doch auch dort werden sich Profile und andere Inhalte durchsetzen, die nicht aus Unsicherheit woanders abgekupfert wurden, sondern die Temperament und Persönlichkeit ihrer Urheber glaubhaft in Text und Multimedia übersetzen.

Man kann allerdings einwänden, dass es sich beim „Tiefen-Bloggen“ gar nicht um einen neuen Trend handelt, sondern einfach nur um einen alten Hut, der mal wieder neu entdeckt wurde. Schon immer wurde nach mehr Tiefgang gerufen, wenn das Gewässer zu seicht zu werden drohte. Und seicht wird es, wenn Wahrnehmung und Denken in spotlightartig Vordergründigem und wahllos Tagesaktuellem zu versacken drohen. Im Trend zum Tiefen-Blogging verbirgt sich also der Wunsch nach einer erklärenden Zusammenhänglichkeit, wie sie nur von einem Autor kraft seiner Autorität geschaffen werden kann.

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Mittwoch, 27. Juni 2007

Bund fördert Wikipedia-Inhalte

Frei und gleichzeitig erfolgreich zu sein ist eine wirklich tolle Mischung, die leider nur selten gelingt. Bei Wikipedia ist sie bekanntlich gelungen, und zwar so gut, dass selbst die notorischen Kritikaster des größten Enzyklopädie-Projekts der Menschheit ihre helle Freude daran haben, weil sie immer wieder neue Gründe für Schmähungen geliefert bekommen. der neueste Grund könnte diese Meldung sein. Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (kurz: Seehofer) beauftragt die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR) damit, Fachartikel für Wikipedia zu erstellen oder bestehende Artikel zu verbessern. Betroffen ist das Themengebiet nachwachsende Rohstoffe.

Das Kalkül ist klar und wird auch gar nicht verschwiegen: Wikipedia ist die ideale Plattform, um Sachinhalte einführend und allgemeinverständlich zu publizieren. Ein interessanter Sinneswandel, der zum Weiterdenken einlädt. Bislang hat man wegen jedem Pippifurz dieser Art erst mal eine neue Domain eröffnet (in diesem Fall also beispielsweise www.nachwachsende-rohstoffe.de ;-). Doch nun entdeckt man plötzlich, dass man nicht mehr für alles eine neue Adresse braucht, sondern dass es manchmal sinnvoller ist, Inhalte im Rahmen bestehender Plattformen zu publizieren, die user generated content ermöglichen. Nicht mehr ins Web stürmen nach dem Motto „hallo ihr da draußen, jetzt kommen wir!“, sondern erst mal überlegen, wie man sich in der gewachsenen Hypertext-Struktur des Webs am sinnvollsten platzieren kann. Diese Lektion haben die Seehofer-Leute also wirklich gut gelernt.

Der andere Aspekt der Angelegenheit ist jedoch etwas heikler. Da sollen also bezahlte Auftragsschreiber in Wikipedia editieren, die natürlich nur des' Liedchen singen, wes' Brötchen sie essen (Seehofers Brötchen in dem Fall). Bezahlen tun wir es letztendlich mit unseren Steuergeldern, insofern ist der Kreislauf so weit in Ordnung. Denn Informationen sind längst so wichtig wie Autobahnen, also ist es normal, dass Steuergelder in die Bereitstellung von Bürgerinformation fließen. Doch wie viel wird das kosten, sollten sich die Auftragsschreiber in den endlosen Edit-Wars einer kollaborativen Web-2.0-Plattform verlieren? Und wie unabhängig kann das Wikipedia-Projekt auf die Dauer gesehen bleiben, wenn das Beispiel Schule macht und sich in den nächsten Jahren alle möglichen Verbände, Vereine und Lobbyisten hauptberuflich „ihren“ Themenbereich in Wikipedia krallen und beackern wie ein Bauer „sein“ Stück Land? Vielleicht kann man es ja auch mal ganz entspannt als Versuchsballon betrachten.

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Montag, 18. Juni 2007

Web 2.0 und der Eiffelturm bei Nacht

Einer der Gründe, weshalb „Web 2.0“ so viel Begeisterung auslöst, ist die große Freiheit, die damit verbunden ist. Es ist die gleiche Begeisterung, die Mitte bis Ende der 90er Jahre schon einmal herrschte, als viele Menschen begriffen, dass eine eigene Homepage ein vollwertiges Kundgebungsorgan sein kann. Der Unterschied ist nur, dass man mittlerweile keine eigene Homepage und all das entsprechende Know How mehr benötigt, sondern einfach die zahlreichen Services im Web nutzen kann, die das Beitragen von Inhalten ermöglichen.

Doch die große Freiheit wird wie schon vor zehn Jahren wieder in Schranken gewiesen. Über den Blog-Artikel Man sägt nicht an dem Ast, auf dem man sitzt bin ich auf den dort behandelten Beitrag Erstickt Web 2.0 an seiner eigenen Freiheit? gestoßen.

Zwei Aspekte finde ich an dem Thema bemerkenswert und neu gegenüber der Situation von vor zehn Jahren:

Erstens ist es offenbar mittlerweile gar kein großes technisches Problem mehr für größere Site-Anbieter, ganze Länder und Staaten vom Zugriff auf ihre Inhalte oder auf bestimmte ihrer Inhalte auszuschließen. Wenn das in immer mehr Fällen ohne großes Medienrauschen funktioniert, werden wir in wenigen Jahren ein fein dezidiertes System aus Zugriffsberechtigungen auf Content-Provider-Ebene haben, das still und leise jenseits von Logins und Passwörtern operiert. Dann sieht der Franzose was der Deutsche nicht sehen darf, und dieser sieht was der Türke nicht sehen darf. Der eine bekommt beim Google-Suchbegriff „Staatsterrorismus“ 90.000 Treffer, sein Nachbarländer ganze 40.000. Letzterer wirds verschmerzen, weil er auch 40.000 Treffer nicht alle auswerten kann. Es bleibt ein Gefühl von grenzenloser Freiheit, obwohl in Wirklichkeit mehr als die Hälfte zensiert wird.

Zweitens hat sich eines geändert: die einfachen User, die in einem Web-2.0-Service Content generieren, kann man nicht mehr so einfach greifen und gezielt abmahnen. Stattdessen müssen sich Abmahnanwälte und Firmen, die keine Nachtaufnahmen des Pariser Eiffelturms dulden, weil sie ein Urheberrecht auf dessen Beleuchtungseffekte haben, mittlerweile mit den Anbietern der Content-Plattformen selbst auseinandersetzen, also beispielsweise mit ausgewachsenen Boliden wie Flickr oder YouTube, wohinter dann noch größere Player wie etwa Google stehen können. Das ist einerseits beruhigend, denn die haben ein wirtschaftliches Interesse am sorglos beigesteuerten User-Content und sind deshalb auch bereit zu teueren Prozessen. Andererseits reduzieren sich dadurch die Angriffsflächen, und wenn einer der großen Services tatsächlich mal an einem derartigen Rechtsstreit zerbrechen sollte, würde der Sog, den er beim Sinken erzeugt, möglicherweise die ganze schöne Web-2.0-Welt mit in die Tiefe reißen.

Vielleicht wird die große Freiheit wieder unterdrückt. Vielleicht entwickelt sich aber auch ein Pingpong-Spiel, bei dem auf jeden neuen Freiheitsrausch ein Dämpfer erfolgt, in dessen Dunst dann wieder eine neue Form von Netzfreiheit entsteht. Vielleicht wird man die Versionsnummern des Webs irgendwann nach diesen Aufschwüngen zu neuen Möglichkeiten der Freiheit zählen.


Samstag, 16. Juni 2007

Hypertext (6): Hypertext und Informationsaufnahme

siehe auch:
(1): Text und Linearität
(2): Computer und Hypertext
(3): Inhaltseinheiten und Verlinkung
(4): Suchen und Stöbern
(5): Orientierungsmittel für Hypertext


Vernetzte Inhalte für vernetztes Denken

Hypertext ist die Vernetzung von Inhalten. Vernetzung ist jedoch kein hypertext-spezifischer Begriff; „Vernetzung ist ein Begriff aus der Systemtheorie“, definiert Wikipedia. Immer dann, wenn man ein komplexes System betrachtet, z.B. das System der weltweiten Warenflüsse oder das Ökosystem der Alpen, kommt man mit reinen Ursache-Wirkungs-Ketten nicht weiter. Denn die Ursachenkette beißt sich am Ende selber in den Schwanz und bildet mindestens Kreisläufe, meistens aber noch viel chaotischere, scheinbar wahllos querverbundene Faktorenstränge, die visualisiert aussehen wie ein Straßennetz oder ein komplizierter Schaltplan.

Hypertext ist eine Folge dieser systemtheoretischen Betrachtungsweise. Um Systeme, deren Komponenten ein vernetztes Gefüge bilden, adäquat beschreiben zu können, ist eine lineare Abhandlung diesem Gedankenansatz zufolge ungeeignet. Besser geeignet erscheint eine Darstellungsform, die den Netzcharakter einfach direkt abbildet. Die Systemkomponenten sind dabei einzelne Inhaltseinheiten, und ihr Gefüge wird durch Hyperlinks zwischen den Inhaltseinheiten abgebildet.

Die Argumentation geht aber noch weiter: „Hypertext scheint unter der Annahme kognitiv plausibel zu sein, dass Wissen [...] im menschlichen Gehirn in vernetzt topologischen, nichtlinearen Strukturen organisiert sei. Unter dieser Annahme könnte die Wissensaufnahme über eine vergleichbare Organisationsform, wie sie durch Hypertext gegeben ist, effizienter sein als eine Aufnahme, die den 'Umweg' über lineare Präsentationsformen (Vorlesungen, Texte) nimmt“ — so schreibt der Informationswissenschaftler Rainer Kuhlen in dem Buch Hypertext. Ein nichtlineares Medium zwischen Buch und Wissensbank, Berlin, Heidelberg, New York, 1991. Nicht nur betrachtete Systeme bestehen aus vernetzten Komponenten, sondern auch das menschliche Gehirn bzw. die Struktur all dessen, was in ihm gespeichert ist. Auch das menschliche Gehirn selbst wird also im modernen Denken als System begriffen. Das war nicht immer so — auch diese Auffassung ist eine Folge der systemtheoretischen Betrachtungsweise.

Hypertext entpuppt sich demnach als der Versuch, ein Denken, das sich selbst und all die Systeme in Natur und Technik, die es erkunden oder verstehen will, adäquat abzubilden. Hypertext soll systemtheoretisch orientiertes Denken in einer Form vermitteln, die selbst ins systemtheoretische Denken passt. Der Erfolg dieser Annahme sollte sich dann aber daran messen lassen, ob Wissen, das über Hypertext vermittelt wurde, gründlicher in die Köpfe der Lernenden gelangt als Wissen, das auf traditiionelle, nicht-lineare Weise (Buch, Vorlesung usw.) vermittelt wurde.

Gegen die Annahme, dass vernetzte Wissenspräsentation die Aufnahme von Wissen erleichtert, lassen sich zwei Argumente anführen:

Das erste Gegenargument führt ins Feld, dass sich der Hypertext-Leser seine Leselinie erst selbst bahnen muss, was Zeit und Energie kostet. Wobei die Wissensaufnahme letztlich nicht anders funktioniert als bei herkömmlichem Text: sie „findet..., auch durch die Navigation in Hypertext, in einer zeitlich sequentiellen Reihenfolge statt, sodass jeder faktische Weg letztlich doch wieder linear ist“ (Kuhlen).

Dem zweiten Gegenargument zufolge ist gerade die Integration von vernetztem Wissen in ein Wissensnetz problematischer als die Integration „einfachen“ Wissens in das Wissensnetz. Dahinter steht die Annahme, „dass zwei Netze, zumal wenn sie polyhierarchisch strukturiert sind, schwieriger zu integrieren sind als eine lineare Struktur in ein bestehendes Netz“ (Kuhlen).

Studien und Versuchsanordnungsprobleme

Mittlerweile sind diverse Studien durchgeführt worden, die sich mit der Frage befassen, ob Hypertext nun besser oder schlechter abschneidet im Vergleich zu herkömmlichen, linearen Medien. Eine knappe Zusammenfassung inklusive eigener kleiner Studie bietet das Dokument Wissenserwerb, Navigationsverhalten und Blickbewegungen bei Text und Hypertext (PDF-Dokument).

Aus der kleinen Studie wird deutlich, was eigentlich auch einleuchtet: ein zusammenhängender Inhalt wird linear besser aufgenommen als in einer zerstückelten Hypertext-Form. Der Hauptgrund ist, dass bei Hypertext immer ein Teil der Aufmerksamkeit für die Navigation benötigt wird. Dagegen zeigt Hypertext leichte Vorteile, wenn es darum geht, aufgrund einer Fragestellung geeignete Inhalte zu finden. Der Grund ist, dass in diesem Fall der Navigation insgesamt mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden muss als dem Textinhalt.

Frühere Studien, etwa die bekannte Schnotz-Studie (Textverstehen als Aufbau mentaler Modelle. In: Mandel, H./ Spada. H.: Wissenspsychologie, München 1989), lassen Hypertext gegenüber linearem Text noch deutlich schlechter aussehen. Viele dieser früheren Studien datieren allerdings aus den frühen 90er oder gar 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Normale Computeranwender waren zu jener Zeit völlig unvertraut mit Hypertext — eine Voraussetzung, die sich mittlerweile durch den anhaltenden Erfolg des World Wide Web wesentlich verändert hat. Waren Hypertext-Systeme früher exotische Einzelanwendungen, so ist Hypertext heute gleichbedeutend mit dem World Wide Web. Wer über Jahre hinweg einen Web-Browser einsetzt, so darf deshalb vermutet werden, der lernt, sich in Navigationsumgebungen immer schneller zurechtzufinden. Dazu kommen immer ausgereiftere Werkzeuge im Bereich von Bookmarks und Suchmaschinen. Bei großen Websites haben sich längst gewisse Standards im Layout durchgesetzt. Eine weitere wichtige Entwicklung des Web-2.0-Zeitalters ist das Abonnieren von Newsfeeds, also das Aufnehmen von Informationen unter einer persönlich gestaltbaren, einheitlichen Bedienoberfläche. All diese Entwicklungen verkürzen die Orientierungsphase und ermöglichen dadurch eine stärkere Konzentration auf die eigentlichen Inhalte.

Wir befinden uns also mitten in einem Wandel, in dessen Verlauf der alltägliche Umgang mit Hypertext für immer mehr Menschen so selbstverständlich wird wie das Aufschlagen eines Buches. Die Schnelligkeit, mit der sich der Wandel vollzieht, erschwert natürlich die Ausarbeitung von Studien mit stabilen Ergebnissen. Derzeit gehen Risse quer durch Generationen und Bildungsschichten. Jüngere Menschen gehen tendenziell selbstverständlicher und routinierter mit elektronischen Inhalten in Hypertextform um als ältere, und Menschen mit höherem Bildungsgrad finden sich tendenziell leichter in Hypertextumgebungen zurecht als Menschen mit niedrigerem Bildungsgrad. Doch das sind allenfalls Tendenzen, die niemals als zuverlässige Einschätzungsprognosen für Einzelpersonen taugen.

Teamworking als Faktor

Studien und Thesen, die sich damit befassen, ob Hypertext der besseren Informationsaufnahme dienlich ist, lassen außerdem häufig einen Aspekt außer Acht, der gegenwärtig immer mehr an Bedeutung gewinnt. Viele erfolgreiche Projekte im Web verdanken ihren Erfolg nämlich dem sogenannten user generated content. Dabei wird die Rezipientenrolle mehr oder weniger stark aufgehoben. Der Rezipient kann aktiv agieren und reagieren, Texte beitragen, seine Meinung kundtun, Fragen stellen oder beantworten. Er wird zum Bestandteil des Hypertextprozesses. Das ist in Foren der Fall, aber auch in kollaborativen Webanwendungen wie Wikis. Neben dem Faktor der freien Navigation im Inhalt kommt dadurch also noch ein weiteres Merkmal für modernen, web-basierten Hypertext hinzu: die Kommunikation mit anderen Teilnehmern.

Wenn der Rezipient zum Partizipienten wird, hat das zwangsläufig auch Folgen für die Art und Qualität der Informationsaufnahme. Eigene Aktivität erhöht die Spannung. Fremdinhalte müssen nicht „heruntergeschluckt und gepaukt“ werden, sondern sind Anlässe für eigene Kommentare, Antworten oder Auseinandersetzungen. Andererseits sind diskursive, von Anwendern beigetragene Inhalte oftmals chaotisch strukturiert, unvollständig und ohne klare Autorenkonzepte wie Trennung von sachlicher Darstellung und subjektiver Einschätzung. Vor allem für Lernende, die in einer solchen Hypertextumgebung versuchen, sich Wissen anzueignen, scheint das ein Nachteil zu sein. Denn Lernende befinden sich in einem „anomalous state of knowledge“. Während sie sich Wissen aneignen wollen, suchen sie nach präzisen Begriffen und eindeutigen Antworten auf ihre Fragen. Die erfahrene Führung eines Lehrbuchautors erscheint dazu wesentlich geeigneter als die ungefilterte Inhaltsmasse eines kollaborativen Hypertextes.

Möglicherweise trifft das jedoch nur auf Wissen zu, das ein Lernender sich kurzfristig und selbstdisziplinarisch aneignen will. Denn gerade jüngere Menschen, die mit dem Web vertraut sind, berichten häufig, dass sie Fachinhalte wie Programmiersprachen vorzugsweise durch Teilnahme an entsprechenden Fachforen erlernen — gegebenenfalls in Verbindung mit verlässlichen Dokumentationen und viel eigenem Herumprobieren. Diese eher unorthodoxe Zugangsweise benötigt mehr Zeit, wird dafür vom Lernenden aber kaum als Pflicht erlebt, und das so erworbene Wissen wird wohl nachhaltiger gespeichert als im Paukmodus, den es ohnehin ohne Prüfungswesen vermutlich gar nicht geben würde.

Fazit

Zusammenfassend könnte man sagen, dass Hypertext gegenüber linearen Medien tendenziell eher nachteilig bewertet wird. Was dabei jedoch meist nicht hinterfragt wird, ist die Art, wie Informationsaufnahme vorgeblich zu funktionieren hat. Wird unter Informationsaufnahme eher die klassische, zeitlich begrenzte Wissensaneignung (lerne bis dahin und dann wird dein Wissen abgefragt) verstanden, so dürften die hypertext-kritischen Studien Recht behalten. Wird dagegen von einer spielerischen, zwanglosen und zeitlich stresslosen Wissensaneignung ausgegangen, so kann Hypertext seine Vorteile eher ausspielen, und zwar erst Recht in Umgebungen, die zusätzlich die Kommunikation mit anderen Teilnehmern zulassen.

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Sonntag, 6. Mai 2007

Dagegen muss protestiert werden!

Der Heise-Ticker meldet: Urteil bestätigt uneingeschränkte Haftung für Forenbetreiber. Hintergrund ist ein Verfahren, das vom Betreiber des Super-Nature Forums, Martin Geuß, geführt wurde.

Um diesen üblen Fehltritt der Gerichtsbarkeit zu ermessen, sollte sich niemand entgehen lassen, den Urteilstext zu lesen. Und dann an alle Services denken, die direktes Publizieren durch Benutzer ermöglichen. Von Wikipedia über Mr. Wong bis hin zu sämtlichen Blogs mit Kommentarfunktion und Fachforen stehen diesem Urteil zufolge praktisch alle Anbieter mit einem Bein im Gefängnis. Denn sie machen sich nicht erst strafbar, wenn sie nach Kenntnisnahme etwa eines volksverhetzenden oder beleidigenden Benutzerbeitrags nicht reagieren, sondern ab dem Moment, wo der Beitrag online ist.

Der einzig wirksame Schutz dagegen ist eine Redaktionskontrolle, also ein persönliches Prüfen aller Benutzerbeiträge vor dem Veröffentlichen. Aus Benutzersicht ist das jedoch so prickelnd wie das Ziehen einer Wartenummer im Arbeitsamt. Nein, das darf sich die Internet-Gemeinde nicht gefallen lassen. Gegen dieses Urteil muss protestiert werden! Deshalb bitte weitersagen und aufklären!

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Forenbetreiber haften uneingeschränkt


Dienstag, 17. April 2007

Urheber- und Nutzungsrechte bei user generated content

„Wir können alles — außer Deutsch“, lautet ein selbstbewusster Werbespot des Landes Baden-Württemberg. Dann hat man für das Blog Social Software @ Baden-Württemberg entweder einen Ghostwriter gefunden, oder man hats mittlerweile gelernt. Aktuell behandelt das Blog jedenfalls ein Thema, das allmählich immer brisanter wird: wem gehört eigentlich der sogenannte user generated content, welche Nutzung ist damit erlaubt, und welche Rechte hat ein User, der auf einer Web-Plattform etwas beigetragen hat?

Der Blog-Beitrag Nutzungsrecht von Userbeiträgen verweist dabei auf eine Diskussion im Business-Forum Xing, in der es vor allem um das Recht von Forumsbenutzern auf die Löschung ihrer Beiträge geht. Gerade dieses Problem ist in der Tat aktuell. Arenen wie das SELFHTML Forum, die schon einige Dienstjahre hinter sich haben, sind besonders betroffen. Immer häufiger melden sich dort ehemalige Novizen, die heute nicht mehr wollen, dass ihre dummen ersten Fragen zu HTML und PHP oder ihre verräterischen Zornesausbrüche von einst gefunden werden, wenn jemand nach ihrem Namen googelt, zum Beispiel Personalmanager.

Nun scheint die deutsche Rechtslage den Usern durchaus das Recht zu geben, frühere Beiträge von ihnen zu löschen. Aus Sicht des Persönlichkeitsrechts und des Urheberrechts ist das auch durchaus nachvollziehbar. Problematisch ist jedoch die Tatsache, dass ein User-Beitrag sich nicht immer und überall chirurgisch sauber entfernen lässt. In thread-basierten Foren beispielsweise kann von einem einzelnen Posting eine mehr oder weniger große Substruktur an weiteren Beiträgen abhängen. Ohne das Ausgangsposting würde die Thread-Logik zerstört, weshalb dann möglicherweise ganze Teilbäume von Foren-Threads gelöscht werden müssten. Das könnte wiederum mit Rechten anderer Benutzer konfligieren, die vielleicht viel Zeit und Mühe investiert haben in dem Glauben, dass ihre Beiträge dauerhaft veröffentlicht werden. Ebenso problematisch ist die Kultur des Zitierens. Damit Leser nicht immer zwischen Postings hin- und herwechseln müssen, ist es üblich, Texte aus einem Posting, auf die man sich in einer Antwort konkret bezieht, noch einmal zu zitieren. Nicht selten trifft man sogar auf Fullquotes. Das Löschen eines Postings würde in diesem Fall also nicht genügen. Wieder entsteht dabei die Problematik, dass andere Postings mitgelöscht werden müssen, was im übrigen nicht nur Interessen anderer Benutzer betrifft, sondern auch die Frage aufwirft, wie viel redaktionelle Nachforschung dem Forumsbetreiber zugemutet werden kann, um Löschwünsche wirklich sauber zu erfüllen.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass ein Forumsbetreiber zwar Inhalte aus seinen eigenen Archiven löschen kann, nicht jedoch aus dem Datenbestand von Suchmaschinen oder gar Einrichtungen wie der Internet Wayback Machine, die frühere Stände von Websites für die Nachwelt bewahrt. Dieses Problem betrifft immerhin nur Foren oder von Benutzern beigetragene Inhalte, die öffentlich zugänglich sind. Dennoch zeigt die Problematik, dass etwas, das jemals öffentlich im Web stand, nicht so einfach tilgbar ist, wie es den Anschein hat.

Irgendwann wird vermutlich auch die Rechtsauffassung den Umstand berücksichtigen müssen, dass nichts mehr vollständig löschbar ist im Web. Und wer im Web veröffentlicht, und sei es auch nur als content-generierender User in einem Blog-Kommentar, einem Forum, einem Wiki oder einer Community, muss die Kunst der Gelassenheit erlernen: Gelassenheit gegenüber der Tatsache, dass die eigenen Spuren so schnell nicht verwischen. Vielleicht lernen dabei sogar einige, was sie sonst nicht gelernt hätten, nämlich mit der eigenen Vergangenheit zu leben!


 

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