Freitag, 28. September 2007

Floating divs war 2.0 - Grids sind 3.0

Es soll ja Leute geben (zu denen ich mich ebenfalls zähle), die zwar die ideologische Umwälzung von den alten Tabellenlayouts hin zu modernen, CSS-basierten Webseitenlayouts mitgemacht haben, aber nie wirklich überzeugt waren von dem neuen Gold, das da allenthalben angepriesen wurde. Ich gehe sogar so weit zu behaupten: Floatende div-Bereiche sind um keinen Haarbreit besser oder semantischer oder barrierefreier als rahmenlose Tabellen. Denn ebensowenig wie Tabellen für Seitenlayouts gedacht sind, ist die Funktionalität, eine Box links oder rechts von anderem Inhalt umfließen zu lassen oder auch mehrere Boxen auf diese Weise horizontal aneinanderzureihen, für ganze Seitenlayouts gedacht, sondern eher für Aufgaben wie die Platzierung einer Grafik oder eines Kastens mit Zusatzinformation im Fließtext. Irgendwann, da bin ich sicher, wird eine neue Generation von Webdesignern genauso gegen die heutigen float-Verrenkungen zu Felde ziehen, wie es die Armee der Float-Jünger heute gegen die bösen blinden Tabellen tut. Und dabei werden ganz ähnliche Argumente verwendet werden.

Mittlerweile zeichnet sich auch ab, welches das das neue Layout-Paradigma sein wird. Die Blogspatzen pfeifen es bereits von den Dächern. Anlass ist eine neue Working Draft des W3-Konsortiums vom 5. September 2007, die dank einiger aussagekräftiger Grafiken außergewöhnlich anschaulich geraten ist. Es handelt sich um das Dokument CSS Grid Positioning Module Level 3. Nun ist CSS 3 wieder mal so ein typisch W3C-bombastisches Vorhaben, bei dem die Gefahr besteht, dass es aus lauter Perfektionsdrang und Angst irgendwas zu vergessen niemals fertig wird. Die Current-work-Seite des W3-Konsortiums zur Weiterentwicklung der Stylesprache CSS lässt jedenfalls erahnen, dass es noch lange dauern wird, bis die zahlreichen geplanten CSS-3-Module einmal endgültige Empfehlungen (Recommendations) sein werden. Der überwiegende Teil der Spezfikationen des modular aufgebauten CSS 3 befindet sich noch (und teilweise schon seit Jahren) im Zustand der Working Draft (also in der Entwurfsphase).

Doch zurück zu der neuen Working Draft über CSS Grid Positioning. Grid bedeutet Raster, und wenn man sich die bereits erwähnten Grafiken in der Working Draft ansieht, fühlt man sich alsbald an gedachte Tabellenlinien oder gar Framesets erinnert. Bei genauerem Hinsehen (bei example 3) bemerkt man jedoch, dass es sich nicht einfach um ein starres Gitternetz handelt. Die Zellen eines Grids sind wesentlich flexibler als Zellen einer Tabelle oder eines Framesets. Eine weitere Besonderheit der Grids ist, dass mit ihnen eine neue, relative Maßeinheit in CSS eingeführt wird: gr. So kann man einem Element in seiner CSS-Definition beispielsweise eine Breite von 4gr verpassen. Das bedeutet, dass sich das Element in der Breite über vier Grid-Spalten erstreckt. Indem man ein Grid explizit definiert, erhält man gewissermaßen Hilfslinien, an denen man Inhalte ausrichten kann. Das erspart viel absolutes Positionieren.

Eigentlich ist die Sache mit den Grids eher nachgeschoben und ein Beispiel für den erwähnten Perfektionismus bzw. die Angst, etwas zu vergessen. Es handelt sich um eine Präzisierung von Möglichkeiten, die in dem CSS-3-Modul Multi-column layout bereits beschrieben sind. Mehrspaltige Inhalte, die mit den dort beschriebenen CSS-Eigenschaften definiert werden, werden nun als implizite Grids bezeichnet. Die ersten Entwürfe des W3-Konsortiums für die Mehrspaltigkeit in CSS reichen übrigens ins Jahr 1999 zurück. Auch daran zeigt sich wieder, wie großzügig hier mit Zeiträumen umgegangen wird, während die alltägliche Praxis der Webworker sich mit Krücken der Vergangenheit behelfen muss und sich mit eigentlich sonderbaren ideologischen Grabenkämpfen wie Floats gegen Tabellen die Zeit vertreibt.

Diskussionen zu diesem Eintrag im Webkompetenz-Forum:
Layout (Grids)


Montag, 24. September 2007

Webdesign und Textdesign

Nur selten hat mich ein einzelner Blog-Beitrag so spontan angesprochen wie Andreas Döllings Gastbeitrag Vom Texten und Zutexten im Weblog von Jens Meiert. Man lese und vergleiche mit eigenen Erfahrungen!

Meine Eindrücke sind jedenfalls sehr ähnlich wie dort beschrieben. Über das Design einer zu erstellenden Website wird endlos diskutiert. Vom Chef mit seinen Strategiegedanken bis zum HTML-erfahrenen Hiwi reden alle mit. Die Texte, die am Ende auf die Webseiten kommen, werden dagegen links liegen gelassen. Wer will denn schon über Texte diskutieren? Dichter vielleicht, die sich in einem Literatur-Club gegenseitig ihre lyrischen Ergüsse verreißen. Aber stinknormale Sachtexte, wie Produktbeschreibungen, News-Beiträge oder Event-Ankündigungen — was soll man darüber schon großartig reden?

Vielleicht ist es prickelnder, sich dem Thema unter dem Aspekt der vielbeschworenen Barrierefreiheit zu nähern. Denn Barrierefreiheit beginnt nicht erst bei Markup-Fragen in HTML. Auch Texte können nach Barrierefreiheit streben. Ein Text ist dann barrierefrei, wenn er verständlich ist. Das Gegenteil von „verständlich“ hat jedoch mindestens zwei Ausprägungen: unverständlich und missverständlich. Ich würde noch eine dritte dazunehmen: langweilig. Ein verständlicher und damit barrierefreier Text enthält also weder unverständliche noch missverständliche Passagen, und er ist nicht ermüdend. Genau davon hängt es ab, ob ein Text — eine Produktbeschreibung beispielsweise — den Leser überzeugen kann. Eine geglückte Formulierung, die viele Leser einen Zusammenhang begreifen lässt, der ihnen vorher nicht klar oder bekannt war, kann ebenso zur Kundengewinnung und Kundenpflege beitragen wie ein sündhaft teuerer, supercooler, flash-basierter Produkt-Showcase.

Doch was für den einen Leser nur abstraktes Geschwafel ist, liest der nächste mit sichtlichem Genuss. Bei vielen Sachtexten müssen Autoren damit rechnen, dass ihre Leser ganz unterschiedliche Vorkenntnisse haben. Leser sind also keine genau berechenbare, graue Masse. Andererseits sollte die Tatsache, dass Leser sehr unterschiedlich sein können, kein Freibrief sein, um jeden Gedanken über Texte für Verschwendung zu halten. Die Trefferquote, also dass es möglichst oft „Aha“ macht, wenn ein Text und ein Kopf zusammenstoßen, lässt sich nämlich durchaus erhöhen. Doch wie?

Ein Buch, in dem man sich schlau machen kann, hat Andreas Dölling im oben erwähnten Blog-Beitrag bereits genannt: Andreas Baumert: Professionelles Texten. Eine Website, die es schon sehr lange gibt, und die längst ein Portal für diverse, umfangreiche Unterprojekte geworden ist, möchte ich ebenfalls empfehlen: Claudia Klinger schreibt aus Passion und hält unter anderem auch Kurse über das Schreiben. Unter dem Titel Guter Stil, klare Sprache: 20 Handwerkstipps für Einsteiger bietet sie eine Einführung in die Kunst des Schreibens an.


Donnerstag, 20. September 2007

Google Docs jetzt auch mit Präsentationsmodul

Auch wenn andere Anbieter wie etwa Zoho es schon lange und in besserer Qualität anbieten, haben doch viele darauf gewartet: Google Docs, die Online-Office-Suite von Google, die bislang nur aus einer Textverarbeitung und einer Tabellenkalkulation bestand, wurde nun um ein Präsentationsmodul erweitert:

Google Präsentation
Google-Präsentation im Bearbeitungsmodus

Die Euphorie muss allerdings gedämpft werden. Wirklich individuelle Präsentationen sind mit diesem Tool vorerst nicht möglich. Gerade mal 15 fixe Motive für Folien-Basislayouts werden angeboten, und außer Text frei platzieren und formatieren und Pixelgrafiken einfügen ist nichts weiter an Funktionen vorgesehen. Keine Vektorgrafik, und schon gar keine Extras wie Datenübernahme von Diagrammen aus der Tabellenkalkulation. Bleibt zur Linderung der Enttäuschung darüber nur die Bemerkung, dass die meisten Menschen, die eine Präsentation erstellen, ohnehin hoffnungslos überfordert sind mit dem Funktionsumfang von Programmen wie Powerpoint oder Impress. Dementsprechend schematisch und langweilig sehen die meisten Präsentationen auch aus.

Einen unbestreitbaren Vorteil hat die Online-Lösung auf jeden Fall. Sie ermöglicht es, Präsentationen online einem anwesenden Publikum vorzuführen:

Präsentation online via Chat vorführen und diskutieren
Google-Präsentation im Vorführmodus inklusive Teilnehmer-Chat

Der Vorführmodus einer Präsentation erhält eine eigene dynamische URL-Adresse. Gibt ein Vorführender diese URL per Mail, Messenger, Telefon usw. an andere weiter, können diese durch Aufruf der Adresse direkt an der Präsentation teilnehmen. Gegebenenfalls ist dabei noch ein E-Mail-Handshake mit dem Einladenden erforderlich. Aktionen des Vorführenden wie Weiterblättern werden bei den übrigen Teilnehmern automatisch ausgeführt. Gleichzeitig wird ein Chat eingeblendet. Dieser kann vom Vorführenden benutzt werden, um seinen verbalen Vortrag zur Präsentation zu halten. Zumindest bei chat-erprobten Schnelltippern könnte das hinhauen, ohne dass das Publikum einschläft. Die übrigen Teilnehmer können ebenfalls chatten, sofern sie dazu ermächtigt wurden. Außerdem können Berechtigte die Präsentation übernehmen. So können sich beispielsweise mehrere Präsentierende mit Tippen des Vortragstexts abwechseln.

Eine Lösung für Live-Audio- oder gar Live-Video-Broadcasting wäre natürlich spannender. Andererseits haben textbasierte Chats durchaus auch Vorteile. So ist der Vortragstext der Präsentation für alle noch mal nachlesbar. Und da Tippen langsamer geht als Reden, wird bei solchen Präsentationen ja vielleicht nicht ganz so viel Überflüssiges verzapft ...


Mittwoch, 19. September 2007

Hypertext (10): Jimmy Wales: Wikipedia

siehe auch:
(1): Text und Linearität
(2): Computer und Hypertext
(3): Inhaltseinheiten und Verlinkung
(4): Suchen und Stöbern
(5): Orientierungsmittel für Hypertext
(6): Hypertext und Informationsaufnahme
(7): Vannevar Bush: Memex
(8): Ted Nelson: Xanadu
(9): Tim Berners-Lee: World Wide Web


Das jüngste Projekt in unserem Hypertext-Meilenstein-Rückblick ist wohl zugleich auch das umstrittenste. Den einen ist es vielleicht nicht groß genug für einen Meilenstein der Hypertext-Geschichte, weil es nur ein einzelnes Webprojekt ist, also ein kleiner Teil von Tim Berners-Lee's Projekt. Den anderen ist es vielleicht nicht gut genug für einen Meilenstein, weil sie mit Wikipedia viel Negatives verbinden, angefangen von hässlichen Editier-Kriegen bis hin zum Vorwurf mangelnder Qualität, weil sich zu viele Laien und Möchtegern-Experten an der Entstehung der Inhalte beteiligen. Die Kritik, der Wikipedia ausgesetzt ist, bestätigt jedoch die Bedeutung des Projekts. Denn Fakt ist, dass Wikipedia binnen weniger Jahre die Enzyklopädie des menschlichen Wissens geworden ist. Realisiert als Projekt innerhalb des World Wide Web, demonstriert Wikipedia vor allem eine neuere Art von Webanwendung, die extrem hypertextorientiert ist und wichtige Voraussetzungen schafft, unter denen Menschen überhaupt Lust bekommen, an Hypertext-Inhalten mitzuarbeiten.

Geschichte des Wikipedia-Projekts

Die Geschichte der Wikipedia hat eine Vorgeschichte, die aus zwei wichtigen Strängen besteht.

Der eine Strang besteht darin, dass im Laufe der 90er Jahre erste Digitalpublikationen herkömmlicher Enzyklopädien erschienen. 1994, als 4stellige Preise für CD-ROM-Laufwerke üblich waren, erschien die Encyclopædia Britannica erstmals auf CD-ROM. 1996 brachte Microsoft mit Encarta eine neuartige, multimediale Enzyklopädie auf CD-ROM (später auf DVD) heraus, die selbst bei notorischen Microsoft-Gegnern großen Respekt erntete. Diese beiden Produkte verankerten die Möglichkeit digitaler, bildschirmorientierter Wissensvermittlung in zahlreichen Köpfen. Der Boom des World Wide Web Mitte bis Ende der 90er Jahre verstärkte die Tendenz zur elektronischen Präsentation von Inhalten.

Der andere Strang besteht darin, dass zeitgleich Überlegungen angestellt wurden, wie man in dem noch jungen Medium World Wide Web enzyklopädisches Wissen so realisieren könnte, dass ein größerer Autorenkreis ohne internet-technische Tiefenkenntnisse daran arbeiten kann. Der amerikanische Programmierer Ward Cunningham, der maßgeblich an zwei modernen Programmierparadigmen beteiligt ist, nämlich an Design Patterns (Entwurfsmuster) und Extreme Programming, erfand 1995 eine zunächst noch wenig beachtete, neuartige Webanwendung: das sogenannte Wiki Wiki Web. Die Original-Site, für das diese Anwendung gestrickt wurde, ist noch heute unter dem Titel Wiki Wiki Web online. Es beinhaltet bereits viele Konzepte moderner Wiki-Systeme.

WikiWiki-Bus Die einprägsame Bezeichnung Wiki verdanken wir der Tatsache, dass Cunningham öfters nach Hawaii kam. Am Flughafen erklärte man ihm, er solle den Wiki-Wiki-Bus nehmen, der die Terminals verbindet. Auf seine Nachfrage hin erfuhr Cunningham, dass wiki wiki im Hawaiianischen so viel wie schnell bedeutet. Schnell und unkompliziert sollte auch das Bearbeiten von Inhalten in seiner Webanwendung sein.

Cunningham's Original-Wiki erreichte zwar stattliche Ausmaße, doch es war keine allgemeine Enzyklopädie. Während die großen Lexikonverlage sich schwer taten mit Internet-Versionen ihrer Enzyklopädien, entstanden innerhalb des Webs neue Projekte dieser Art. Eins davon nannte sich Nupedia und startete im März 2000. Die Gründer von Nupedia waren zwei Amerikaner namens Jimmy Wales und Larry Sanger. Nupedia wurde von einem kleinen Kreis von Fachautoren gepflegt. Die Artikel wurden streng geprüft und hatten durchweg hohes Niveau. Ein anderes, konkurrierendes Webprojekt sollte GNUpedia werden, das vom Urvater der OpenSource- und OpenContent-Bewegung Richard Stallman initiiert worden war. GNUpedia war offener und auch für Laien-Autoren konzipiert. Die Situation der beiden verklüngelten und doch konkurrierenden Online-Enzyklopädie-Ansätze war jedoch unbefriedigend für alle Beteiligten.

Jimmy WalesJimmy Wales zog daraus seine Konsequenzen. Unter dem für Nupedia drohenden Konkurrenzdruck, der von GNUpedia ausging, implementierte er eine Art Sammelbecken für Nupedia. Das Ziel war es, mehr Autoren aus der breiten Öffentlichkeit zu gewinnen. Gute Artikel aus dem Sammelbecken sollten dann in Nupedia übernommen werden. Bei der Software für die Webanwendung des Sammelbeckenprojekts orientierte sich Wales an Cunninghams Wiki Wiki Web. Deshalb tauft Wales sein Sammelbecken Wikipedia.

Das Wikipedia-Konzept war jedoch so überzeugend und wuchs binnen kürzester Zeit so schnell, dass sowohl Nupedia als auch GNUpedia alsbald nur noch Makulatur waren. Bereits nach zwei Monaten hatte Wikipedia über 2000 Artikel, und es wurden bereits mehrsprachige Versionen implementiert. Die Wachstums-Statistik der Artikelzahlen liest sich wie ein Märchen. Nach einem halben Jahr, also Mitte 2001, verzeichnete die englische Version bereits über 3.000 Artikel, die im Mai 2001 gegründete deutsche Version kam zum gleichen Zeitpunkt auf etwas über 300 Artikel. Im Dezember 2002 wurden erstmals mehr als 100.000 Artikel in der englischen Version gezählt. Die deutsche Version lag zeitgleich bei knapp unter 10.000 Artikeln. Derzeit (Stand: September 2007) kommt die englische Version auf genau 2 Millionen Artikel und die deutsche auf knapp 640.000. Zum Vergleich: der Brockhaus multimedial premium, Ausgabe 2007, bringt es gerade mal auf 260.000 Artikel.

Faszination und Problematik des Wikipedia-Projekts

Bei Hypertext gibt es wie bei linearem Text Autoren und Leser. In einem Medium wie dem World Wide Web, wo sich Texte digital und online verbreiten, fehlen jedoch die klassischen Bedingungen, die eine klare Trennung zwischen Autoren und Lesern überhaupt nötig machten. Es gibt keine Druck- und Lagerkosten, keine produzierenden Verlage, kein verteilenden Zwischenhändler und keine begrenzten Auflagen mehr. Es gab und gibt zahlreiche Möglichkeiten im Web, direkt und frei zu publizieren. Doch von dem Grundgedanken, dass Autoren und Leser zwei sehr getrennte Spezies sind, konnte man sich nach Jahrhunderten der Buchwelt und der Broadcasting-Medien nur schwer lösen. Nicht zuletzt deshalb entwickelte sich das Web zunächst auch in Richtung eines reinen Präsentationsmediums. Spontan publiziert wurde allenfalls in Communities und Foren, doch da nennt sich das Posten und wird von den Akteuren nicht als redaktionelle oder publizistische Arbeit empfunden.

Wikipedia ist das erste Projekt, bei dem es im großen Stil gelungen ist, die Grenzen zwischen Nutznießen und Mitmachen, zwischen Rezipieren und Publizieren, zwischen Leser und Autor aufzuheben. Ein wichtiger Aspekt für diesen Erfolg war, dass Jimmy Wales, der anfänglich noch versuchte, seine Webprojekte über Werbeeinnahmen zu finanzieren, rechtzeitig erkannte, dass er sein Ziel damit nicht erreichen würde. Wikipedia wurde werbefrei, und stattdessen setzte Wales bei der Wiki-Software auf OpenSource und beim Inhalt auf eine Lizenzform aus dem OpenContent-Bereich, die sogenannte GNU Free Documentation License (inoffizielle deutsche Übersetzung). Wer bei Wikipedia publiziert, akzeptiert damit diesen rechtlichen Rahmen. Finanziert wird das Projekt durch Spenden an die dafür gegründete Wikimedia-Stiftung.

Da eine Enzyklopädie das Wissen der Menschheit speichert, ist es kein Wunder, dass viele Menschen etwas dazu beitragen können. Denn es geht ja schließlich nicht nur um große Persönlichkeiten oder Geschehnisse, sondern auch um die Ortschaften dieser Welt, um Modelleisenbahnen, Hunderassen und die soziale Wirklichkeit, die aus Hypotheken, Kindergeld und Urlaubmachen besteht. Gerade heimatkundliches, zeitgeschichtliches oder arbeitspraktisches Wissen ist in der Breite der Bevölkerung gespeichert. Wikipedia ist es gelungen, die normale Bevölkerung zu ermutigen, solches Wissen beizutragen.

Doch wo viele Menschen wahllos publizieren, entsteht zwangläufig Chaos. Tatsächlich hat Wikipedia mit etlichen negativen Begleiterscheinungen der globalen Kollaboration zu kämpfen. Ideologische Grabenkämpfe etwa, die zu Edit-Wars führen, oder Vandalismus, also bewusstes Zerstören oder Verfälschen von Inhalten, oder schleichender Lobbyismus, der Inhalte einfärbt. Wikipedia ist jedoch kein kleiner Kreis überforderter Administratoren, die sich einem zahlenmäßig überlegenen Mob gegenübergestellt sehen. Wikipedia ist selbstorganisiert, organisch also. Das oberste Prinzip, die wertneutrale Darstellung, wird von den meisten Akteuren geteilt und vefochten. Diverse Funktionen der Wiki-Software unterstützen dabei, das System stabil zu halten. Unerwünschte Löschungen oder Änderungen lassen sich einfach rückgängig machen, da die Wiki-Software jeden abgespeicherten Bearbeitungsstand eines Artikels aufbewahrt. Die Software zeigt auf Wunsch auch, was in einem Bearbeitungsstand gegenüber einem anderen verändert wurde. Zu jedem Artikel gibt es eine Diskussionsseite. Unterschiedliche Auffassungen über Inhalte können dorthin verlagert werden. Dennoch führt der immerwährende Kampf gegen unerwünschte oder destruktive Tendenzen zu einem nicht ganz lupenreinen Gesamt-Image von Wikipedia in der Fachwelt. Innerhalb von Wikipedia gibt es Inhalte, die Antworten auf Kritik enthalten oder den Außenspiegel wagen.

Larry SangerEiner der schärfsten Kritiker des Wikipedia-Projekts ist übrigens Mitbegründer Larry Sanger, von dem sich Jimmy Wales ein Jahr nach Gründung von Wikipedia trennte. Sangers Hauptproblem mit Wikipedia ist die hemmungslose Demokratisierung der redaktionellen Prozesse. Nupedia, dessen Inhalte ausschließlich von ausgewählten Fachautoren erstellt wurden, entsprach eher seinen Vorstellungen einer web-basierten Enzyklopädie. Zu Nupedia-Zeiten dachte Sanger eindeutig noch in akademischen Zeitvorstellungen. Als Nupedia eingestellt wurde, gab es gerade mal zwei Dutzend abgesegneter Artikel, die den hohen Qualitätsvorstellungen entsprachen. Eine Konkurrenz für die existierenden Verlags-Enzyklopädien wäre daraus wohl frühestens nach dreihundert Jahren entstanden. Allerdings erhob Larry Sanger den Anspruch, als erster die zündende Idee zu Wikipedia gehabt zu haben. Mit der Sammelbecken-Funktionalität hatte er sich nämlich durchaus anfreunden können. Denn seine Vorstellung war zwar eine Elite-Klasse von Lexikon-Autoren, doch mussten dies keine Autoren mit klassischen Referenzen sein. Details seiner Kritik an Wikipedia sind gebündelt in einem Interview mit der Schweizer Sonntagszeitung nachzulesen.

Mittlerweile unternimmt Sanger einen neuen Versuch, eine qualitativ höherwertige Enzyklopädie im Web zu realisieren: das 2006 gestartete Projekt Citizendium basiert auf der gleichen Wiki-Software wie Wikipedia und dem gleichen Ziel, das gesamte Wissen der Menschheit zu repräsentieren, will jedoch redaktionell elitärer vorgehen. Allerdings unterscheidet sich die von Citizendium betriebene Autoren-Rekrutierung unwesentlich von derjenigen, die neuerdings auch von einem traditionellen, verlagsgebundenen Projekt wie Meyers Lexikon online ausprobiert wird. Die Erfahrung im Web lehrt jedoch, dass solch übervorsichtige Öffnungen nach außen nicht mehr sehr beliebt sind. Gerade potentielle Jungautoren mit Web-Erfahrung wollen sich nicht mehr als Bittsteller vorkommen, die einen Artikel „einreichen“ in der Hoffnung, dass er vom Überwachungskuratorium übernommen wird. Sie wollen publizieren und sich dabei die Hörner abstoßen.

An Wikipedia reiben sich also alte und neue Vorstellungen darüber, was als menschliches Wissen und Gedächtnis zu gelten hat, und wie das dort Gespeicherte zustande kommen soll. Wikipedia verwirklicht den Traum vieler Hypertext-Begeisterter. Doch wie bei jeder Verwirklichung von spannenden Gedanken macht sich auch hier der Geist schmutzig. Der unverminderte Erfolg von Wikipedia zeigt indessen, dass mit dem gewachsenen System aus Editierfreiheit, Vorgaben und Kontrollen durchaus ein Hypertext-Projekt realisierbar ist, das zigtausende von Autoren zählt und zig Millionen Benutzer, ohne quasi militärisch organisiert zu sein.


Samstag, 15. September 2007

Dramatisierung: der Verfall des Privaten

Die gesellschaftskulturelle Mainstream-Kritik hat bekanntlich ihre Steckenpferde. Eines davon ist derzeit der immer wieder beklagte Verfall der Privatsphäre im Internet, speziell im Web 2.0. Unüberlegter Exhibitionismus sei das allenthalben, der irgendwann auf die meist jungen Akteure zurückfalle. Arbeitgeber, die sich Bilder von Saufgelagen ihrer Bewerber ansehen, Lebenspartner, die in einem Social Network zweifelanregende Details über frühere Beziehungen ihres Gefährten nachlesen, und last but not least der Betroffene selbst, dem nach Jahren seine weit zurückliegenden, peinlichen Anfängerfragen inklusive rüpelhaftem Auftreten in Fachforen die Scham ins Gesicht treiben.

Ja, es ist alles schon vorgekommen: Bewerber wurden abgelehnt wegen gefundener Internet-Inhalte über sie, Beziehungen sind an gefundenen Internet-Inhalten zerbrochen, und wer ein Fachforum betreibt, bekommt immer wieder mal Mail von armen Seelen, die ihre früheren Ergüsse gelöscht bekommten möchten. Doch meine Antwort darauf ist: na und? Das sind ganz normale Begleitschäden, wenn sich Neues durchsetzt. Vielleicht konnte der abgelehnte Bewerber froh sein, nicht bei jenem Chef gelandet zu sein, der selbst Alkoholiker ist und deshalb die Bilder vom Saufgelage des Bewerbers überbewertete. Vielleicht wird die nächste Beziehung, geknüpft übers gleiche Social Network, viel besser. Und vielleicht stellt sich ja heraus, dass ein fetter Auftrag dem Umstand zu verdanken ist, dass ein Head-Hunter die Aufgabe hatte, einen Java-Spezialisten zu finden, der vor drei Jahren noch dumme Anfängerfragen gestellt hat.

Ihr lieben gesellschaftskulturellen Mainstrem-Kritiker: bitte seid doch etwas kritischer mit euch selbst! Schließlich ist euere veröffentlichte Stimme ja auch euer Ich, und irgendjemand anderes könnte die so wie sie ist dumm und peinlich finden — vielleicht euer Arbeitgeber oder euer nächster Lebensabschnittspartner in spe. Versucht euch zu erinnern, dass ihr früher doch immer gegen den ganzen Privatisierungskram wart, und dass ihr oft genug selber erwähnt habt, dass „privare“ das lateinische Wort für „rauben“ sei. Vielleicht lernen diejenigen, die sich frühzeitig in Social Networks verewigen, viel eher die Lektion, mit offenem Visier durchs Leben zu gehen, zu Vergangenem zu stehen, weil es nachlesbar ist und sich schlecht verklären lässt.

Diskussionen zu diesem Eintrag im Webkompetenz-Forum:
Dramatisierung: der Verfall des Privaten


Montag, 10. September 2007

Das nächste Webkompetenz-Tutorial

Nach dem Abschluss des Ajax-Tutorials fragen sich einige Freunde des Fortsetzungsromans vielleicht, was als nächstes dran kommt. Beschreibungswürdige Techniken gibt es ja zur Genüge. Meine Wahl ist allerdings auf etwas gefallen, das man eigentlich noch gar nicht wirklich zuverlässig dokumentieren kann, weil es noch gar keine endgültige Ausprägung hat und es auch noch gar keine vollständige Implementierung davon gibt. Dennoch wird aus der interessierten Fachwelt kaum jemand bezweifeln, dass es sinnvoll ist, sich möglichst frühzeitig damit auseinanderzusetzen. Es geht nämlich um nichts Geringeres als um die Brot-und-Butter-Sprache schlechthin: HTML.

Wie berichtet, soll HTML 5 nun definitiv kommen, und zwar wie gewohnt als Recommendation (offizielle Empfehlung) des W3-Konsortiums. Obwohl sich das Dokument, das später einmal die offizielle Empfehlung werden soll, noch in einem sehr frühen Working-Draft-Stadium (Arbeitsentwurf) befindet, lässt es doch schon erkennen, welche wesentlichen Neuereungen geplant sind. Und das sind mehr als nur einige. HTML wird in der neuen Vollversion „evolutionär“ erneuert, was heißen soll, dass ein Kompromiss zwischen Rückwärtskompatibilität und neuem Standard erreicht werden soll. Der Kompromiss besteht darin, dass Autoren keine veralteten Auszeichnungen mehr verwenden, Browser und andere User-Agents solche Auszeichnungen aber noch erkennen und verarbeiten sollen. Die Erneuerung besteht aus einer ganzen Reihe neuer Elemente und Attribute. Diese verfolgen vor allem zwei Ziele: erstens soll semantisch sinnvolles Markup wesentlich besser realisierbar sein als bisher, und zweitens soll HTML-Code besser für Scripting gerüstet sein, um moderne Webanwendungen besser zu unterstützen.

In dem geplanten Tutorial werden wir zunächst versuchen, etwas Klarheit in das Wirrwarr um die Spezifikation von HTML 5 zu bringen. Dann werden die derzeit absehbaren neuen Elemente und Attribute vorgestellt, und zwar im Zusammenhang mit den Konzepten, die dahinter stecken. Zuletzt wird das Tutorial noch erklären, was Sie selber tun können, um an HTML 5 mitzuarbeiten. Neben dem HTML-5-Tutorial wird die Einführung in Hypertext noch weitergeführt, so dass in nächster Zeit also diese beiden „Serien“ auf dem Webkompetenz-Kanal laufen werden.


Samstag, 8. September 2007

Das Upload-Magazin als Website und in PDF

Hin und wieder stößt man auf Webprojekte, die einfach gut gemacht sind, viel zu bieten haben und ohne viel Aufhebens funktionieren. Eines dieser Webprojekte ist für mich UPLOAD. „Bei UPLOAD dreht sich alles um Weblogs, Podcasts, Wikis, PDF-Magazine und andere Möglichkeiten, Inhalte und Werke digital zu verbreiten“, heißt es in der Eigenaussage.

Die Frontseite besteht aus Anlesertexten der neuesten Artikel. Es handelt sich dabei tatsächlich um Artikel und nicht nur um Postings — also um Beiträge, deren Erstellungsaufwand eher in Stunden misst als in Minuten. Jan Tißler, der Macher hinter dem Upload-Magazin, ist Journalist, und diese Professionalität ist den Artikeln anzumerken. Redaktioneller Aufwand steckt auch hinter den Podcasts, die im Schnitt alle zwei Wochen erscheinen und eine Länge von 10 bis 15 Minuten haben. Im Audio-Bereich wirken Jan Tislers Beiträge sprachlich nicht ganz so glatt wie die eines Radiomoderators. Zum Glück verlässt er sich nach wenigen Einleitungsworten meist auf intuitives Erzählen, was der Lebendigkeit der Podcasts sehr zu Gute kommt.

Bei allen optischen Genüssen, die ein gelungenes Webdesign vermittelt: so manch einer, der noch mit kreativ orientierten Print-Zeitschriften aufgewachsen ist, vermisst mitunter doch etwas die Möglichkeiten einer Seite mit festen Ausmaßen in Breite und Höhe, klar durchgestylt und ohne Navigationsstress. Jan Tißler nutzt auch diesen Kanal, um sein Publikum zu bedienen. Im Juni 2007 erschien die Testausgabe eines PDF-Magazins. Um in den Genuß von dessen Aufruf oder Download zu kommen, ist jedoch eine Registrierung erforderlich. Die Registrierung ist mit keinen Kosten verbunden. Nun empfinden die meisten Anwender Registrierungspflicht nur da als gerechtfertigt, wo sie als User selber Content beitragen können und die Betreiber deshalb ein Anrecht auf ihre Identität haben. Und so ist es auch bei UPLOAD: die Registrierung ermächtigt nicht nur zum Download des PDF-Magazins, sondern auch zur Teilnahme am UPLOAD-Forum.

Das PDF-Magazin selbst ist im A4-Querformat gestaltet und erinnert in seinem ambitionierten Layout durchaus an Lifestyle-Zeitschriften. Die Inhalte bieten die richtige Mischung an Recherche-Tiefe und lockerer Darbietung. Jede Ausgabe hat Schwerpunkt-Themen. In der Testausgabe war dies das Thema Abmahnungen im Internet. Daneben werden aber auch Themen angeboten, zu denen noch nicht viel Anderes in deutscher Sprache geschrieben wurde, so etwa über die Blogosphäre in Russland. Die zweite Ausgabe des PDF-Magazins (die erste, die keine Testausgabe ist) erscheint dieser Tage.

Das UPLOAD-Magazin ist sicherlich kein Geheimtipp mehr, wie die Blogsuche verrät. Mit ein paar Hundert Besuchern am Tag gehört es durchaus zu den sogenannten A-Blogs, und in den Deutschen Blogcharts hält es einen guten Mittelplatz. Was mir persönlich gefällt, ist, dass es nicht so hektisch ist wie manches Trend-Blog, dass es mehrgleisig fährt und nicht so tut, als ob es außer der Blogosphäre nichts mehr gäbe im Internet. Bleibt zu wünschen, dass Jan Tißler die Kraft hat, dieses anspruchsvolle Projekt dauerhaft zu stemmen.

*****

Kleiner Hinweis noch in eigener Sache: da es sich bei diesem Blog-Beitrag um ein typisches Review handelt, habe ich es erstmals mit dem entsprechenden Mikroformat ausgezeichnet.


Mittwoch, 5. September 2007

SELF... eu!

Wer hier mitliest, dem muss ja nicht mehr erklärt werden, was SELFHTML ist. Nicht alle aber wissen, dass SELF so eine Art offenes Markenzeichen geworden ist, das mal mal sinnvoll, mal zum Trittbrettfahren genutzt wird. Gelungene Beispiele sind SELFLINUX oder auch SELFSVG.

Jetzt scheint sich was Neues zusammenzubrauen. Es nennt sich schlichtweg „SELF-Plattform“, kommt international als eu-Domain daher und hat auf jeden Fall gute Pressekontakte. Denn trotz bescheidener aktueller Inhalte hat es bereits zu Ankündigungen bei Heise und bei Golem gereicht.

Die Anlehnung an SELFHTML könnte in diesem Fall allerdings auch purer Zufall sein. Denn SELF steht in diesem Fall nämlich für „Science, Education and Learning in Freedom“. Dahinter verbirgt sich aber etwas, das ich persönlich sehr spannend finde: nämlich an den Bedürfnissen von Lernenden ausgerichtete Dokumentationen und Kursunterlagen für bekannte OpenSource-Software. Nun bekommen Newbies ja in Fachforen (vor allem auch im SELFHTML-Forum, das derzeit wegen Querelen in eben dieser Richtung geschlossen ist) immer gern ein herzhaftes RTFM um die Ohren gehauen. Das Gewissen der Experten bleibt dabei rein, denn schließlich weiß man ja, dass es zu typischen OpenSource-Produkten wie PHP, Perl, Apache oder MySQL umfangreiche Produktdokumentationen gibt, die mit viel Aufwand gepflegt und verbessert werden. Dennoch sind es „nur“ Produktdokumentationen. Als solche haben sie verschiedenste Ansprüche zu erfüllen: sachliche Unfehlbarkeit, vollständige Referenz, Sammelbecken für Workarounds usw. Die meisten dieser Produktdokumentationen enthalten zwar auch Einführungen, doch treffen diese meist nicht wirklich den Nerv derer, die mit dem Produkt eine neue fachliche Welt betreten. Drittanbieter-Unterlagen in diesem Bereich können also durchaus Lücken schließen und für die OpenSource-Produkte sogar neue Nutzerkreise gewinnen.

Doch lassen wir das SELF-Projekt selber sprechen (es spricht zunächst mal nur Englisch, soll aber Inhalte in ganz verschiedenen Sprachen produzieren):

The SELF Platform will have two main functions. It will be simultaneously a knowledge base and a collaborative production facility: On the one hand, it will provide information, educational and training materials that can be presented in different languages and forms: from course texts, presentations, e-learning programmes and platforms to tutor software, e-books, instructional and educational videos and manuals. On the other hand, it will offer a platform for the evaluation, adaptation, creation and translation of these materials. The production process of such materials will be based on the organisational model of Wikipedia.

Zwei Ebenen sind also geplant: zum einen die Präsentationsebene, also das, was man überhaupt anbieten will, nämlich Lernmaterial für OpenSource-Produkte in verschiedenen Sprachen und verschiedenen Präsentationsformen; und zum anderen die Produktionsebene, die nach Wiki-Vorbild kollaborativ und nach außen hin offen gestaltet werden soll. Es soll klare Maßstäbe zur Qualitätssicherung geben und klare Lizenzformen. Das klingt alles auf jeden Fall sehr spannend. Bleibt nur zu verfolgen, was aus den großen Ansprüchen wird. Hoffen wir das Beste!


Montag, 3. September 2007

Hypertext (9): Tim Berners Lee: World Wide Web

siehe auch:
(1): Text und Linearität
(2): Computer und Hypertext
(3): Inhaltseinheiten und Verlinkung
(4): Suchen und Stöbern
(5): Orientierungsmittel für Hypertext
(6): Hypertext und Informationsaufnahme
(7): Vannevar Bush: Memex
(8): Ted Nelson: Xanadu


Die Mehrheit der Bürger ist im Internet, was allein schon ein unglaublicher Wandel ist, der da innerhalb von 10 bis 15 Jahren stattgefunden hat. Nicht wenige verdienen ihr Geld im oder durch das Internet. Dabei meinen die meisten, wenn sie vom Internet reden, gefühlt zu etwa 80% World Wide Web, zu 15% E-Mail und zu 5% Sonstiges, wie Instant Messaging, VoIP-Telefonie, IRC-Chat, Peer-to-Peer-Anwendungen usw. Für viele Menschen ohne tiefere Internet-Kenntnisse sind Internet und World Wide Web schlichtweg Synonyme. Denn erst durch das Web ist das Internet ein Massenmedium geworden. Dabei ist das Web jedoch kein ultrakomplexes Produkt, sondern ein griffiges Konzept, das im Kopf eines einzigen Mannes entstanden ist.

Die Vorgeschichte

Tim Berners-Lee Tim Berners-Lee (persönliche Homepage beim W3-Konsortium, persönliches Weblog) ist ein bescheidener Zeitgenosse geblieben, obwohl seine kulturgeschichtliche Bedeutung immer wieder mit derjenigen von Johannes Gutenberg verglichen wird, und obwohl er als britischer Landsmann im Jahre 2004 von Queen Elizabeth II zum Ritter geschlagen wurde. Der 1955 geborene Berners-Lee studierte Physik in Oxford und gelangte 1984 zum europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf. wo er 1980 erstmals als Software-Consultant tätig gewesen war.

Bereits Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre war Berners-Lee besessen von der Idee einer Software, die alles mit allem verknüpft. Die Idee selbst war ja dank Persönlichkeiten wie Vannevar Bush oder Ted Nelson nicht mehr neu. Doch in der Zeit, von der hier die Rede ist, war es alles andere als selbstverständlich, dass jemand wie Berners-Lee sich mal eben mit der bisherigen Hypertextgeschichte auseinandersetzen und auf vorhandenen Konzepten aufsetzen konnte. Das, was dazu nötig gewesen wäre, gab es einfach noch nicht: nämlich weltweit vernetzte, sofort verfügbare Information. Außerdem wurde Nelsons Terminus Hypertext erst Ende der 80er Jahre zu einem zumindest in der Wissenschaft verbreiteten Begriff.

Berners-Lee experimentierte zunächst mit einer selbst geschriebenen Software namens Enquire (to enquire = erkundigen, nachfragen, erforschen), die er bei seinem ersten CERN-Consulting 1980 konzipiert hatte. Er nutzte Enquire, um alles zu vernetzten, was er an persönlichen Daten und Dokumenten hatte: Adressen, Notizen usw. Enquire war ein lokal ausgerichteter Hypertext-Interpreter. Er erlaubte Links innerhalb eines Dateisystems und Links zu definierten Ankern innerhalb einer Datei, später auch zu Zielen jenseits des lokelen Dateisystems. Seine Informationen speicherte er in einer einzelnen Datenbankdatei. Doch damit war Berners-Lee auf die Dauer nicht zufrieden. Er wollte keine Hypertext-Software-Lösung für Einzelbenutzer oder geschlossene Arbeitsgruppen, sondern eine globale Lösung, ein dezentral auf beliebig weit entfernte, leitungsverbundene Rechner verteilbares Hypertext-System, das nicht aus einer Zentraldatenbank bestand. So kam Berners-Lee auf die Idee, seine Hypertext-Idee als Dienst für das Internet zu konzipieren.

Die Säulen des Web

Die meisten Internet-Dienste sind client-server-orientiert. Benutzer, die den Dienst nutzen wollen, verwenden einen Dienste-Client. Der Dienste-Client ermöglicht es, eine Anfrage in der diensteigenen Protokollsprache an einen anderen Rechner im Internet zu richten (Internet-Dienste werden durch sogenannte Portnummern unterschieden). Wenn auf dem angewählten Rechner ein entsprechender Dienste-Server läuft, bekommt dieser die protokolleigene Anfrage über die vereinbarte Portnummer zugewiesen, kann sie auswerten und entsprechend reagieren, z.B. durch Senden angeforderter Daten. Nach diesem Muster konzipierte Berners-Lee auch das World Wide Web. Wer Informationen auf einem Internet-Rechner anbieten wollte, benötigte einen dienste-spezifischen Server, in diesem Fall einen Webserver. Wer solche Informationen abrufen wollte, benötigte hingegen einen Web-Client. Berners-Lee entwickelte folgende zentrale Komponenten des Webs:

Nachdem die ersten Fassungen des Webservers und des HTTP-Protokolls zur Verfügung standen, konnte der erste Web-Browser zum Einsatz kommen. Es war ein reiner Zeilen-Browser für eine nichtgrafische Oberfläche. Auf Unix-Systemen war er typischerweise unter /usr/local/bin/www aufrufbar. Er benutzte eine zum Programmumfang gehörende Datei namens default.html als voreingestellte Startseite.

Screenshot von Tim Berners-Lee's Original-WorldWideWeb-Browser für Textoberflächen
Screenshot von Tim Berners-Lee's Original-WorldWideWeb-Browser für Textoberflächen
Original siehe http://info.cern.ch/LMBrowser.html

Der Browser für den Textmodus entsprach allerdings nicht Berners-Lee's Vorstellungen von der Zukunft von Hypertext. Anfang der 90er Jahre gewannen grafische Benutzeroberflächen immer mehr an Bedeutung. Berners-Lee selbst arbeitete bevorzugt mit NeXT-Rechnern, einem unix-basierten Edel-Betriebssystem von Apple-Gründer Steve Jobs. Der erste NeXT-Browser entsprach weitgehend dem, was Berners-Lee sich vorstellte:

Screenshot von Tim Berners-Lee's Original-WorldWideWeb-Browser
Screenshot von Tim Berners-Lee's Browser für NeXT-Computer
Original siehe http://info.cern.ch/NextBrowser.html

Genauer betrachtet, dachte Berners-Lee nicht nur in den Kategorien Informationsangebot und Informationsnachfrage. Das Web sollte von Beginn an auch dazu dienen, das Anbieten von Information überhaupt zu ermöglichen. Der Web-Client, den Berners-Lee sich vorstellte, sollte nicht wie heute üblich ein reiner Browser sein, sondern ein Kombi aus Browser und Remote-Editor.

Auch etwas anderes ist an dem NeXT-Screenshot erkennbar: der Browser-Benutzer hatte die Möglichkeit, sich sein persönliches Stylesheet einzurichten. Für die Standardelemente der Original-HTML-Sprache konnte sich der Benutzer bequem einstellen, wie Elemente der entsprechenden Typen bei ihm erscheinen sollen. So hatten alle auf HTML basierenden Web-Dokumente für den Benutzer ein einheitliches Aussehen, das seinen persönlichen optischen Vorlieben entsprach. HTML selbst enthielt deshalb auch gar keine Sprachbestandteile für Formatierungen, abgesehen von primitiven Formatauszeichnungen wie Fettschrift oder Kursivschrift.

Die Kommerzialisierung des Web

Die Kommerzialisierung des Web begann mit einem jungen Mann, der von der Idee des Webs fasziniert war, aber eher mit Dollarzeichen in den Augen und weniger im Dienste der Enzyklopädie des menschlichen Wissens: Marc Andreessen entwickelte den ersten grafischen Web-Browser für bekanntere Benutzeroberflächen als NeXT. Sein Browser mit dem Namen Mosaic avancierte binnen kürzester Zeit zum Volkswagen des Web, erhältlich unter anderem auch für Microsoft Windows. Es war jedoch ein reiner Browser ohne Editier-Funktionalität. Damit war die erste entscheidende Weiche gestellt: die erste große Besucherwelle im Web war beeindruckt davon, in einem einfachen Anwendungsfenster Dokumente aus aller Welt betrachten zu können, die auch noch untereinander vernetzt waren, sodass man nicht viel mehr können musste als auf Links zu klicken. Doch den vielen tausend Menschen, die zwischen 1993 und 1994 durch Artikel in namhaften amerikanischen Zeitungen und Zeitschriften auf das Web aufmerksam wurden und das Glück eines Internetzugangs hatten, wurde durch den Mosaic-Browser auch vermittelt: da gibt es ein paar Gurus, die wissen, wie man Dokumente ins Web bringt, und von denen hängt letztlich ab, was im Web angeboten wird.

Nicht Berners-Lee, sondern Andreessen war es, durch dessen Software-Fenster die Welt das Web erblickte. Gemeinsam mit James H. Clark gründete er eine neue Firma namens Netscape, die einen auf Mosaic basierenden Browser namens Netscape Navigator entwickelte. Dieser Browser brach mit einem weiteren zentralen Konzept von Berners-Lee. Statt dem Benutzer zu überlassen, wie er Inhalte optisch dargestellt bekommen möchte, baute Netscape die HTML-Sprache munter und spontan zu einer bunten Formatiersprache aus. Autoren von Webseiten konnten plötzlich mit Hintergrundfarben, Hintergrundbildern, bunten und veränderlich großen Texten arbeiten, Informationen in mehrere Frame-Fenster verteilen und mit einer kleinen Scriptsprache namens JavaScript allerlei Unfug treiben. Dier Beruf des Webdesigners war geboren (mittlerweile versteht man unter einem Webdesigner natürlich etwas anderes als jemanden, der Texte bunt macht und Benutzer mit kleinen trivialen dynamischen Effekten nervt).

Der Netscape-Browser hatte Mitte der 90er Jahre unter den Web-Browsern eine Marktdominanz wie heute etwa Google bei den Suchmaschinen. Es dauerte reichlich lange, bis der führende Welt-Software-Riese Microsoft bzw. sein Chef Bill Gates erkannten, dass da gerade ein Zug am Abfahren war. In einem gewaltigen Kraftakt versuchte Microsoft verschlafenes Know How aufzuholen. Ab 1997 bzw. Version 4 des hauseigenen Browsers Internet Explorer gewann Microsoft tatsächlich Oberwasser im Browser-Markt. Der Grund war jedoch, dass man den Browser einfach ins Betriebssystem Windows so fest integrierte, dass er bei jeder neuen Windows-Installation der Default-Web-Browser war. Die Konkurrenz strengte Prozesse gegen die Browser-Integration ins Betriebssystem an, doch ohne Erfolg. Der Internet-Explorer verdrängte den Netscape Navigator, doch an der Marschrichtung änderte sich nichts. Web-Browser wurden als Fenster in ein kommerziell orientiertes Web konzipiert. Ohne Editiermöglichkeit, realisiert als möglichst ausgereifte und fehlertolerante Sklaven für die optischen Vorstellungen von Webdesignern und ausgerüstet mit proprietären Techniken für neuere, vor allem kommerziell interessante Nutzungsmöglichkeiten. Die Wunsch-Software der Dotcom-Blase.

Tim Berners-Lee berichtet in seiner Biographie (Weaving the web, deutsche Übersetzung: Der Web-Report) über Begegnungen mit Marc Andreessen. Daraus geht deutlich die Abneigung hervor, die Berners-Lee gegen Andreessens Abkehr von den ursprünglichen Browser-Editor-Vorstellungen und die Anbiederung an die Kommerzwelt hegte. Die Blütezeit der Dotcom-Welle muss für Berners-Lee eine sehr ambivalente Erfahrung gewesen sein: einerseits hatte sein World Wide Web tatsächlich die Welt erobert. Doch andererseits hatte sich das Web in eine vorherrschende Richtung entwickelt, die nicht mehr viel mit den ursprünglichen Vorstellungen von der freien Informationsvernetzung zu tun hatte.

Web 1.0 — Web 2.0

Nicht weniger problematisch ist allerdings das Verhältnis zwischen Tim Berners-Lee und dem, was sich mittlerweile selbst allerortens als Web 2.0 feiert. Denn eigentlich wirkt vieles von dem, was zu den Kern-Features von Web 2.0 gehört (mehr Editiermöglichkeiten für Benutzer, Techniken für intensivere Informationsvernetzung), wie ein Versuch, nachträglich das zu realisieren, was eigentlich das Web des Tim Berners-Lee hätte werden sollen. Andererseits muss es Berners-Lee schmerzen, wenn die Web-2.0-Bewegung von einem falschen Erstzustand des Web ausgeht. Denn das, was diese als das rein konsumorientierte, für passive Benutzer konzipierte Web 1.0 bezeichnet, war eben nicht aber das ursprüngliche Web von Tim Berners-Lee, sondern das Web von Marc Andreessen und Bill Gates. In einem Podcast-Interview (Textmitschrift in Auszügen oder Original-MP3-Podcast (ca. 17 MByte, ca. 25 Minuten) — beides in Englisch) äußert sich Berners-Lee auf diesem Hintergrund sehr kritisch über den Web-2.0-Hype.

Was die Web-2.0-Szene indessen erkannt hat, ist die richtige Mischung für eine produktive Web-Atmosphäre. Sie besteht vorwiegend aus OpenSource und OpenContent, gepaart mit der freiwilligen Energie von Social Networking und nicht-marktschreierischem Unternehmergeist. Das Web ist auch kein reines Wissenschaftsnetz mehr wie in den anfänglichen Vorstellungen von Berners-Lee. Es integriert vielmehr Menschen unterschiedlichster Kulturen und Bildungsschichten, Experten und Dummies, von denen quer durch alle Bänke ein Teil auch aktiv an den Inhalten des Webs mitwirkt. Die von Berners-Lee angedachte Web-Client-Software alleine könnte das Web in heutiger Zeit nicht mehr voranbringen. Denn das Web besteht nur noch zu einem Teil aus Dokumenten im herkömmlichen Sinn. Zum anderen, immer größer werdenden Teil besteht es aus Anwendungen und aus Multimedia. Einflussreiche Webanwendungen wie Google Maps, Wikipedia oder große Blogger-Plattformen verändern das Web und das darin enthaltene Hypertext-Potential nachhaltig. So kann man heute nicht mehr nur auf Dokumente und vielleicht noch auf Mailadressen verlinken, sondern auch auf Geo-Koordinaten und Newsfeeds. Fehlende Hypertext-Features im Web, wie etwa ein stabiles Versionensystem bei Dokumenten oder bidirektionale Links, werden ebenfalls auf Ebene der Webanwendungen ausgeglichen, nämlich durch Features wie Permalinks oder Trackback-Funktionalität. Dazu kommt der stetig wachsende Anteil an Multimedia, der sich zwar derzeit noch stark auf einzelne Plattformen wie YouTube oder MyVideo konzentriert, die jedoch zu den meistbesuchtesten im Web gehören.

Berners-Lee hat das Web in weiser Voraussicht software-unabhängig konzipiert. Für die Ausformung der notwendigen technischen Standards hat sich das W3-Konsortium gegen proprietäre Herstellerinteressen durchgesetzt. Damit ist das Web ein eigentlich erstaunlich stabiles Fundament für weltweiten Hypertext. Hohe Nutzerzahlen und ein unter Webentwicklern und Webdesignern wachsendes Bewusstsein für Standardkonformität sorgen für weitere Stabilität. Unter den Ansätzen für globalen Hypertext ist das Web der erste und einzige, der bislang zum Erfolg geführt hat. Der Vergleich zur Kulturtechnik des Buches ist angesichts der Bedeutung des Webs alles andere als abwegig. Absehbar ist auch, dass das Web nicht nur den herkömmlichen Printmedien-Markt verändert. Schon längst hat es den Tonträgermarkt verändert, und ebenso wird es auch die Rundfunk- und Fernsehlandschaft verändern. Printmedien, Tonträger, Rundfunk und Fernsehen in herkömmlicher Form werden in bestimmte Nischen (Liebhaber, Outdoor usw.) gedrängt. Der bezahlbare Medienstandard wird dagegen das Web sein, zugänglich über Breitband-Flatrate. Der Umgang mit Hypertext wird dadurch so selbstverständlich, wie es einst das Umblättern von Seiten oder das Einlegen von Cassetten war.

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