Donnerstag, 30. August 2007

Tiefen-Blogging oder die Autorität des Autors

In einem lesenswerten Blog-Beitrag mit dem Titel Der Trend zum Tiefen-Blogger greift Wolfgang Sommergut ein Thema auf, mit dem sich viele Blogger einmal beschäftigen sollten. Der Beitrag schlägt eigentlich in die gleiche Kerbe wie unser früherer Beitrag Blogs als Parasiten. Jeder Blogger wünscht sich ein gut mit Beiträgen gefülltes Blog. Viele neigen jedoch dazu, Beiträge eher beiläufig und ohne besonderen redaktionellen Aufwand zu posten. Sie führen im Grunde ein öffentliches Notizbuch, in dem sie Gedanken, Bemerkungen, Reviews, Links und aufgeschnappte News ansammeln. Die Beiträge sind meist kurz, nicht selten telegrammstilartig und in der Regel nicht sehr sorgfältig ausformuliert. Das ist bei heruntergeschraubtem literarischem Anspruch allerdings noch vergleichsweise spannend, verglichen mit den vielen Blogbeiträgen, deren Inhalte lediglich aus anderen Quellen zusammenkopiert sind, oder die nur von Content-Syndication-Scripts automatisch generierte Ware darstellen.

Wolfgang Sommergut sieht einen neuen Trend in der Blogosphäre: immer mehr Blogger vermeiden den Selbstanspruch, im Alleingang ein komplettes News-Organ anbieten zu wollen. Stattdessen wird das Blog lieber benutzt, um „wertige“ Artikel anzusammeln, die auch nicht im Stundentakt erscheinen müssen. Ein wichtiger, diskussionsauslösender Beitrag zu dieser Thematik ist sicherlich der Anfang Juli 2007 erschienene Beitrag Write Articles, Not Blog Postings von Altmeister Jakob Nielsen. Nielsen fordert von einem Blogger, dass dieser in irgendeiner Disziplin, auf irgendeinem Gebiet der Beste sein sollte, einer, der seinen Bereich besser durchdringt als alle anderen, der darin souverän Akzente setzen kann und dem „man“, also die Masse, eine Führungsrolle auf seinem Gebiet zuerkennt. Denn egal ob menschliche Leser oder täuschungserfahrene Suchmaschinen-Spider: sie sind auf der Suche nach originärem Content, also nach dem, was nur ein richtiger Autor erschaffen kann.

Gerade der wohl bekannteste Viel-Poster der deutschsprachigen Blogosphäre, Robert Basic, wird von Wolfgang Sommergut als Beispiel-Kandidaten für den Trend oder zumindest den Wunsch nach mehr inhaltlicher Tiefe angeführt. Mit seinem Beitrag Tiefe und Bloggen, der Ende Juli 2007 erschien, erweckt Robert tatsächlich den Eindruck, als ob er der typischen Oberflächlichkeit eines gewöhnlichen Blogs ziemlich überdrüssig sei. Er träumt von einem Webprojekt, das irgendwo zwischen Blog, Wiki und statischer Dokumentation angesiedelt ist, und dessen Inhalt eine fachlich fundierte, zusammenhängende Vermittlung der Materie rund ums Web 2.0 ist. Eine Art SELFHTML also für das Know How jenseits der Web-Basistechnologien, realisiert auf einer hochgradig produktiven Webanwendung, die zwanglos chronologisches Publizieren mit gründlich systematischem Publizieren zwanglos und gründlich vereint ;-)

Doch verläuft der Trend zu mehr inhaltlichem Tiefgang nicht konträr zur Philosophie von Web 2.0? Schließlich wird dort allenthalben User generated Content propagiert. Die Antwort lautet: Nein. Der Widerspruch löst sich, wenn man bedenkt, dass User generated Content etwas anderes ist als reine Interaktion mit anderen Benutzern. User generated Content steht für spontan mögliches Publizieren im Web, nicht für das Gebrabbel, Dampfgeplauder und Gezänk in manchen Diskussionsforen oder Kommentarschlachten. Auch wenn er über Web-Formulare eingespeist wurde, so ist es doch Content, wobei man darunter durchaus wieder das verstehen darf, was wir zuvor als originären, autoren-orientierten Content bezeichnet haben. Könnte man also die Prognose wagen, dass der Trend zu mehr Tiefgang auch den User generated Content erfassen wird? Unsere Antwort lautet: Ja. Die immer weiter wachsenden Qualitätsansprüche an Wikipedia-Autoren weisen deutlich in diese Richtung. Zwar muss man zwischen dem redaktionellem Anspruch eines Wikipedia-Artikels und dem eines Freizeitfreund-Profils auf einer Social-Networking-Plattform unterscheiden. Doch auch dort werden sich Profile und andere Inhalte durchsetzen, die nicht aus Unsicherheit woanders abgekupfert wurden, sondern die Temperament und Persönlichkeit ihrer Urheber glaubhaft in Text und Multimedia übersetzen.

Man kann allerdings einwänden, dass es sich beim „Tiefen-Bloggen“ gar nicht um einen neuen Trend handelt, sondern einfach nur um einen alten Hut, der mal wieder neu entdeckt wurde. Schon immer wurde nach mehr Tiefgang gerufen, wenn das Gewässer zu seicht zu werden drohte. Und seicht wird es, wenn Wahrnehmung und Denken in spotlightartig Vordergründigem und wahllos Tagesaktuellem zu versacken drohen. Im Trend zum Tiefen-Blogging verbirgt sich also der Wunsch nach einer erklärenden Zusammenhänglichkeit, wie sie nur von einem Autor kraft seiner Autorität geschaffen werden kann.

Diskussionen zu diesem Eintrag im Webkompetenz-Forum:
Zum Blog-Eintrag: Tiefen-Blogging oder die Autorität des Autors


Dienstag, 28. August 2007

Kuckstu hier: Google Maps jetzt auch als Inline-Frame

Wenn man schon im Impressum seiner Website seine Adresse angeben muss, kann man das ja auch gleich stilvoll tun, indem man einen passenden Kartenausschnitt präsentiert. Bislang war das immer eine Angelegenheit, die grafische Zusatzarbeiten erforderte und außerdem ganz leicht fremde Copyrights verletzte. Denn mal eben einen Screenshot von einem bei stadtplandienst.de oder ähnlichen Services angezeigten Stadtausschnittsplan anzupassen und als Grafik auf die eigene Website zu bringen sollte man aus urheberrechtlichen Gründen tunlichst vermeiden.

Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Google Maps lesen sich zwar auch nicht wie eine Copyleft-Lizenz, sind jedoch so gehalten, dass zumindest das direkte Verlinken von Originalkarten aus Google Maps auf eigenen Webseiten nie einen Lizenzverstoß darstellte. Ganz im Gegenteil wurde diese Möglichkeit von Google sogar aktiv unterstützt. So gab es immer schon zu jedem angezeigten Google-Maps-Kartenausschnitt den Link URL zu dieser Seite, der das Kopieren einer URL ermöglichte, die genau den angezeigten Kartenausschnitt direkt aufrufbar macht. Sehr praktisch für Bookmarks, oder zur Verwendung in E-Mails oder auf eigenen Webseiten, um einen dort genannten Ort zu kennzeichnen

Klickt man URL zu dieser Seite an, bietet der dabei ausgelöste Popup-Layer mittlerweile jedoch noch eine neue Funktion an: den HTML-Code zum Einbetten des Kartenausschnitts in einen Inline-Frame:

Screenshot Google Maps
Screenshot Google Maps

In einer zusätzlich aufrufbaren Vorschau kann man Größe und Aussehen des Inline-Frames noch weiter den eigenen Wünschen anpassen. Wer über entsprechende HTML/CSS-Kenntnisse verfügt, kann natürlich auch seine eigenen Vorstellungen im Quelltext verwirklichen. Hier ein Beispiel, wie so etwas hinterher auf einer eigenen Webseite aussehen könnte:

Der HTML-Code dazu:

<iframe width="95%" height="300" frameborder="no" scrolling="no" 
marginheight="0" marginwidth="0" 
style="border: solid 6px rgb(195,217,255); -moz-border-radius: 6px" 
src="http://maps.google.de/maps?q=Dorotheenstra%C3%9Fe+84,+10117+Berlin&ie=UTF8&om=1
&s=AARTsJpTBbyW_tifyvpBxE0OBXm6zIut0w&ll=52.524264,13.387957
&spn=0.018278,0.036478&z=14&iwloc=addr&output=embed">
</iframe>

Der Kartenausschnitt bietet dank der Einbettung als Inline-Frame die Originalfunktionalität von Google Maps. So kann man den Kartenausschnitt mit der Maus ändern und zoomen. Ein Klick auf die in der Sprechblase angezeigten Adresse öffnet den Kartenausschnitt im gesamten Browserfenster.

Das Einbetten einer Google-Maps-URL in einem Inline-Frame war natürlich auch schon früher möglich. Jedoch wurde dann einfach die entsprechende Google-Maps-Seite eingebunden, mitsamt aller Navigationsbereiche. Die jetzt von Google angebotene Möglichkeit lädt dagegen nur den reinen Kartenausschnitt in den Inline-Frame. Ein Ärgernis für HTML-Puristen bleibt natürlich das ganze Thema Frames. Verwendet man im HTML-Code einen Inline-Frame, kann man für betroffene Webseiten keinen der empfohlenen HTML-Standards (HTML 4.01 strict, XHTML 1.0 strict) mehr anwenden. Doch das ist letztlich ein Problem der nicht mehr praxisgerechten HTML/XHTML-Spezifikation: während klassische Framesets tatsächlich langsam am Aussterben sind, nimmt die Bedeutung von Inline-Frames immer weiter zu. Gerade im Web-2.0-Bereich finden sich häufig Inline-Frames. Trost für wackelnde Puristen: in HTML 5 (wir berichteten) wird das iframe-Element zum empfohlenen Standard gehören.


Montag, 27. August 2007

Tutorial: Ajax (9)

siehe auch:
(1): Was ist Ajax?
(2): Warum heißt Ajax so? Wo kann ich Ajax in Aktion sehen?
(3): Worin besteht die Ajax-Schnittstelle? Wie wird Ajax standardisiert?
(4): Welche Nachteile hat Ajax? Wie sicher ist Ajax?
(5): Ein einfacher Ajax-Kernel
(6): Eigenschaften und Methoden des XMLHTTPRequest-Objekts
(7): Ajax-Beispiel: Formularüberprüfung
(8): Ajax-Beispiel: Tabellensortierung


Dies ist der letzte Teil des Ajax-Tutorials!

Das Ajax-Tutorial downloaden:
http://groups.google.com/group/webkompetenz/web/Ajax.pdf (ca. 388 KByte)

PDF-Reader erforderlich!

Ajax-Bibliotheken und Frameworks

Tausendfach bewährter Code ist immer sicherer als neu erstellter. Deshalb gehört es in der Programmierung zum guten Ton, im Zweifelsfall auf vorhandenen Code zurückzugreifen. Zu diesem Zweck gibt es Code-Bibliotheken. Je mehr Fälle solche Code-Bibliotheken abdecken, desto bestimmender werden sie für die Anwendungsprogrammierung. Bei umfassenden Code-Bibliotheken spricht man deshalb auch von Frameworks.

Wenn Sie Ajax nur an einer oder wenigen Stellen benötigen, sind eigene Scripts meist performanter und übersichtlicher. Wenn Sie jedoch planen, eine Ajax-intensive Webanwendung zu entwickeln, lohnt sich der Aufwand, sich in das „Bedienen“ eines Frameworks einzuarbeiten.

Nachfolgend ausgewählte Produkte laufen unter OpenSource-Lizenzen (Details sind den jeweiligen Websites zu entnehmen). Es handelt sich nicht nur um reine Ajax-Bibliotheken, sondern um Bibliotheken, die in der Regel auch andere client-seitige Scriptaufgaben mit übernehmen, wie Event-Handling, DOM-Zugriffe oder Dialogelemente wie Menüs, Listen usw. Die Frameworks sind in aller Regel gut dokumentiert, da der Erfolg eines Frameworks letztlich daran hängt, wie leicht der Zugang dazu fällt.

  • Dojo:
    http://www.dojotoolkit.org/
    Sehr umfangreiches Framework zur Erstellung anspruchsvoller Webanwendungen, aber auch für speziellere Aufgaben wie XML-Parser, SVG-Grafik-Umsetzung, Validierung von Internetadressen, Widget-Builder und vieles mehr. Eine spezielle Ajax- Edition von Dojo wird angeboten.
  • jQuery:
    http://jquery.com/
    Framework, das konsequent die JavaScript-Objektstruktur erweitert und besonders den gesamten DOM-Bereich für Programmierer vereinfachen will. Enthält auch ein leistungsfähiges Ajax-Modul für alle HTTP-Methoden.
  • Prototype:
    http://prototype.conio.net/
    Objektorientierte Bibliothek für Bereiche wie DOM-Zugriffe, Event-Handling, Formularkontrolle und eben auch Ajax. Bei Ajax werden alle HTTP-Methoden für Requests unterstützt. Auch für dynamische periodische Aufrufe, wie im Zusammenhang mit dem web-basierten Chat von Fritz Weisshart beschrieben, werden unterstützt.
  • Qooxdoo:
    http://qooxdoo.org/
    Auf die Entwicklung von web-basierten, Ajax-unterstützten Anwendungen spezialisierte JavaScript-Bibliothek.

Abschließend noch einige ausgewählte Webadressen, die sich mit Ajax näher befassen.

Offizielle Quellen

  • W3-Konsortium: Spezifikation des XML-HTTP-Request-Objekts
    http://www.w3.org/TR/XMLHttpRequest/
    Maßgeblich dafür, wie das für Ajax verantwortliche XML-HTTP-Objekt in Browsern implementiert sein sollte.

Deutschsprachige Quellen

Internationale Quellen


Donnerstag, 9. August 2007

Kleine Sommerferien

Das Webkompetenz-Blog wird für ca. zwei Wochen Ferien machen und keine neuen Einträge erhalten. Für Leseratten deshalb noch ein paar Tipps:

  • Webstandards und Kundenansprache
    Blog-Beitrag von Nils Pooker. Argumente, wie ein Kunde davon überzeugt werden kann, barrierefreie und standardkonforme Webseiten erstellen zu lassen.
  • Fixed Width CSS Layouts
    Frei verfügbare CSS-Layouts, systematisch sortiert nach Anzahl Spalten, Header/Footer ja/ein usw. Hier: nur Layouts mit fixen Breiten!
  • The Curse of Xanadu
    Ausführlicher Artikel (englisch) über Ted Nelsons Xanadu-Projekt und seiner Passion (siehe auch unser Beitrag)
  • Verkehrte Netzwelt: Kein Pardon im Web 2.0
    Artikel von Benjamin Schnitzler über das Verhalten von Usern in Foren und anderen Kommunikationsorten im Netz.
  • Bloggen und Hypertext
    Claudia Brandstetter über Lesen am Bildschirm, Assoziation und Vernetzung und die Herausforderung beim Schreiben von Hypertext.

Dienstag, 7. August 2007

HTML-5 reift nun auf W3C-Server

Wie berichtet, ist die Geschichte von HTML mittlerweile doch nicht mehr nur die Vorgeschichte von XHTML, sondern geht ihre eigenen Wege weiter. Das W3-Konsortium, hat, um eine Spaltung bei der Standardisierung der Basis-Sprache von Webseiten zu vermeiden, in letzter Zeit eine ungewöhnliche Eile an den Tag gelegt. Als Ergebnis davon ist nun unter der Adresse http://www.w3.org/html/wg/html5/ ein Frühstadium der geplanten neuen HTML-Version 5 zu sehen. Genaugenommen befindet sich das Dokument noch nicht mal im Working-Draft-Zustand, weshalb es als „W3C Editor's Draft“ ausgegeben wird, eine Art Vorab-Working-Draft.

Die ersten Abschnitte des Dokuments lassen deutlich das Tauziehen der letzten Monate erkennen. Eine mühsame Koalition mit der WHATWG soll das Dokument voranbringen. Immerhin können Interessierte dort mal schön auf einen Blick sehen, was an Neuerungen geplant ist. Web-Entwickler dürfen sich auf neue HTML-Elemente freuen wie nav (für Navigationsleisten), article (z.B. für News- oder Blog-Beiträge), aside (für Marginalspalten oder abgesetzte Kästen, die vom Haupttext getrennt sind, aber einen Bezug darin haben), header und footer (für Kopf- und Fußbereiche von Webseiten), diverse spezialisierte Multimedia-Elemente wie figure, audio, video, source und canvas. Alles Neuerungen, die aus der Wunschkiste der Praktiker kommen. Sogar alte, längst verstoßene Bekannte wie embed und iframe sind wieder mit von der Partie, weil sie in der Praxis nie totzukriegen waren. Mit Spannung verfolgt werden darf auch die neue Abteilung für interaktive Elemente, zu denen Neuerungen wie details, datagrid oder command gehören. Diese Elemente sollen vor allem Standardaufgaben bei Webanwendungen so beschreibbar machen, dass kein zusätzliches Scripting mehr dafür nötig ist.

HTML 5 gibt also das mit XHTML 2 verfolgte Konzept der Elementreduzierung auf. Stattdessen soll eine ganze Reihe neuer Elemente und Attribute für mehr semantische Eindeutigkeit auf Webseiten sorgen. Eine Botschaft, die in der Praxis ankommt! Doch wie lange wird das Dokument auf dem W3-Server wohl noch reifen müssen, bis es den ersehnten Status einer offiziellen Recommendation (Empfehlung) haben wird, die dann auch für Browser-Anbieter zuverlässig gilt? Glaubt man dem Schedule of Deliverables der HTML-Arbeitsgruppe des W3C, soll die Empfehlung 2010 fertig sein. Da regt sich doch schon wieder Ärger an der Basis: ist denn der Review-Prozess tatsächlich nicht schneller durchführbar? Müssen dazu wirklich drei weitere Jahre vergehen?


Montag, 6. August 2007

Hypertext (8): Ted Nelson: Xanadu

siehe auch:
(1): Text und Linearität
(2): Computer und Hypertext
(3): Inhaltseinheiten und Verlinkung
(4): Suchen und Stöbern
(5): Orientierungsmittel für Hypertext
(6): Hypertext und Informationsaufnahme
(7): Vannevar Bush: Memex


Ted Nelson und der Begriff Hypertext

Der Ausdruck „Hypertext“ ist Ted Nelsons Verdienst. 1963 benutzte er den Ausdruck angeblich bereits, 1965 taucht das Wort erstmals schriftlich auf, und zwar in einem College-Zeitungsartikel zu einer Vorlesung von ihm, die den Titel „Computers, Creativity, and the Nature of the Written Word“ trug. Nachweisbare offizielle Literaturzitate sind allerdings jüngeren Datums. 1974 lässt Nelson ein Buch drucken mit dem programmatischen Titel „Dream Machines: New Freedoms through Computer Screens. A Minority Report (1974)“. In dem 1987 bei Microsoft Press nachgedruckten Werk konkretisiert Nelson seine Vorstellungen von Hypertext. Der wesentliche Aspekt ist für ihn, dass Hypertext von den Zwängen des sequentiellen Mediums Papier befreit: "By Hypertext i simply mean non-sequential writing; a body of written or pictorial material interconnected in such a complex way that it could not be presented or represented on paper. Hypertext is the generic term for any text, which cannot be printed." (Ausgabe 1987, S. 1/17).

Obwohl Nelson sich bewusst an Bushs Memex-Konzept anlehnt, wenn er 1972 einen Vortrag unter dem Titel „As we will think“ hält, radikalisiert er den Hypertextgedanken deutlich. Die inhaltlichen Bausteine, die es zu vernetzen gilt, sind in Nelsons Vorstellung keine kompletten herkömmlichen Dokumente mehr. Die Inhaltsbausteine sind bei ihm viel atomarer: eine Begriffsdefinition, eine Grafik, ein Foto, eine Notiz, ein Datensatz — das ist die Ebene der Inhaltseinheiten, deren Vernetzung durch Verlinkung Nelson unter Hypertext versteht. Der entscheidende Denkfortschritt dabei ist: Hypertext ist nicht einfach nur die explizite Verknüpfung herkömmlicher Dokumente. Um Hypertext zu produzieren, muss man sich von herkömmlichen, komplexen Dokumenttypen wie Abhandlung, Studie usw. lösen und viel elementarere Einzel-Topics als vernetzbare Einheiten verwenden: einzelne Thesen, Schnappschüsse, Aphorismen. Nelson erhofft sich von Hypertext als nicht-papiernem Medium die Befreiung von einer künstlichen Linearität, die durch das Medium Papier geschaffen wurde.

Der Xanadu-Entwurf

Xanadu, in der chinesischen Legende ein Synonym für Reichtum, ist der Namenspatron für Nelsons Hypertext-Projektvision, die er in den 60er Jahren entwickelte, und an der er bis auf den heutigen Tag festhält. Xanadu soll in Nelsons Vorstellungen der eine elektronische Ort sein, an dem alles Wissen der Menschheit, alle Dokumente, alle Äußerungen und sonstige Inhalte in dicht vernetzter Form gespeichert sind. Nelson nennt dieses digitale Universum „Docuverse“, also das Universum der Dokumente.

Bereits in den 60er Jahren entwickelte Nelson dazu sehr modern anmutende Gedanken. Mitten in einer Zeit, in der man unter Computern nur Großrechner im Kleiderschrankformat verstand, setzte er auf ein dezentrales System aus Host-Rechnern, genauso, wie es im heutigen Internet der Fall ist. Und genauso, wie heute das System der URIs aus Sicht des Web die eindeutige Adressierung beliebiger Inhalte im Internet regelt, hatte Nelson für Xanadu ein vergleichbares universelles Adressierungsschema ausgearbeitet. Dieses Schema geht jedoch noch wesentlich weiter als das URI-System. Nicht nur „ganze Dokumente“ sollen damit adressierbar sein, sondern im Prinzip auch beliebige Passagen innerhalb solcher Dokumente, also etwa Textpassagen, Abbildungen usw. Außerdem ist in Nelsons Dokumentensystem von vorneherein ein Permalink-System eingebaut, da von einem geänderten Dokument jeder einzelne Zwischenstand aufgehoben wird und separat adressierbar ist.

Im Xanadu-Konzept wird zwischen privaten und öffentlichen Inhalten unterschieden. Jeder, der Zugang hat, kann seine privaten Inhalte in das System einpflegen und beliebig mit öffentlichen Inhalten vernetzen. Persönliche Notizen, Briefe oder dergleichen lassen sich somit in den Bezugsrahmen des gesamten öffentlichen Xanadu stellen, was die persönliche Produktivität erhöht, ohne dem privaten Charakter zu schaden.

Xanadu verfolgt bei der Verlinkung von Inhalten jedoch ein gänzlich anderes Visualisierungskonzept, als es etwa im Web der Fall ist. Navigieren ist nicht auf das Klicken auf Links von A nach B reduziert. Stattdessen bewegt sich der Benutzer als eine Art Astronaut in einem Raum aus Dokumenten, wo Strahlen die Verknüpfungen anzeigen, und wo er sich frei bewegen kann. Verknüpfungen zwischen Inhalten sind in Xanadu automatisch immer bidirektional, d.h. beim Verweisziel ist die Verknüpfung ebenfalls präsent. Als Hintergrund dieser stark visuell ausgerichteten Navigation im Hypertextraum darf Ted Nelsons Biographie vermutet werden: bevor er sich näher mit Computern beschäftigte, hatte Nelson am Swarthmore College Filmemacherei gelernt.

Erfreulicherweise dürfen interessierte Benutzer die Xanadu Grundidee in einem kleinen Selbstversuch ausprobieren. Es wird nämlich ein Xanadu-Demo zum Download (ca. 5MByte) angeboten — leider nur für MS Windows. Nach Installation und Aufruf des Demos wird ein Dokument angezeigt. Um in dem Dokument zu scrollen, halten Sie Sie die [Strg]-Taste ([Ctrl]-Taste) gedrückt und drücken Sie gleichzeitig die Cursortasten für oben bzw. unten. Mit [Strg] und [Leertaste] können Sie zoomen. Interessant wird es jedoch erst, wenn Sie bei gedrückter [Strg]-Taste mal die Cursortasten für rechts bzw. links betätigen. Das eröffnet den Blick auf weitere vernetzte Dokumente, die Sie ebenfalls heranzoomen können. Die Verknüpfungen zwischen den Dokumenten sind sichtbar dargestellt.

Ausschnitt aus dem Xanadu-Demo für Windows
Ausschnitt aus dem Xanadu-Demo für Windows

Die Xanadu-typische Vernetzunglösung wirkt sich besonders auf Zitate aus. Wenn ein Autor einen anderen zitiert, muss er nicht dessen Text in den eigenen kopieren, sondern fügt an der entsprechenden Stelle einfach eine Referenz auf die gewünschte fremde Textpassage ein. Dank der exakten Adressierungsmöglichkeit von Inhalten kann von dem fremden Text dann einfach die gewünschte Passage dynamisch in den eigenen Text eingelesen werden. Ein ebenfalls in Xanadu integriertes Tantiemensystem, das mit einer Micropayment-Lösung verbunden ist, ermöglicht Xanadu-Autoren außerdem, ein Einkommen für ihre bei Xanadu publizierten Inhalte zu erhalten. Wird ein Autor von einem anderen auf beschriebene Weise zitiert, ist er anteilhaft an den eventuellen Tantiemen für den Text des zitierenden Autors beteiligt.

Nelsons einsamer Kampf gegen das Web

Ted Nelson
Ted Nelson

Es ist unschwer sich vorzustellen, wie Ted Nelson den Übernacht-Erfolg des World Wide Web erlebt haben muss, als seine Ideen schon fast 30 Jahre Reifezeit hinter sich hatten: wie ein genialer Tüftler, dessen Erfindung ein anderer in Ruhm und Ehre umsetzte — wobei das erfolgreiche Web für Nelson natürlich nur ein billiger Abklatsch seines Xanadu-Systems ist. Das Verhältnis ist bis auf den heutigen Tag gespannt und treibt seltsame Blüten. So gibt es etwa ein verwaistes HTML-Dokument direkt im Startverzeichnis der Webpräsenz des W3-Konsortiums (http://www.w3.org/Xanadu.html), das wie eine skizzierte, aber nicht weiter ausgeführte Hommage an Ted Nelson wirkt. Nelson's Homepage im Web wie auch die Webpräsenz von Xanadu sind dagegen Zeugnisse offensichtlichen inneren Widerstandes gegen das Web. Man präsentiert sich betont einsilbig, eher wie in einer Pflichtübung. Aus den Zeilen spricht deutlich: „wer mehr über das hier wissen will, ist hier am falschen Ort“. In einem ebenfalls verwaisten Mini-Dokument auf Nelson's Homepage verrät dieser schließlich, was er vom Web wirklich hält: „The Web isn't hypertext, it's DECORATED DIRECTORIES!“ („The Web ist kein Hypertext, es besteht nur aus DEKORIERTEN VERZEICHNISSEN!“).

Dabei sah es ein paar Jahre lang gar nicht schlecht aus für Xanadu. 1988 übernahm die Software-Firma Autodesk das Xanadu-Projekt. 1993 trennten sich die Wege jedoch wieder, und seitdem fehlt dem Xanadu-Projekt eigentlich der finanzielle Boden. Da es sich nicht ins Internet integrieren will, liegen die Probleme vor allem beim Ausbau einer Hardware-Netz-Infrastruktur.

Im Grunde lässt sich Xanadu aus heutiger Sicht eher mit einem einzelnen, enzyklopädischen Webprojekt vergleichen als mit dem Web als Ganzem. Das Xanadu-Projekt ist im Grunde nur auf seriöse wissenschaftliche Literatur ausgerichtet — und damit überhaupt nicht mit einem Massenmedium vergleichbar, wie es das Web geworden ist. Dagegen, dass Hypertext heute mit dem Web gleichgezetzt wird, lässt sich akademisch vielleicht noch argumentieren, doch praktisch ist dieser Zug längst abgefahren. Was bleibt, ist der Respekt gegenüber Nelsons Visionen, und vielleicht wird er ja selbst noch irgendwann sagen können: „Allmählich wird das Web ja doch so ähnlich, wie Xanadu hätte werden sollen“.



 

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